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Er sagte: »Ich bin in Ordnung. Das Ding hat uns verfehlt. Wir werden hineinschauen müssen: aber heute lasst uns nach dem vorgesehenen Plan weitermachen.«

Also führten Okakura und einige Männer und Frauen ihn zu einem Rundgang durch die Stadt, und er besuchte fröhlich Labors und Versammlungsräume, Salons und Speisesäle. Er nickte, schüttelte Hände und sagte Hallo!, bis er sicher war, mehr als fünfzig Prozent der Einwohner von Senzeni Na getroffen zu haben. Die meisten hatten noch nicht von dem Vorfall in dem Loch gehört, und alle waren erfreut, ihn kennen zu lernen und ihn anzusehen. Das geschah überall, wohin er kam, und erinnerte ihn unangenehm an die Jahre im Goldfischglas zwischen seiner ersten und zweiten Reise.

Aber er waltete seines Amtes. Eine Stunde Arbeit, dann vier Stunden als Der Erste Mensch auf dem Mars — das übliche Verhältnis. Und als der Nachmittag in den Abend überging und die ganze Stadt in einem Bankett zu Ehren seines Besuches versammelt war, lehnte er sich zurück und spielte geduldig seine Rolle. Das bedeutete Übergang in gute Stimmung — an diesem Abend keine leichte Aufgabe. Tatsächlich machte er eine Pause und ging ins Bad seiner Unterkunft, um eine Kapsel zu schlucken, die Vlads Mediziner in Acheron hergestellt hatten. Das war eine Droge, die sie Omegendorph genannt hatten, eine synthetische Mischung aller Endorphine und Opiate, die sie in der natürlichen Chemie des Gehirns gefunden hatten und eine bessere Droge für Wohlbefinden, als Boone für möglich gehalten hätte.

Er kehrte viel entspannter zum Bankett zurück. Sogar mit einer gewissen Glut. Schließlich war er dem Tode entronnen, noch dazu, indem er wie wild gerannt war! Noch mehr Endorphine wären nicht angebracht. Er bewegte sich lässig von Tisch zu Tisch und stellte dabei Fragen. Das war es, was die Leute mochten und ihnen das festliche Gefühl gab, welches eine Begegnung mit John Boone mit sich bringen sollte. John freute sich, dass er dazu imstande war. Es war der Teil seines Berufs, der Berühmtheit erträglich machte. Denn wenn er Fragen stellte, sprangen die Leute hoch, um zu antworten, wie Lachse im Strom. Es war wirklich drollig; als ob die Leute bemüht wären, das Ungleichgewicht zu beheben, dass sie in der Situation empfanden, wo sie so viel über ihn wussten, er dagegen so wenig über sie. So kam es, dass oft, wenn bei passender Aufmunterung auch nur einer richtig eingeschätzt wurde, die erstaunlichsten Ergüsse persönlicher Information zutage kamen. Zeugnisse, Urteile, Bekenntnisse.

So verbrachte Boone den Abend damit, über das Leben in Senzeni Na etwas zu erfahren. Und danach wurde er in seine große Gastsuite geführt. Die Räume waren dick mit lebendem Bambus verkleidet, und das Bett schien aus einem Stamm davon ausgehauen zu sein. Als er allein war, schloss er seinen Codekasten ans Telefon an und rief Sax Russell an.

Russell befand sich in Vlads neuem Hauptquartier, einem Forschungskomplex, der in eine dramatische flossenartige Felsrippe in den Acheron Fossae nördlich von Olympus Mons eingefügt war. Sax verbrachte dort jetzt seine ganze Zeit und studierte Gentechnik wie ein Anfangssemester. Er war jetzt überzeugt, dass Biotechnik der Schlüssel für Terraformung wäre; und er war entschlossen, sich so weit darin zu bilden, dass er aktiv zu diesem Teil des Unternehmens beitragen konnte, trotz des Umstands, dass seine ganze Ausbildung in Physik stattgefunden hatte. Moderne Biologie galt als typisch klebrig, und viele Physiker mochten sie nicht. Aber die Leute in Acheron sagten, Sax würde schnell lernen; und John glaubte das. Sax selbst machte über seine Fortschritte nicht viel her, aber es war klar, dass er tief eingedrungen war. Er redete die ganze Zeit darüber. Er pflegte zu sagen: »Die Crux ist, dass wir Wasser und Stickstoff aus dem Boden brauchen und Kohlendioxid aus der Luft. Aber man braucht Biomasse, um beides zu schaffen.« Und so schuftete er vor den Bildschirmen und in den Labors.

