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Sturz in Geschichte

Das Labor summte friedlich vor sich hin. Pulte, Tische und Bänke waren von Sachen überhäuft, die weißen Wände gedrängt voller Graphiken, Plakaten und ausgeschnittener Skizzen, die alle unter heller künstlicher Beleuchtung vibrierten. Wie jedes Labor irgendwo. Irgendwie sauber und irgendwie unordentlich. Das einzige Fenster in der Ecke war schwarz und reflektierte das Innere. Draußen war Nacht. Das ganze Gebäude war nahezu leer.

Aber zwei Männer in Laborkitteln standen an einer Bank und beugten sich vor, um einen Computerbildschirm zu betrachten. Der kleinere der beiden drückte mit einem Zeigefinger auf die Tastatur unter dem Schirm, und das Bild wechselte. Grüne Korkenzieher auf schwarzem Grund, die so verschnörkelt waren, dass sie dreidimensional wirkten. Als ob der Bildschirm ein Kasten wäre. Das Bild aus einem Elektronenmikroskop. Das Gesichtsfeld hatte einen Durchmesser von ein paar Mikrons.

Der kleinere Gelehrte sagte: »Sie sehen, es ist eine plasmidische Reparatur der Gensequenz. Brüche in den ursprünglichen Strängen sind identifiziert. Austauschsequenzen sind synthetisiert; und wenn massenhafte Mengen dieser Austauschsequenzen in die Zelle eingeführt werden, sieht man die Brüche als Ansatzstellen, und die Ergänzungen binden sich an die Originale.«

»Führen Sie die durch Transformation ein? Elektroportation?«

»Transformation. Behandelte Zellen werden zusammen mit einer Komponente injiziert, und die Reparaturstränge machen einen konjugalen Transfer.«

»In vivo?«

»In vivo.«

Ein leiser Pfiff. »Also können Sie jedes kleine Ding reparieren? Zellteilungsfehler?«

»Das stimmt.«

Die beiden Männer starrten die Korkenzieher auf dem Schirm an, die hin und her wedelten wie die neuen Spitzen von Weinranken in einer Brise.

»Haben Sie Beweise?«

»Hat Vlad Ihnen diese Mäuse im Nachbarraum gezeigt?«

»Allerdings.«

»Diese Mäuse sind fünfzehn Jahre alt.«

Ein neuer Pfiff.

Sie gingen durch die nächste Tür in das Mäusezimmer und sprachen leise miteinander unter dem Summen der Maschinerie. Der Größere blickte neugierig in einen Käfig, wo Fellstücke unter Holzspänen atmeten. Als sie wieder gingen, schalteten sie die Lichter in beiden Räumen aus. Das Flimmern des Elektronenmikroskopschirms erhellte das erste Labor und verlieh ihm einen grünen Ton. Die Forscher traten ans Fenster und unterhielten sich leise. Sie blickten hinaus. Der Himmel war schon purpurn vom herannahenden Tag. Sterne verschwanden. Fern am Horizont stand ein schwarzes Massiv, der abgeflachte Berg eines riesigen Vulkans. Olympus Mons, der größte Berg im Sonnensystem.

Der größere Wissenschaftler schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, dies ändert alles.«

»Ich weiß.«

Aus dem Boden des Schachts sah der Himmel wie eine helle rosa Münze aus. Der Schacht war rund, hatte ein Kilometer Durchmesser und war sieben Kilometer tief. Aber vom Boden aus wirkte er viel enger und tiefer. Die Perspektive spielt dem menschlichen Auge viele Tricks.

So zum Beispiel sah dieser Vogel, der von dem runden rosa Punkt des Himmels herunterflog, so groß aus. Aber es war kein Vogel. »He!« sagte John. Der Direktor des Schachts, ein Japaner mit rundem Gesicht namens Etsu Okakura, sah ihn an; und durch ihre beiden Frontscheiben konnte John das nervöse Grinsen des Mannes erkennen. Einer seiner Zähne war verfärbt.

