John ging länger als eine Stunde über den zerklüfteten Rand. Während längerer Zeit zog er die Binokularlinsen seines Helms über die Visierscheibe, um möglichst viel von dem größten Canyon des Mars in sich aufzunehmen. Er empfand die Euphorie roten Landes. Er warf Steine über den Steilabfall und sah zu, wie sie verschwanden. Er sprach mit sich selbst und sang. Er hüpfte auf Zehenspitzen in einem unbeholfenen Tanz.
Dann stieg er wieder in seinen Rover und rühr eine kurze Strecke am Rand entlang bis zum Anfang der Klippenstraße.
Hier wurde die Querstraße zu einem schmalen Betonband, das sich in Serpentinen vom Südrand zum Boden des Canyons hinabwand. Das merkwürdige Gebilde, welches der ›Geneva-Sporn‹ hieß, zeigte fast rechtwinklig von der Klippe weg direkt auf Candor Chasma. Es war für ihre Zwecke so ideal gelegen, dass es mit der Straße darauf aussah, als wäre es eine von den Straßenbauern konstruierte Rampe.
Immerhin war es ein steiler Vorsprung, und die Straße verlief die ganze Strecke hinunter in engen Serpentinen, um das Gefälle erträglich zu halten. Von oben konnte man alle rund tausend Kehren sehen, die sich den Sporn hinunter schlängelten. Es sah aus, als hätte man einen gelben Faden über einen Buckel in einen gefleckten orangefarbenen Teppich gestickt.
Boone fuhr vorsichtig dieses Wunderwerk hinunter. Er drehte das Lenkrad des Rovers immer wieder abwechselnd nach links und rechts, bis er sogar anhalten musste, um seine Arme auszuruhen und dabei eine Gelegenheit zu bekommen, sich umzuschauen und die Südwand hoch hinter sich zu betrachten. Die war wirklich steil und geriffelt durch ein gebrochenes Muster tief erodierter Schluchten. Dann ging es eine halbe Stunde weiter durch Haarnadelkurven, bis sich die Straße endlich wieder auf der flacher werdenden Strecke gerade hinzog und sich schließlich verbreiterte und in den Boden des Canyons einmündete. Und dort unten stand eine kleine Gruppe von Fahrzeugen.
Es erwies sich als das Schweizer Team, das gerade mit dem Bau der Straße fertig geworden war, und er verbrachte mit ihnen die Nacht. Es war eine Gruppe von etwa achtzig Personen, meistens jung, meistens verheiratet, die Deutsch, Italienisch und Französisch sprachen und — für ihn günstig — Englisch mit mehreren verschiedenen Akzenten. Sie hatten Kinder dabei und Katzen und ein transportables Gewächshaus voller Kräuter und Gemüse. Bald würden sie wie Zigeuner aufbrechen in einer Karawane, die größtenteils aus ihren Vehikeln für Bodenbewegungen bestand, und zum westlichen Ende des Canyons fahren, um durch Noctis Labyrinthus und zur Ostflanke von Tharsis eine Straße zu bahnen. Danach kämen andere Straßen, vielleicht eine über die Tharsis-Erhebung zwischen Arsia Mons und Pavonis Mons, vielleicht auch eine nach Norden zum Aussichtspunkt Echus. Sie waren noch nicht sicher, und Boone gewann den Eindruck, dass es ihnen ziemlich gleichgültig war. Sie beabsichtigten, den Rest ihres Lebens damit zu verbringen, dass sie umherreisten und Straßen anlegten. Deshalb spielte es keine große Rolle, wohin sie zunächst gingen. Straßenzigeuner für immer.
Sie vergewisserten sich, dass alle Kinder John die Hand schüttelten, und nach dem Dinner hielt er eine kurze Rede, die, wie bei ihm üblich, ihr neues Leben auf dem Mars behandelte. »Wenn ich euch hier draußen sehe, macht mich das wirklich glücklich, weil es der Teil eines neuen Lebensstils ist. Wir haben die Chance erhalten, hier eine neue Gesellschaft zu gründen. Auf technischem Gebiet ändert sich alles, und der soziale Bereich könnte sehr wohl folgen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die neue Gesellschaft sein oder wie sie aussehen sollte. Das ist schließlich der harte Teil bei der Sache. Aber ich weiß, dass es getan werden sollte. Und ich denke, dass ihr und alle die anderen kleinen Gruppen draußen auf der Oberfläche es auf empirischer Basis gestaltet. Und wenn ich euch sehe, hilft mir das, darüber nachzudenken.« Das tat es dann auch, obwohl er selbst nicht viel dazu tat. Er bewegte sich eher lässig in freien Gedankenverbindungen, je nachdem, was ihm gerade in den Sinn kam. Und ihre Augen leuchteten im Lampenlicht, während sie ihm lauschten.
