Aber warum hatte er gelogen? Warum?
Das war es, an das er sich nicht recht erinnern konnte. Melancholie als Gedächtnisfehler, eine akute Empfindung der Irrealität der Vergangenheit, ihre Nichtexistenz … Er war Melancholiker, zurückgezogen, ohne Kontrolle über seine Gefühle, zu Depression neigend. Man hätte ihn nicht auswählen sollen zu gehen; und jetzt konnte er sich nicht erinnern, weshalb er so leidenschaftlich gekämpft hatte, ausgewählt zu werden. Die Erinnerung war fort, vielleicht überwältigt von den quälenden, schmerzenden, bruchstückhaften Bildern des Lebens, das er zwischen seinen Gelüsten, zum Mars zu gehen, geführt hatte. So winzig und so kostbar. Die Abende auf den Plazas, die Sommertage an den Stränden, die Nächte in den Berten von Frauen. Die Olivenbäume von Avignon. Die grün leuchtenden Zypressen.
Er stellte fest, dass er das Alchemistenviertel verlassen hatte. Er befand sich am Fuße der großen Salzpyramide. Er ging langsam die vierhundert Stufen hinauf und setzte seine Füße vorsichtig auf die blauen rutschfesten Platten. Jede Stufe lieferte ihm eine weitere Sicht auf die Ebene von Underhill; aber es war immer der gleiche sterile Steinhaufen, ganz gleich, wie groß er wurde. Von dem quadratischen weißen Pavillon auf dem Gipfel der Pyramide konnte man eben noch Tschernobyl und den Raumhafen erkennen.
Sonst aber nichts. Warum war er zu diesem Platz gekommen? Warum hatte er so hart gearbeitet, um hierher zu kommen und so viele der Freuden von Leben, Familie, Heim, Muße und Spiel geopfert? Er schüttelte den Kopf. Soweit er sich erinnern konnte, war es einfach das gewesen, was er zu tun verlangt hatte, die Definition seines Lebens. Ein Zwang, ein Leben mit einem Ziel — wie konnte man den Unterschied benennen? Von Mond erhellte Nächte im duftenden Olivenhain, der Boden gefleckt von kleinen schwarzen Kreisen und die elektrisierende warme Brise des Mistral, die die Blätter in schnellen kleinen Wellen rauschen lässt. Er flach auf dem Rücken, die Arme weit ausgebreitet, während die Blätter silbrig und grau unter der schwarzen Kuppel der Sterne flackern. Und einer dieser Sterne war still, schwach, rot; und er würde ihn suchen und beobachten, dort zwischen den von Wind bewegten Olivenblättern. Und er war acht Jahre alt gewesen! Mein Gott, was waren die? Nichts erklärte das. Ebenso gut könnte man erklären, warum sie in Lascaux gemalt hatten, warum sie steinerne Kathedralen in den Himmel gebaut hatten. Warum Korallenpolypen Riffe bauten.
Er hatte eine gewöhnliche Jugend gehabt, war oft umgezogen, hatte die gewonnenen Freunde verloren, war auf die Universität von Paris gegangen, um Psychologie zu studieren. Er hatte seine Dissertation über Depression auf Raumstationen angefertigt und dann für Ariane und später Glavkosmos gearbeitet. Inzwischen hatte er geheiratet und war geschieden. Franchise hatte gesagt, er ›wäre nicht da‹. All diese Nächte mit ihr in Avignon, all jene Tage in Villefranche-sur-Mer. Ein Leben auf dem schönsten Fleck der Erde — und er war umhergelaufen in einem Nebel von Verlangen nach dem Mars! Das war absurd! Schlimmer noch, es war töricht. Ein Fehler der Phantasie, der Erinnerung und letztlich sogar der Intelligenz. Er war nicht imstande gewesen zu sehen, was er gehabt hatte, oder sich vorzustellen, was er bekommen könnte. Und jetzt musste er dafür zahlen, gefangen auf einer Eisscholle in der arktischen Nacht mit neunundneunzig Fremden, von denen kein einziger richtig Französisch sprach. Nur drei, die es immerhin versuchen konnten. Und Franks Französisch war schlimmer als gar keins. Es war, als ob man die Sprache mit einer Axt bearbeitete.
