Ann zuckte die Achseln. »Was erwartest du von grünäugigen Ungeheuern? Es hätte ein Zufall sein können. Ich wundere mich, dass das nicht öfter passiert.«
»Es war kein Zufall.«
»Das ist alles Kleinkram. Hält Russell mich für so blöde?«
»Du weißt, dass er das nicht tut. Aber es muss sich in Grenzen halten. In dem Projekt ist sehr viel Geld von der Erde investiert; aber es würde nicht viele schlimme Nachrichten erfordern, um davon eine Menge wegfallen zu lassen.«
»Vielleicht«, sagte Ann. »Aber du solltest auf dich selbst hören, wenn du so etwas sagst. Du und Arkady, ihr seid die größten Befürworter einer neuen Mars-Gesellschaft, vielleicht ihr beide plus Hiroko. Aber die Art, wie Russell, Frank und Phyllis Kapital von der Erde heranschaffen — das alles wird euch aus den Händen gleiten. Es wird ein Geschäft sein wie üblich, und alle eure Ideen werden beiseite gefegt werden.«
»Ich neige zu der Ansicht, dass wir alle hier ähnliche Ziele haben. Wir wollen an einer guten Stelle gute Arbeit leisten. Wir betonen nur unterschiedliche Teile des Prozesses, um dahin zu kommen. Das ist alles. Wenn wir unsere Bemühungen koordinieren und als ein Team arbeiten würden …«
»Wir wollen nicht dasselbe«, sagte Ann. »Ihr wollt den Mars verändern, und ich nicht. So einfach ist das.«
»Nun …« John kapitulierte vor ihrer Erbitterung. Sie bewegten sich langsam um den Hügel herum in einem komplizierten Tanz, der die Konversation widerspiegelte. Manchmal die Gesichter einander zugewandt, manchmal Rücken an Rücken. Und immer war ihre Stimme direkt in seinem Ohr und seine in dem ihren. Er liebte solche Gespräche im Umhergehen und benutzte sie. Diese eindringliche Stimme im Ohr konnte so überzeugend, schmeichelnd und hypnotisch sein. »So einfach ist es wirklich nicht. Ich meine, du solltest denen von uns helfen, die deinen Ansichten am nächsten stehen, und dich denen widersetzen, die am weitesten davon entfernt sind.«
»Das tue ich.«
»Das ist es, weshalb ich zu dir gekommen bin, um dich zu fragen, was du über jene Saboteure weißt. Das ergibt doch Sinn, nicht wahr?«
»Ich weiß nichts über sie. Ich wünsche ihnen Erfolg.«
»In Person?«
»Was?«
»Ich habe eure Bewegungen in den letzten Jahren verfolgt; und du bist immer in der Nähe eines jeden Vorfalls gewesen, innerhalb eines Monats oder so, ehe er eintrat. Du bist vor ein paar Wochen auf deinem Weg nach hier in Senzeni Na gewesen. Oder etwa nicht?«
Er hörte sie atmen. Sie war wütend. »Er benutzt mich als Deckung«, murmelte sie, und noch einiges mehr, das er nicht mitbekam.
»Wer?«
Sie kehrte ihm den Rücken zu. »John, du solltest den Cojoten nach diesem Zeug fragen.«
»Den Cojoten?«
Sie lachte kurz. »Hast du nicht von ihm gehört? Die Leute sagen, dass er ohne Schutzanzug auf der Oberfläche umherläuft. Taucht plötzlich hier und da auf, manchmal in einer Nacht auf beiden Seiten der Welt. Hat den Großen Mann persönlich gekannt in den guten alten Tagen. Und er ist ein guter Freund von Hiroko. Und ein großer Feind des Terraformens.«
»Bist du ihm begegnet?«
Sie antwortete nicht.