Später saß er mit einigen von ihren im Kreis um eine einzige brennende Lampe herum, und sie blieben die ganze Nacht im Gespräch auf. Die jungen Schweizer stellten ihm Fragen nach seiner ersten Reise und über die ersten Jahre in Underhill, was beides für sie offenbar mythische Dimensionen waren. Und er erzählte ihnen einigermaßen die wirkliche Geschichte und brachte sie oft zum Lachen. Dann stellte er ihnen Fragen über die Schweiz, wie sie funktionierte, was sie von ihr hielten und warum sie hier wären statt dort. Eine blonde Frau lachte, als er das fragte. Sie sagte: »Kennst du den Böögen?«, und er schüttelte den Kopf. »Er ist ein Teil unserer Weihnacht. Sami Claus besucht nacheinander alle Häuser, und er hat einen Helfer, den Böögen, der Mantel und Kapuze trägt und einen großen Sack hat. Sami Claus fragt die Eltern, wie sich die Kinder in diesem Jahr aufgeführt haben; und die Eltern zeigen ihm das Hauptbuch, die Chronik. Und wenn die Kinder brav gewesen sind, gibt Sami Claus ihnen Geschenke. Wenn aber die Eltern sagen, dass die Kinder bös gewesen sind, steckt der Böögen sie in den Sack, schleppt sie weg, und sie werden nie wieder gesehen.«
»Was?« schrie John.
»So sagt man. Das ist die Schweiz. Und deshalb bin ich hier auf dem Mars.«
»Der Böögen hat dich hergebracht.«
Sie lachten, auch die Frau. »Ja, ich war immer böse.« Dann wurde sie ernster. »Aber hier werden wir keinen Böögen haben.«
Sie fragte ihn, was er über die Debatte zwischen den Roten und den Grünen hielte. Er zuckte die Achseln und fasste zusammen, was er über die Positionen von Ann und Sax wusste.
Einer von ihnen sagte: »Ich weiß nicht, ob einer von ihnen recht hat.« Er hieß Jürgen und war einer ihrer Anführer, anscheinend eine Art Kreuzung von Bürgermeister und Zigeunerkönig, mit dunklem Haar, scharfem Gesicht und ernsthaft. »Natürlich sagen beide Seiten, dass sie für die Natur sind. Das müssen sie sagen. Die Roten sagen, dass der Mars, so wie er war, Natur sei. Aber er ist nicht Natur; denn er ist tot. Er ist nur Gestein. Das sagen die Grünen, und sie wollen durch ihr Terraformen Natur zum Mars bringen. Aber auch das ist nicht Natur, sondern nur Kultur. Eine künstliche Sache. Also bekommt keiner Natur. So etwas wie Natur ist auf dem Mars nicht möglich.«
»Interessant!« sagte John. »Das muss ich Ann erzählen und sehen, was sie sagt. Aber …« Er dachte darüber nach. »Wie nennt ihr dann dies hier? Wie nennt ihr das, was ihr tut?«
Jürgen zuckte die Achseln und grinste. »Wir geben ihm gar keinen Namen. Es ist eben der Mars.«
Vielleicht war das die Schweizer Art, dachte John. Er war ihnen bei seinen Reisen immer mehr begegnet, und sie schienen alle so zu sein. Tu etwas und kümmere dich nicht zu viel um Theorie! Was auch immer richtig scheinen möge.
Noch später, als sie noch einige Flaschen Wein getrunken hatten, fragte er sie, ob sie je von dem Cojoten gehört hätten. Sie lachten, und einer sagte: »Das ist der, welcher vor dir hierher gekommen ist, nicht wahr?« Sie lachten über seine Miene. Einer erklärte: »Nur eine Story. Wie die Kanäle oder der Große Mann. Oder Sami Claus.«
Während er am nächsten Tag durch Melas Chasma nach Norden fuhr, wünschte John (wie schon früher), dass alle Leute auf dem Mars Schweizer wären oder zumindest so wie diese. Oder jedenfalls in mancher Hinsicht den Schweizern ähnlicher. Ihre Liebe für das Land schien in einer Lebensweise zum Ausdruck zu kommen: rational, gerecht, erfolgreich, wissenschaftlich. Für ein solches Leben würden sie überall arbeiten; denn für sie kam es auf das Leben an, nicht auf eine Fahne oder auf einen Glauben oder auf einen bestimmten Text, noch sogar das kleine, steinige Fleckchen Land, das sie auf der Erde besaßen. Die Schweizer Straßenbau-Crew hier war schon ein Teil des Mars geworden. Sie hatte das Leben gebracht und das Gepäck zurückgelassen.