Er hörte sich Boones Bericht mit seiner gewohnten Ungeduld an. Was für eine Parodie eines Wissenschaftlers, dachte John. Er trug sogar einen Laborkittel. Als er sein charakteristisches Zwinkern sah, musste John an eine Geschichte denken, die er von einem Assistenten von Sax gehört hatte, wie er sie einer lachenden Zuhörerschaft auf einer Party erzählte: »Bei einem schiefgegangenen geheimen Experiment waren hundert Laborratten, denen ein intelligenzsteigernder Stoff injiziert wurde, zu Genies geworden. Sie revoltierten, nahmen ihren Chef-Forscher gefangen, banden ihn fest und injizierten allen ihren Verstand wieder in seinen Körper mit Hilfe einer Methode, die sie auf der Stelle erfanden. Und dieser Wissenschaftler war Saxifrage Russell in weißem Kittel, zwinkernd, zuckend, wissbegierig, ans Labor gefesselt. Sein Gehirn ist die Summe von hundert hyperintelligenten Ratten, und er ist nach einer Pflanze benannt nach Art von Laborratten. Seht ihr, das ist ihr kleiner Spaß.«

Das erklärte vieles. John lächelte, als er seinen Bericht abschloss, und Sax neigte ihm neugierig den Kopf zu. »Denkst du, dass dieser Lastwagen dich hatte töten sollen?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie wirken die Leute dort?«

»Besorgt.«

»Meinst du, dass sie mit drin stecken?«

John zuckte die Achseln. »Das bezweifle ich. Sie sind wahrscheinlich darüber besorgt, was als nächstes passiert.«

Sax streckte die Hand aus und sagte sanft: »Eine solche Sabotage würde das Projekt nicht im mindesten schädigen.«

»Ich weiß.«

»Wer macht es also, John?«

»Meinst du, es könnte Ann sein? Ist sie ein neuer Prophet geworden wie Hiroko oder Arkady, mit Jüngern und einem Programm und dergleichen?«

»Auch du hast Jünger und ein Programm«, erinnerte ihn John.

»Aber ich sage meinen Gefolgsleuten nicht, dass sie Sachen kaputt machen und versuchen sollen, Leute umzubringen.«

»Manche Leute denken, du versuchst, den Mars zu ruinieren. Und bestimmt werden beim Terraformen Menschen durch Unfälle sterben.«

»Was ist deine Meinung?«

»Ich wollte dich bloß daran erinnern und versuchen, dir verständlich zu machen, warum jemand das tun könnte.«

»Also denkst du, Ann steckt dahinter.«

»Oder Arkady oder Hiroko oder irgend jemand in den neuen Kolonien, von dem wir noch nie gehört haben. Es gibt hier eine Menge Leute. Und eine Menge Gruppierungen.«

»Ich weiß.« Sax ging an eine Anrichte und trank seinen alten, angestoßenen Kaffeebecher aus. Schließlich sagte er: »Ich würde mich freuen, wenn du herausfändest, wer es ist. Geh, wohin zu musst! Geh und sprich mit Ann! Diskutiere mit ihr!« In seiner Stimme war eine klägliche Note. »Ich kann mit ihr nicht einmal mehr reden.«

John starrte ihn an, überrascht durch diesen Ausbruch von Emotion. Sax hielt sein Schweigen für Zögern und fuhr fort: »Ich weiß, es ist nicht gerade deine Art; aber jeder wird mit dir sprechen. Du bist praktisch als einziger übrig geblieben, von dem man das sagen kann. Ich weiß, du bist mit dem Mohole-Projekt beschäftigt; aber du kannst deine Leute deinen Teil daran erledigen lassen und weiterhin die Bohrlöcher als einen Teil dieser Untersuchung visitieren. Es gibt sonst wirklich niemanden, der das machen kann. Es gibt keine richtige Polizei, an die man sich wenden könnte. Obwohl UNOMA, wenn es zu weiteren Vorfällen kommen sollte, sicher für eine sorgen wird.«

»Oder die Transnationalen.« Boone überlegte. Der Anblick dieses vom Himmel fallenden Lastwagens … »In Ordnung. Ich werde auf jeden Fall mit Ann sprechen. Danach sollten wir zusammenkommen und über Sicherheit für alle Terraformungsprojekte reden. Wenn wir verhindern können, dass noch mehr passiert, wird das die UNOMA draußen lassen.«

»Danke, John!«

Boone trat auf den Balkon seiner Suite. Der Platz war voller Hokkaido-Kiefern, die Luft von Harz geschwängert. Kupferne Gestalten gingen unten zwischen den Baumstämmen umher. Boone überdachte die neue Lage. Inzwischen arbeitete er schon seit zehn Jahren für Russell an der Terraformung, leitete die Tiefbohrungen, trieb Öffentlichkeitsarbeit und dergleichen. Und er hatte Freude an der Arbeit, war aber nicht maßgeblich an irgendeiner Forschung beteiligt und gehörte nicht zu dem die Entscheidungen treffenden Gremium. Er wusste, dass viele Leute ihn nur für eine Vorzeigefigur hielten, eine Berühmtheit für den Konsum drunten auf der Erde, einen blöden Weltraumjockey, der einmal Glück gehabt hatte und nun für immer davon lebte. Das machte John nichts aus. Es gab immer kleine Wadenbeißer, die meckerten und alle auf ihr Niveau hinabziehen wollten. Das ging schon, zumal sie in seinem Falle im Unrecht waren. Seine Macht war beträchtlich, auch wenn vielleicht nur er ihren vollen Umfang erkennen konnte, da sie aus einer endlosen Folge persönlicher Begegnungen bestand, aus dem Einfluss, den er über das hatte, was die Leute zu tun sich entschlossen. Schließlich war Macht keine Sache beruflicher Titel. Macht war ein Zusammenwirken von Überzeugungskraft, Bewegungsfreiheit, Ansehen und Einfluss. Die Galionsfigur stand schließlich ganz vorn und wies den Weg.