»Schau«, sagte er nach einer Minute schweigenden Atmens, »es werden Menschen getötet werden. Unschuldige Zuschauer.«
»Unschuldige Zuschauer werden getötet werden, wenn der Permafrost schmilzt und der Boden unter unseren Füßen einsinkt. Ich habe mit beidem nichts zu tun. Ich tue bloß meine Arbeit. Versuche zu katalogisieren, was hier war, ehe wir kamen.«
»Ja. Aber du bist die berühmteste Rote von allen, Ann. Diese Leute müssen deswegen vorher mit dir in Verbindung gewesen sein; und ich wünsche, du könntest sie entmutigen. Das könnte einige Leben retten.«
Sie wandte ihm das Gesicht zu. Die Visierscheibe ihres Helms reflektierte den westlichen Horizont, oben purpurn und unten schwarz, die Grenze zwischen den beiden Farben ausgezackt und roh. »Wenn ihr den Planeten in Ruhe ließet, würde das Leben retten. Das ist es, was ich will. Ich würde sogar dich töten, wenn es hilfreich wäre.«
Danach gab es nicht mehr viel zu sagen. Auf dem Rückweg zum Anhänger hinunter sprach er ein anderes Thema an. »Was, denkst du, ist mit Hiroko und den anderen ihrer Gruppe passiert?«
»Sie sind verschwunden.«
John verdrehte die Augen. »Hat sie zu dir nicht darüber gesprochen?«
»Nein. Hat sie mit dir gesprochen?«
»Nein. Ich glaube, sie hat mit niemandem außer ihrer Gruppe geredet. Weißt du, wohin sie gegangen sind?«
»Nein.«
»Hast du irgendeine Ahnung, warum sie fort sind?«
»Sie wollten wahrscheinlich von uns loskommen. Etwas Neues machen. Was du und Arkady sagtet, das ihr tun wollt, das haben sie wirklich getan.«
John schüttelte den Kopf. »Wenn sie das tun, tun sie es für zwanzig Personen. Ich will es für jeden tun.«
»Vielleicht sind sie realistischer als du.«
»Vielleicht. Wir werden es herausfinden. Es gibt mehr als einen Weg, das zu tun, Ann. Das musst du lernen.«
Sie antwortete nicht.
Die anderen starrten sie an, als sie in den Anhänger kamen; und Ann, die in die Kochecke rannte, war keine Hilfe. John setzte sich auf die Lehne der einen Couch und stellte ihnen noch mehr Fragen über ihre Arbeit und über den Grundwasserpegel in Argyre und der Südhemisphäre im allgemeinen. Die großen Becken waren tief gelegen, aber durch die Aufschläge, welche sie gebildet hatten, des Wassers beraubt. Im allgemeinen schien das Wasser des Planeten größtenteils nach Norden gesickert zu sein. Ein anderer Teil des Mysteriums: Niemand hatte jemals erklären können, weshalb die nördliche und die südliche Hemisphäre so verschieden waren. Dies war das Hauptproblem der Areologie. Seine Lösung könnte sich als Schlüssel erweisen für alle anderen Rätsel der Landschaft des Mars, wie die tektonische Plattentheorie einst so viele Fragen in der Geologie beantwortet hatte. Tatsächlich wollten manche die tektonische Lösung auch hier anwenden. Sie postulierten, dass eine alte Kruste sich auf die südliche Hälfte aufgeschoben hätte, wonach der Norden sich eine neue Haut schuf. Danach wäre alles an Ort und Stelle festgefroren, als die Abkühlung des Planeten jeder tektonischen Bewegung ein Ende setzte. Ann hielt das für lächerlich. Nach ihrer Ansicht war die nördliche Hemisphäre einfach das größte Aufprallbecken von allen, der letzte große Knall der Urzeit. Ein Treffer ähnlichen Ausmaßes hatte den Mond aus der Erde herausgeschlagen, wahrscheinlich etwa um die gleiche Zeit. Die Areologen erörterten einige Zeit verschiedene Aspekte des Problems. John hörte zu und stellte gelegentlich eine neutrale Frage.
Sie stellten den Fernseher an für Nachrichten von der Erde und sahen sich einen kurzen Beitrag über Bergbau- und Ölbohrarbeiten an, die in der Antarktis begannen.
»Weißt du, das ist unser Werk«, sagte Ann aus der Küche. »Sie haben seit fast hundert Jahren die Förderung von Erzen und Öl aus Antarctica herausgehalten, schon seit dem ersten Internationalen Geophysikalischen Jahr und dem ersten Vertrag. Jetzt aber ist alles zusammengebrochen, seit hier die Terraformung begann. Da unten wird ihnen das Öl knapp, und der Südclub ist arm, und in ihrer unmittelbaren Nähe gibt es einen ganzen Kontinent voll Öl, Gas und Mineralien, der von den reichen nördlichen Ländern als Naturschutzpark behandelt wird. Und dann hat der Süden gesehen, dass dieselben reichen nördlichen Länder ganz für sich zum Mars aufgebrochen sind. Da sagten sie: Was, zum Teufel? Ihr könnt einen ganzen Planeten in Stücke reißen, und wir sollen diesen Eisberg beschützen, der gerade vor unserer Tür liegt mit all diesen Rohstoffen, die wir verzweifelt benötigen! Schluss damit! Also haben sie den Anatarktisvertrag gebrochen, und jetzt bohren sie, ohne dass jemand etwas dagegen getan hat. Nun ist der letzte saubere Platz auf der Erde auch dahin.«