Sie kam herüber, setzte sich vor den Bildschirm und steckte das Gesicht in einen Becher heißer dampfender Schokolade. »Es ist noch mehr da, wenn du möchtest«, sagte sie schroff zu John. Simon warf ihm einen mitfühlenden Blick zu, und die anderen starrten sie beide mit runden Augen an. Sie waren entsetzt, einen Streit zwischen zwei der Ersten Hundert zu erleben. Was für ein Spaß war das! John musste fast lachen; und als er aufstand, um sich auch einen Becher zu holen, beugte er sich impulsiv hinüber und küsste Ann auf den Kopf. Sie versteifte sich, und er ging in die Küche. Er sagte: »Wir alle wollen vom Mars verschiedene Dinge.« Dabei vergaß er, dass er Ann gerade eben auf dem Hügel das Gegenteil gesagt hatte. »Aber wir sind hier, und es gibt nicht viele von uns, und es ist unsere Welt. Wir machen aus ihm, was wir wollen, wie Arkady sagt. Jetzt gefällt euch nicht, was Sax oder Phyllis wollen, und die mögen nicht, was ihr wollt, und Frank gefällt nicht, was irgend jemand will. Und jedes Jahr kommen neue Leute, welche die eine oder andere Position vertreten, auch wenn sie es selbst nicht wissen. Also könnte es hässlich werden. Es hat tatsächlich schon damit angefangen mit diesen Angriffen auf Geräte. Könnt ihr euch vorstellen, dass so etwas in Underhill passiert?«
»Hirokos Gruppe hat Underhill die ganze Zeit ausgeplündert«, erwiderte Anne, »seit sie da waren. Das musste geschehen, um sich so abzusetzen.«
»Nun ja, vielleicht. Aber sie haben keine Menschenleben gefährdet.« Ihm trat wieder lebhaft das Bild des den Schacht herunterfallenden Lastwagens vor Augen. Er trank heißen Kakao und verbrannte sich den Mund. »Verdammt! Aber immer, wenn ich entmutigt werde wegen alledem, bemühe ich mich zu bedenken, dass so etwas natürlich ist. Es ist unvermeidlich, dass Leute kämpfen; aber diesmal kämpfen wir um Dinge, die den Mars betreffen. Ich meine, die Leute kämpfen nicht darum, ob sie Amerikaner oder Japaner oder Russen oder Araber sind, oder um Religion, Rasse, Sex oder was auch immer. Sie kämpfen, weil sie die eine oder die andere Realität für den Mars wollen. Das ist alles, worauf es jetzt ankommt. Also sind wir schon halb am Ziel.« Er sah Ann mürrisch an, die auf den Boden starrte. »Verstehst du, was ich meine?«
Sie schaute ihn an. »Die zweite Hälfte ist es, auf die es ankommt.«
»Na schön, vielleicht. Ihr nehmt zu viel für garantiert an. Aber so sind die Menschen nun einmal. Ihr müsst aber bedenken, dass ihr Einfluss auf uns habt, Ann. Ihr habt die Weise geändert, in der alle über das denken, was wir hier tun. Sax und viele andere haben immer darüber gesprochen, dass man alles mögliche tun müsse, um das Terraformen recht schnell durchzuführen — einen Haufen Asteroiden direkt in den Planeten jagen, Wasserstoffbomben einsetzen und Vulkane erzeugen — alles überhaupt Erdenkliche zu versuchen. Jetzt sind alle diese Pläne geplatzt durch euch und eure Hinterleute. Die ganze Vision über die Art und Weise, wie die Terraformung zu machen sei und wie weit man damit gehen könne, hat sich geändert. Ich denke aber, dass wir uns schließlich auf einen Kompromißwert einigen können, bei dem wir einigen Strahlenschutz bekommen und eine Biosphäre und vielleicht Luft, die wir atmen können oder in der wir zumindest nicht sofort sterben; wobei es aber ziemlich so bleibt, wie es war, ehe wir kamen.« Ann verdrehte die Augen, aber er drängte weiter. »Du weißt, niemand spricht davon, den Mars in einen Dschungelplaneten zu verwandeln, selbst wenn das ginge. Er wird immer kalt sein, und die Tharsis-Wölbung wird immer in den Raum hinausragen. Also wird es einen großen Teil des Planeten geben, der nie angerührt wird. Und das wird teilweise euer Werk sein.«
»Aber wer sagt, dass ihr, wenn der erste Schritt getan ist, nicht mehr wollt?«
»Vielleicht werden das einige tun. Aber ich meinerseits werde versuchen, ihnen Einhalt zu gebieten. Das will ich! Ich bin vielleicht nicht auf eurer Seite, aber ich verstehe euren Standpunkt. Und wenn man über die Hochlande fliegt, wie ich es heute getan habe, kann man gar nicht umhin, diese Welt zu lieben. Mögen Menschen versuchen, den Mars zu verändern, aber gleichzeitg wird der Mars auch sie verändern. Ein Gefühl für den Ort, eine Ästhetik der Landschaft, alle diese Dinge ändern sich mit der Zeit. Du weißt, die ersten Menschen, die den Grand Canyon erblickten, hielten ihn für hässlich wie die Hölle, weil er nicht wie die Alpen war. Es hat lange gedauert, bis sie seine Schönheit erkannten.«
»Das meiste davon haben sie jedenfalls ertränkt«, sagte Ann mürrisch.
