Er seufzte und frühstückte, während sein Rover an Transpondern vorbei nach Norden rollte. Die Sache war natürlich gar nicht so einfach. Die fahrenden Straßenbauer waren reisende Schweizer, eine Art von Zigeunern, die Art von Schweizern, die den größten Teil ihres Lebens außerhalb der Schweiz verbrachte. Davon gab es eine Menge; aber sie waren durch diesen Entschluss ausgesondert und waren anders. Die Schweizer, die zu Hause blieben, waren sehr auf ihr Schweizertum bedacht. Immer noch bis an die Zähne bewaffnet, immer noch bereit, den Handelsvertreter für jeden zu spielen, der ihm Bargeld brachte, immer noch kein Mitglied der UN. Allerdings machte dieser Umstand in Anbetracht der Macht, die UNOMA über die lokale Situation hatte, die Schweiz für John als ein Modell noch interessanter. Dieses Geschick, ein Teil der Welt zu sein und sich trotzdem gleichzeitig von ihr auf Distanz zu halten; die Welt zu benutzen, aber fernzuhalten; klein zu sein an Macht, immer bis an die Zähne bewaffnet zu sein, aber nie in den Krieg zu ziehen — war das eine Art von Definition dessen, was er für den Mars erstrebte? Ihm schien, dass man hier einige Lektionen für jedweden hypothetischen Mars-Staat lernen könnte.
Er dachte einen erheblichen Teil seiner Zeit über diesen hypothetischen Staat nach. Das war eine Art fixer Idee von ihm, und er fand es sehr frustrierend, dass er anscheinend nicht mehr als vage Wünsche zustande brachte. Und so dachte er jetzt scharf über die Schweiz nach und was sie ihm sagen könnte. Um das einzuordnen, bediente er sich seines Computers: »Pauline, ruf bitte einen Enzyklopädie-Artikel über die Schweizer Regierung ab!«
Der Rover passierte einen Transponder nach dem anderen, während er den Artikel las, der auf dem Schirm erschien. Er war darüber enttäuscht, dass es nichts über das Schweizer Regierungssystem gab, das deutlich einzigartig war. Die Exekutive besaß ein Siebenerrat, der von der gesetzgebenden Körperschaft gewählt wurde. Kein charismatischer Präsident (was einem Teil von Boone nicht sehr behagte). Das Parlament hatte außer der Wahl der Bundesräte wenig zu tun. Es war gefangen zwischen der Macht der Bundesräte und der des Volkes, wie sie in direkten Initiativen und Abstimmungen zum Ausdruck kam — einer Idee, die sie im neunzehnten Jahrhundert überall von Kalifornien übernommen hatten. Und dann war da das föderalistische System. Die Kantone in all ihrer Vielfalt sollten viel Unabhängigkeit haben. Auch dadurch wurde das Bundesparlament geschwächt. Aber die Macht der Kantone war seit Generationen abgebröckelt, die Bundesregierung riss immer mehr an sich. Worauf lief dies alles hinaus? »Pauline, ruf bitte meine Rats-Akte ab!« Er fügte der kürzlich angelegten Akte einige Notizen hinzu: »Bundesrat, direkte Initiativen, Volksbefragungen, schwaches Parlament, lokale Unabhängigkeit, besonders in kulturellen Angelegenheiten.« Jedenfalls etwas, worüber man nachdenken sollte. Mehr Daten dem Eintopf seiner Ideen zufügen. Es half etwas, wenn man das aufschrieb.
Er fuhr weiter und dachte an die Ruhe der Straßenbauer, ihre seltsame Mischung von Ingenieurwesen und Mystizismus. Die Wärme ihres Willkommens, die Boone keineswegs für gewährleistet hielt. Das geschah nicht überall. Zum Beispiel begegnete man ihm in den arabischen und israelischen Siedlungen sehr steif; vielleicht, weil man ihn für einen Religionsgegner hielt, und vielleicht, weil Frank Geschichten verbreitet hatte, die gegen ihn sprachen. Er war überrascht gewesen, eine arabische Karawane anzutreffen, deren Mitglieder glaubten, er hätte den Bau einer Moschee auf Phobos verboten. Und sie hatten ihn bloß angestarrt, als er bestritt, von einem solchen Plan auch nur gehört zu haben. Er war sich ziemlich sicher, dass das Franks Werk war. Über Janet und andere erreichten ihn Gerüchte, wonach Frank darauf aus wäre, seine Stellung auf diese Weise zu untergraben. Ja, es gab also bestimmte Gruppen, die ihn kühl begrüßten. Die Araber, die Israelis, die Teams der Kernreaktoren, einige der transnationalen Beamten … Gruppen mit ihren eigenen ausgeprägten und provinzlerischen Programmen, die sich seiner größeren Perspektive widersetzten. Unglücklicherweise gab es eine ganze Menge davon.