Das Fehlen der eigenen Zunge seines Geistes hatte ihn dazu getrieben, das Fernsehen aus der Heimat zu betrachten, was aber seine Qual nur noch verschärfte. Dennoch schickte er auf Band gesprochene Videomonologe an seine Mutter und Schwester, damit sie in gleicher Weise antworten konnten. Er sah sich diese Antworten oft an und achtete mehr auf die Hintergründe als auf seine Verwandten. Er führte auch gelegentlich Live-Gespräche mit Journalisten und wartete ungeduldig während der Dialogpausen auf Antworten. Solche Unterhaltungen zeigten, wie berühmt er in Frankreich war, eine allgemein vertraute, eine ›öffentliche‹ Person; und er bemühte sich, alle Fragen konventionell zu beantworten, indem er die Persona von Michel Duval spielte und das Michel-Programm ablaufen ließ. Manchmal sagte er Konsultationen mit Kolonistenkollegen ab, wenn ihm danach war, Französisch anzuhören. Sollten jene doch Englisch essen!
Aber diese Vorfälle trugen ihm eine scharfe Rüge seitens Frank ein und eine Konferenz mit Maya. War er überarbeitet? Natürlich nicht. Er hatte nur neunundneunzig Personen geistig gesund zu halten und wanderte zugleich in einer geistigen Provence auf von Bäumen bedeckten steilen Bergflanken mit ihren Weingärten, Bauernhäusern und verfallenen Städten und Klöstern in einer lebendigen Landschaft, einer Landschaft, die unendlich viel schöner und menschlicher war als die steinige Wüste dieser Realität …
Er saß in der Fernsehlounge. In Gedanken verloren war er offenbar in sich gegangen. Aber er konnte sich nicht daran erinnern. Er hatte gedacht, er stünde oben auf der Großen Pyramide. Und dann hatte er gezwinkert und befand sich in der TV-Lounge (alle Wohnkomplexe haben eine) und sah das Videobild einer von Flechten bedeckten Canyonwand in Marineris.
Er erschauderte. Es war wieder passiert. Er hatte den Kontakt verloren, war fortgegangen und später am Tage wieder zu sich gekommen. Das war schon einige dutzend Male passiert. Und es war nicht einfach Verlorensein in Gedanken, sondern darin vergraben sein, für die Welt tot. Er schaute sich in dem Raum um und erbebte krampfhaft. Es war jetzt Ls = 5, der Anfang des nördlichen Frühlings, und die Nordwände der großen Canyons erwärmten sich in der Sonne. Da sie alle irgendwie verrückt werden würden …
Dann war es Ls = 157, und 152 Grade waren in einer verschwommenen Nichtexistenz vergangen. Er wärmte sich in der Sonne im Hofe von Francoises Villa am Strand von Villefranche-sur-Mer und schaute hinab auf die Dächer und Terracottasäulen und ein kleines Becken, türkisfarben über dem Kobalt des Mittelmeeres. Eine Zypresse stand wie eine grüne Flamme über dem Teich, schwankte in der Brise und ergoss ihren Duft über sein Gesicht. In der Ferne die grüne Landzunge einer Halbinsel …
Nur befand er sich real in Underhill Prime, gewöhnlich als ›der Graben‹ oder ›Nadias Arkade‹ bezeichnet, und saß auf dem oberen Balkon mit Blick auf eine Zwergsequoia. Dahinter die Glaswand und die Spiegel mit ihrem abgestuften Reflexionsindex, die das Licht aus seinem Ursprung an der Cote d’Or in den Promenadeplatz hinunterlenkten. Tatiana Durova war durch einen von einem Roboter umgekippten Kran getötet worden, und Nadia war untröstlich. Aber Kummer läuft von uns ab wie Regen an einer Ente, dachte Michel, als er bei ihr saß. Im Laufe der Zeit würde Nadia sich erholen. Inzwischen konnte man nichts tun. Hielt man ihn etwa für einen Zauberer? Einen Priester? Wenn das stimmte, hätte er sich längst selbst heilen können und auch all diese Welt oder noch besser, er wäre durch den Weltraum nach Hause geflogen. Hätte das nicht eine Sensation ausgelöst, am Strand von Antibes zu erscheinen und zu sagen »Bonjour, ich bin Michel. Ich bin nach Hause gekommen?«