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Trotz alledem hatte es mit dieser neuen Aufgabe eine besondere Bewandtnis. Das konnte er schon jetzt fühlen. Es wäre problematisch, schwierig, vielleicht gewagt … vor allem herausfordernd. Eine neue Herausforderung. Das gefiel ihm. Als er wieder in seine Suite und zu Bett ging (John Boone hat hier geschlafen!), fiel ihm ein, dass er jetzt nicht nur der erste Mensch auf dem Mars sein würde, sondern auch der erste Detektiv. Er grinste bei diesem Gedanken, und die letzte Wirkung von Omegendorph regte seine Nerven an.

Ann Clayborne machte eine Inspektion in den Bergen, die das Argyre-Becken umgeben. Dies bedeutete, John konnte sich einen Gleiter nehmen und von Senzeni Na zu ihr fliegen. Also stieg er am nächsten Morgen mit dem Aufzugsballon am Anlegemast zu dem ständig über der Stadt schwebenden Luftschiff auf und freute sich, als er in die sich ständig erweiternde Sicht der großen Canyons von Thaumasia emporglitt. Aus dem Luftschiff ließ er sich in das Cockpit eines der Gleiter hinab, die an der Unterseite vertäut waren. Nachdem er sich gesichert hatte, hakte er den Gleiter aus, der wie ein Stein fiel, bis er ihn über das Mohole-Terminal brachte, das ihn heftig in die Höhe stieß. Er gewann mühsam die Kontrolle und legte das große, filigranartige Vehikel mit einer Kippbewegung in eine steile Aufwärtskurve. Er brüllte laut, während er mit den heftigen Stößen kämpfte. Es war, als ob man mit einer Seifenblase über einem Freudenfeuer ritte.

In fünftausend Metern flachte sich die Blase ab und dehnte sich nach Osten hin aus. John glitt aus seiner Spirale und nahm Kurs nach Südosten. Er spielte mit dem Gleiter, als er ein Gefühl für ihn bekam. Er würde sorgfältig mit den Winden fahren müssen, um es bis Argyre zu schaffen.

Er zielte in den schmutzig gelben Glast der Sonne hinein. Wind zischte über die Flügel. Das Land unter ihm war dunkelorange, das in einen sehr hellen Orangeton am Horizont überging. Die Gebirge im Süden waren in jeder Richtung pockennarbig mit dem groben, urtümlichen mondartigen Aussehen, das eine Sättigung mit Kratern immer aufwies. John flog gern darüber hin. Er steuerte unbewußt und konzentrierte sich auf das Land unter ihm. Es war ein Hochgenuss, sich zurückzulehnen und zu fliegen, den Wind wie unter den Ellbogen zu spüren, das Land zu betrachten und an nichts zu denken. Er war in diesem Jahr 2047 (oder ›M-Jahr 10‹, wie er gewöhnlich dachte) vierundsechzig Jahre alt und war der berühmteste lebende Mensch seit fast dreißig solcher Jahre. Und jetzt war er am glücklichsten, wenn er allein war und flog.

Er dachte über sein neues Vorhaben nach. Es war wichtig, sich nicht in Phantasien von Vergrößerungsgläsern und Zigarrenasche oder Gumshoes mit Revolvern zu ergehen. Es gab Arbeit, die er sogar beim Fliegen erledigen konnte. Er rief Sax an und fragte, ob er seinen Computer in die UNOMA-Akten über Emigration und planetaren Verkehr einschalten könne, ohne die UNOMA dadurch zu alarmieren. Nach einigen Erkundigungen rief Sax zurück und sagte, er könne das hinkriegen. Und so übermittelte John ihm eine Reihe von Fragen. Eine Stunde und viele Krater später blinkte das rote Licht seiner Künstlichen Intelligenz Pauline heftig und zeigte damit den Eingang roher Daten an. John bat sie, die Daten durch verschiedene Analysen laufen zu lassen. Als das geschehen war, studierte er die Ergebnisse auf dem Schirm. Die Bewegungsmuster waren verwirrend, aber er hoffte, dass bei Vergleich mit den Sabotagefällen etwas zum Vorschein kommen könnte. Natürlich bewegten sich Personen umher ohne Registrierung, darunter die verborgene Kolonie. Und wer wusste, was Hiroko und die anderen von den Terraformungsprojekten hielten? Dennoch war es einen Blick wert.