Er erwachte aus seiner Träumerei, schaute sich um und war überrascht zu entdecken, dass es in der Mitte von Melas genau so aussah, als ob er sich irgendwo draußen auf den nördlichen Ebenen befände. Der große Canyon war an dieser Stelle zweihundert Kilometer breit, und die Krümmung des Planeten war so stark, dass die nördlichen und südlichen Wände mit all ihren drei vertikalen Kilometern gänzlich unter dem Horizont lagen. Erst am folgenden Morgen trennte sich der Nordhorizont in den Boden des Canyons und die große nördliche Wand, die durch einen kurzen nordsüdlichen Canyon zwischen Melas und Candor zerschnitten war. Erst als er in diesen weiten Spalt hineinfuhr, bekam er die Ansicht, an die die Menschen dachten, wenn sie sich einbildeten, unten in Marineris zu sein. Wahrhaft gigantische Wände flankierten ihn zu beiden Seiten, dunkelbraune Steinplatten, die von einer Vielfalt an Rinnen und Graten zerfurcht waren. Am Fuß der Wände lag der tiefe Schotter früherer Steinschläge oder das Material verfallener Strande.
In dieser Lücke war die Schweizer Straße eine Kette grüner Transponder, die sich an Mesas und Trockentälern vorbeischlängelte, so dass es aussah, als ob man das Monument Valley auf den Boden eines Canyons versetzt hätte, der doppelt so tief und fünfmal so breit war wie der Grand Canyon. Der Anblick war so ungeheuer, dass John nicht imstande war, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, und zum ersten Mal auf dieser Reise fuhr er den ganzen Tag, ohne Pauline einzuschalten.
Nördlich der Querspalte kam er in die gewaltige Senke von Candor Chasma; und jetzt war es, als befände er sich in einer gigantischen Kopie der Painted Desert mit großen Sedimentschichten überall, Bändern aus purpurnen und gelben Ablagerungen, orangefarbenen Dünen, roten erratischen Blöcken, rosa Sanden und indigofarbenen Rinnen — wirklich eine phantastische und extravagante Landschaft, die das Auge verwirrte, weil alle die wilden Farben es schwierig machten, sich vorzustellen, um was es sich jeweils handelte und wie groß es war und wie weit entfernt. Riesige Plateaus, die ihm den Weg zu versperren drohten, erwiesen sich als die rundlichen Schichten einer entfernten Klippe. Kleine Felsblöcke dicht hinter den Transpondern entpuppten sich als enorme Mesas in fast einer halben Tagesfahrt Entfernung. Und im Licht des Sonnenuntergangs flammten alle Farben auf, das ganze Spektrum des Mars enthüllte sich und strahlte, als ob Farben aus dem Felsen brächen — alles von blaßgelb bis hin zu dunkel purpurn. Candor Chasma! Er müsste einmal wiederkommen und es erforschen.
Am Tage danach fuhr er den gleichmäßigen Hang der nördlichen Ophir-Straße hinauf, welche die Schweizer Gruppe im vorigen Jahr fertig gestellt hatte. Hinauf und hinauf — und dann war er, ohne je einen ausgeprägten Rand gesehen zu haben, aus den Canyons heraus, rollte an den überkuppelten Löchern von Ganges Catena vorbei und danach über die alte vertraute Ebene, indem er einer breiten Straße folgte, über den nahen Horizont bei Tschernobyl und Underhill. Dann, noch einen Tag weiter zum Echus-Aussichtspunkt nach Westen, dem neuen Hauptquartier für Terraformung von Sax. Seine Reise hatte eine Woche gedauert; und er hatte 2500 Kilometer zurückgelegt.
Sax Russell war von Acheron zurück an seinem eigenen Ort. Er stellte jetzt eine Macht dar. Daran bestand kein Zweifel, da er vor einem Jahrzehnt von UNOMA als wissenschaftlicher Leiter des Terraformunternehmen benannt war. Und natürlich hatte diese Dekade der Macht bei ihm ihre Spuren hinterlassen. Er hatte UN- und transnationale Hilfe angefordert, um eine ganze Stadt zu bauen, die als Hauptquartier für die Terraformung dienen sollte. Und er hatte diese Stadt etwa fünfhundert Kilometer westlich von Underhill angesiedelt, auf der Kante der Klippe, die die Ostwand von Echus Chasma bildete. Echus war einer der engsten und tiefsten Canyons des Planeten, und seine Ostwand war noch höher als Süd-Melas. Der Abschnitt, den sie ausgesucht hatten, um die Stadt hineinzubauen, war eine vertikale Basaltklippe von viertausend Metern Höhe.