»Ja, ja! Aber wer weiß denn, was unsere Kinder für schön halten werden? Das wird sicher auf dem basieren, was sie wissen, und dieser Platz wird der einzige sein, den sie kennen. Also terraformen wir den Mars, aber der Mars areoformt uns.«
»Areoformung«, sagte Ann, und ein seltenes kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. John fühlte sich erröten, als er das sah. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr so lächeln sehen. Und er liebte Ann. Es freute ihn, sie lächeln zu sehen.
»Das Wort gefällt mir«, sagte sie. Sie deutet mit dem Finger auf ihn. »Aber ich nehme dich beim Wort, John Boone. Ich werde mich daran erinnern, was du heute Abend gesagt hast!«
»Ich auch«, versicherte er.
Der Rest des Abends verlief in entspannterer Stimmung. Und am nächsten Tage begleitete Simon ihn zur Landebahn, zu dem Rover, mit dem er nach Norden fahren wollte. Und Simon, der ihn üblicherweise mit einem Lächeln und einem Händeschütteln verabschiedet hätte, sagte plötzlich: »Ich freue mich wirklich über das, was du gestern Abend gesagt hast. Ich glaube, es hat sie wirklich aufgemuntert. Besonders, was du über Kinder gesagt hast. Weißt du, sie ist schwanger.«
»Was?« John schüttelte den Kopf. »Das hat sie mir nicht gesagt. Bist du der Vater?«
»Allerdings.« Simon grinste.
»Wie alt ist sie jetzt? Sechzig?«
»O ja. Es treibt die Dinge sozusagen etwas auf die Spitze, ist aber schon früher geschehen. Man hat ein vor rund fünfzehn Jahren von ihr eingefrorenes Ei genommen, befruchtet und ihr eingepflanzt. Wir werden sehen, wie es geht. Man sagt, Hiroko wäre jetzt dauernd schwanger und produziere Kinder wie ein Inkubator …«
»Man redet viel über Hiroko, aber das ist alles nur Geschwätz.«
»Nun ja, aber dies haben wir von jemandem gehört, der es wissen dürfte.«
»Dem Cojoten?« fragte John scharf.
Simon zog die Brauen hoch. »Ich wundere mich, dass sie dir von ihm erzählt hat.«
John grunzte leicht verärgert. Offenbar bedeutete sein Ruhm, dass ihm viel Klatsch entging. »Es ist gut, dass sie es getan hat. Nun, jedenfalls …« Er streckte ihm die Rechte hin, und sie schüttelten sich die Hände mit dem steifen Zugriff der Finger, den sie in den alten Weltraumtagen entwickelt hatten. »Ich gratuliere. Kümmere dich um sie!«
Simon zuckte die Achseln. »Du kennst Ann. Sie tut, was sie will.«
Nun fuhr Boone also drei Tage lang nach Norden, genoss die Gegend und die Einsamkeit und verbrachte jeden Nachmittag damit, die planetaren Aufzeichnungen auf Bewegungen der Leute abzusuchen, wobei es ihm auf Korrelationen mit den Sabotagefällen ankam. Früh am vierten Morgen erreichte er die Marineris-Canyons, die etwa 1500 Kilometer nördlich von Argyre liegen. Er traf auf eine nordsüdliche Transponderstraße und folgte ihr über einen kurzen Anstieg zum Südrand von Melas Chasma. Dann stieg er aus dem Rover, um sich richtig umzuschauen.
Er war noch nie in diesen Teil des großen Canyonsystems gekommen. Vor der Fertigstellung der großen Straße quer durch Marineris war es schwer zugänglich gewesen. Ohne Zweifel war es dramatisch. Die Melas-Klippe fiel volle 3000 Meter zum Boden des Canyons ab, so dass man am Rande eine Aussicht nach Norden wie aus einem Gleiter hatte. Die andere Wand des Canyons war von dort aus gerade noch sichtbar. Ihr Rand lugte über den Horizont, und zwischen den beiden Klippen lag die Weite von Melas Chasma, das Herz des ganzen Marineris-Komplexes. Er konnte eben noch die Lücken in entfernten Klippen ausmachen, welche die Zugänge zu anderen Canyons markierten: Ius Chasma im Westen, Candor im Norden und Coprates im Osten.