Die Nereidum Montes tauchten voraus über dem Horizont auf. Der Mars hatte nie viel tektonische Bewegungen erlebt, darum waren Gebirgsketten selten. Die, welche es gab, pflegten groß ausgeprägte Kraterränder zu sein, Ringe von ausgeworfenen Brocken, so groß, dass der Schutt in zwei oder drei konzentrischen Reihen herunterkam, jede viele Kilometer breit und extrem zerklüftet. Hellas und Argyre als die größten Becken hatten deshalb die größten Gebirgsketten; und die einzige andere Bergkette, die Phlegra Montes auf dem Abhang von Elysium, stellte wahrscheinlich die fragmentarischen Reste eines Einsturzbeckens dar, das später von den Elysium-Vulkanen überflutet wurde oder durch einen alten Oceanus Borealis. Über diese Frage tobte noch eine Debatte, und Ann, Johns letzte Autorität in solchen Dingen, hatte nie eine Meinung dazu geäußert.

Die Nereidum Montes bildeten den nördlichen Rand um Argyre. Aber derzeit untersuchten Ann und ihr Team den Südrand, die Charitum Montes. Boone richtete seinen Kurs nach außen, und am frühen Nachmittag segelte er tief über der breiten flachen Ebene des Argyre-Beckens. Nach der wilden Kraterlandschaft der Gebirge wirkte der Boden des Beckens geradezu glatt, eine flache gelbliche Ebene, begrenzt von dem großen Bogen von Randgebirgen. Von seinem Ausguck aus konnte er etwa neunzig Grad des Randbogens überblicken, genug, um ihm ein Gefühl für die Größe des Einsturzes zu geben, der Argyre gebildet hatte. Es war ein erstaunlicher Anblick. Das Fliegen über Tausende von Marskratern hatte Boone eine Vorstellung der betreffenden Größen gegeben; aber Argyre fiel einfach aus dem Rahmen. Ein stattlicher Krater namens Galle im Rand von Argyre war nicht mehr als eine Pockennarbe! Hier musste eine ganze Welt hereingekracht sein. Oder zumindest ein verdammt großer Asteroid.

Innerhalb der Südostkurve des Randes, auf dem Boden des Beckens nach den Vorbergen von Charitum, erkannte er die feine weiße Linie einer Landebahn. Es war leicht, menschliche Konstrukte in einer solchen Einöde auszumachen. Ihre Regelmäßigkeit hob sich ab wie ein Signal. Dicht vor den durch die Sonne erwärmten Hügeln stieg Thermik auf. Er kurvte in eine solche Blase hinein, sank mit vibrierendem humm, und die Flügel des Gleiters zuckten sichtlich, als er sich neigte. Er fiel wie ein Stein, wie jener Asteroid, dachte John grinsend, und zog zur Landung hoch mit einem letzten dramatischen Schnörkel. Mit so viel Präzision, wie er aufbringen konnte, ging er herunter, sich seines Rufes als ›heißer‹ Flieger bewusst, den er natürlich bei jeder Gelegenheit neu rechtfertigen musste. Das gehörte zum Job …

Aber es stellte sich heraus, dass nur zwei Personen in den Anhängern an der Landebahn waren, und keine davon hatte ihn landen sehen. Sie saßen drinnen und sahen sich Fernsehnachrichten von der Erde an. Als er in die innere Schleusentür trat, schauten sie hoch und sprangen auf, um ihn zu begrüßen. Ann war mit einer Gruppe oben auf einem Gebirgscanyon, wie sie ihm sagten, wahrscheinlich nicht mehr als zwei Fahrstunden entfernt. John aß Lunch mit ihnen, zwei britischen Frauen mit nördlichem Akzent, sehr robust und charmant. Dann nahm er einen Rover und folgte den Spuren eine Spalte hinauf in das Chariten. Eine Stunde kurvenreichen Aufstiegs in einem Trockental mit flachem Boden führte ihn zu einem mobilen Anhänger, vor dem drei Rover parkten. Alles zusammen ergaben sie das Bild eines ausgedörrten Cafes in der Mojave-Wüste.