Okakura schaute auf. »Da fällt etwas«, sagte er rasch und dann: »Laufen!«

Sie machten kehrt und rannten über den Boden des Schachtes. John stellte schnell fest, dass, obwohl das meiste Gestein von dem schwarzen Basalt beseitigt war, man sich nicht bemüht hatte, den Boden des Schachts vollkommen eben zu machen. Sehr kleine Krater und Böschungen machten immer mehr Schwierigkeiten, als er schneller wurde. In diesem Moment primitiver Flucht wurden die in der Kindheit geformten Instinkte wieder aktiviert; und er stieß sich bei jedem Schritt zu hart ab, so dass er auf nicht inspiziertem Gelände heftig aufschlug und sich dann wieder wild abstieß in einem verrückten Rennen, bis er schließlich mit dem Zeh hängen blieb, zwischen die gezackten Steine krachte und die Kontrolle verlor, die Arme ausgebreitet, um seine Visierscheibe zu retten. Es war wenig tröstlich zu sehen, dass Okakura auch hingefallen war. Zum Glück ließ ihnen die gleiche Schwere, die sie zu Fall gebracht hatte, auch mehr Zeit zum Ausweichen. Das herunterfallende Objekt war noch nicht gelandet. Sie standen auf und rannten wieder los. Mit einem Mal fiel Okakura wieder hin. John blickte zurück und sah, wie ein heller metallischer Wisch auf den Fels traf; und dann war der Ton des Aufpralls ein solides Wumm, wie ein Schlag. Silberstücke spritzten fort, manche in ihre Richtung. Er hörte zu laufen auf und suchte den Himmel nach Bruchstücken ab. Überhaupt kein Ton.

Ein großer hydraulischer Zylinder kam herunter und prallte, sich überschlagend, links von ihnen auf. Sie sprangen beide fort. Sie hatten ihn nicht kommen sehen.

Danach herrschte Stille. Sie blieben fast eine Minute lang stehen. Dann rührte sich Boone. Er schwitzte. Sie trugen Druckanzüge, aber mit 49 Grad Celsius war der Boden des Schachtes die heißeste Stelle auf dem Mars, und die Isolation des Anzugs war gegen Kälte gedacht. Boone machte eine Bewegung, um Okakura auf die Beine zu helfen, hielt aber inne. Der Mann würde wohl lieber alleine aufstehen, als Boone ein giri für die Hilfe zu schulden. Falls Boone das richtig verstand. Statt dessen sagte er: »Wir wollen mal schauen.«

Okakura stand auf, und sie gingen über den schwarzen Basalt zurück. Der Schacht war vor langer Zeit in solides Urgestein gebohrt worden und reichte jetzt mit etwa zwanzig Prozent durch die Lithosphäre. Auf dem Grund war es stickig, als ob die Anzüge überhaupt nicht isoliert wären. Aber die Luftversorgung des Anzugs brachte Boone eine willkommene Abkühlung für Gesicht und Lungen. Eingerahmt von den dunklen Wänden des Schachts war der rötliche Himmel in der Höhe sehr hell. Sonnenschein erhellte auch einen kurzen kegelförmigen Abschnitt der Wand. Im Mittsommer könnte die Sonne bis ganz herunter scheinen — aber nein, sie befanden sich südlich vom Wendekreis des Steinbocks. Hier unten herrschte immer Schatten.

Sie näherten sich dem Wrack. Es war ein Robotlastwagen für Abraum gewesen, der Gestein die Straße hinaufschaffte, die als Spirale in die Wand des Schachts geschnitten war. Stücke des Wagens waren gemischt mit rohen Felsblöcken. Manche waren hundert Meter weit von der Aufschlagstelle weggeschleudert worden. Darüber hinaus waren Trümmer selten. Der Zylinder, der an ihnen vorbeigeflogen war, musste irgendwie unter Druck abgeschossen worden sein.

Ein Haufen aus Magnesium, Aluminium und Stahl, alles schrecklich verkrümmt. Das Magnesium und Aluminium war zum Teil geschmolzen. Boone fragte: »Glaubst du, dass es die ganze Strecke von oben heruntergefallen ist?«

Okakura antwortete nicht. Boone sah ihn an. Der Mann vermied absichtlich seinen Blick. Vielleicht war er erschrocken. Boone sagte: »Es müssen etwa dreißig Sekunden verstrichen sein zwischen dem Augenblick, wo ich es erblickt habe, und dem Aufschlag.«

Bei etwa drei Metern pro Sekunde im Quadrat war das mehr als genug Zeit gewesen, um die Endgeschwindigkeit zu erreichen. Also war es mit etwa zweihundert Kilometern pro Stunde auf getroffen. Wirklich nicht so schlecht. Auf der Erde wäre es in weniger als der halben Zeit heruntergekommen und hätte sie erwischen können. Zum Teufel, wenn er nicht zufällig nach oben geschaut hätte, hätte das Ding sie treffen können. Er stellte eine kurze Berechnung an. Es war vermutlich in halber Schafthöhe gewesen, als er es erblickte. Aber an jener Stelle hätte es schon ziemlich lange im Fall gewesen sein können.