Oben auf der Klippe gab es wenige Anzeichen der neuen Stadt. Das Land hinter dem Rand war fast unmarkiert. Nur hie und da ein Betonbunker und im Norden die Rauchfahne des Rickover-Kernkraftwerks. Aber als John aus seinem Rover stieg und einen Bunker am Rande betrat, um einen der großen Aufzüge darin zu benutzen, begann ihm das Ausmaß der Stadt klar zu werden. Als er fünfzig Stockwerke tief war, stieg er aus und fand eine ganze Reihe weiterer Aufzüge, die ihn noch tiefer brachten, bis hinab zum Boden von Echus Chasma. Wenn man ein Stockwerk zu zehn Metern rechnete, bedeutete das Raum in der Klippe für vierhundert Stockwerke. Soviel davon wurde noch nicht benutzt, und die meisten bisher gebauten Räume drängten sich in den oberen zwanzig Etagen. Sax hatte sein Büro sehr weit oben.
Sein Konferenzraum war eine große offene Kammer mit einem durchlaufenden Fenster vom Fußboden bis zur Decke an der Westwand. Als John in den Raum trat, um sich nach Sax umzusehen, war es noch ziemlich früh am Vormittag, und das Fenster war fast klar. Weit weit drunten lag der Chasma-Boden, noch halb im Schatten, und draußen im Sonnenlicht stand die viel niedrigere Westwand von Echus und dahinter der große Abhang der Tharsis-Erhebung, die immer höher nach Süden anstieg. In mittlerer Entfernung lag der niedrige Buckel von Tharsis Tholus und links davon, eben über den Horizont schauend, lag der purpurne, oben abgeflachte Kegel von Ascraeus Mons, dem nördlichsten der großen Vulkane.
Aber Sax war nicht im Konferenzzimmer und hatte, soweit John sagen konnte, nie aus diesem Fenster geblickt. Er befand sich hinter der nächsten Tür in einem Labor, mehr Laborratte denn je, mit krummen Schultern und spitzem Schnurrbart. Er schaute sich auf dem Fußboden um und sprach mit einer Stimme, die wie die eines Computers klang. Er führte John durch eine ganze Folge von Labors, beugte sich vor, um Bildschirme oder Koordinatenblätter anzuschauen, und sprach zerstreut über die Schulter zu John. Die Räume, durch die sie gingen, waren gedrängt voller Computer, Drucker, Bildschirme, Bücher, Rollen und Papierstapel, Discs, GC-Massenspektrographen, Brutschränke, Abzugshauben, langer Labortische voller Apparate und ganzer Bibliotheken. Auf jeder wackligen Unterlage standen Topfpflanzen, die meisten davon unerkennbare Wülste, stachlige Sukkulenten und dergleichen, so dass es auf den ersten Blick aussah, als wäre ein virulenter Schimmelpilz ausgebrochen und hätte alles überwuchert. »Deine Labors werden irgendwie schmutzig«, sagte John.
»Der Planet ist das Labor«, entgegnete Sax.
John lachte, nahm einen hellgelben subarktischen Kaktus von einem Pult und setzte sich hin. Sax verließ diese Räume überhaupt nicht mehr. »Was simulierst du heute?«
»Atmosphären.«
Natürlich. Dieses Problem machte Sax ernstlich zu schaffen. Alle Wärme, die sie freisetzten oder dem Planeten zufügten, machte die Atmosphäre dichter; aber alle ihre Strategien, um CO2 zu fixieren, machte sie dünner. Und als sich die chemische Zusammensetzung der Luft langsam zu etwas verschob, das weniger giftig war, enthielt sie auch weniger Treibhausgase, so dass die Dinge sich wieder abkühlten und der Prozess verlangsamt wurde. Negatives Feedback gegen positives Feedback allenthalben. Alle diese Faktoren in ein sinnvolles extrapolatives Programm zu jonglieren, war mehr, als je einer zu Saxens Befriedigung geschafft hatte. Darum hatte er zu seiner gewohnten Methode Zuflucht genommen. Er versuchte, es selbst zu machen.
Er schritt durch die schmalen Gänge zwischen den Geräten und schob Stühle beiseite. »Es gibt einfach zu viel Kohlendioxid. In den alten Tagen haben die Modell-Leute das einfach unter den Teppich gekehrt. Ich denke, ich werde die südliche Polkappe von Robotern zu Sabatier-Fabriken umgestalten lassen müssen. Was wir verarbeiten, kann dann nicht sublimieren, und wir können den Sauerstoff freisetzen und aus dem Kohlenstoff Ziegelsteine machen, nehme ich an. Wir werden mehr Karbonblöcke haben, als wir uns ausdenken können zu verwenden. Schwarze Pyramiden neben den weißen.«
»Hübsch!«
»Hmm.« Die Crays und die zwei Schillers summten hinter ihm vor sich hin und lieferten zu seinem eintönigen Rezitativ einen profunden Bass. Diese Computer liefen die ganze Zeit mit einem Satz Bedingungen nach dem anderen, wie Sax sagte. Die Ergebnisse waren zwar nie die gleichen, jedoch nur selten ermutigend. Die Luft würde noch ziemlich lange kalt und giftig bleiben.
Sax marschierte durch die Halle, und John folgte ihm in etwas, das wie ein weiteres Labor aussah. Nur gab es dort ein Bett und einen Kühlschrank in einer Ecke. Gewaltsam in Unordnung gebrachte Bücherregale waren überladen mit Topfpflanzen, bizarren Pleistozän-Gewächsen, die ebenso tödlich aussahen wie die Luft draußen. John setzte sich in den einzigen leeren Sessel. Sax stand da und schaute auf einen Muschelbusch, während John seine Begegnung mit Ann schilderte.
»Glaubst du, dass sie darin verwickelt ist?« fragte Sax.
»Ich denke, sie weiß, wer es ist. Sie erwähnte jemanden namens Cojote.«
»Ach ja.« Sax sah John kurz an — genauer seine Füße. »Sie hetzt uns auf eine legendäre Person. Er soll mit uns auf der Ares gewesen sein, weißt du. Von Hiroko versteckt.«
John war so davon überrascht, dass Sax von dem Cojoten gehört hatte, das es eine Weile dauerte, bis ihm klar wurde, was außerdem noch beunruhigend war an dem, was Sax gesagt hatte. Aber dann fiel es ihm ein. Eines Nachts hatte Maya ihm gesagt, dass sie ein Gesicht gesehen hätte, das Gesicht eines Fremden. Die Ausreise war für Maya hart gewesen, und er hatte die Geschichte in den Wind geschlagen. Aber jetzt …
Sax ging umher, schaltete Lichter an, glotzte auf Schirme und murmelte etwas über Sicherheitsmaßnahmen. Er öffnete kurz die Tür vom Kühlschrank, und John erhaschte einen Blick auf weitere stachlige Gewächse. Entweder hielt er sich darin Experimente, oder sein Zwischenimbiß hatte einen wirklich virulenten Anfall von Schimmel erlitten. John sagte: »Du verstehst sicher, warum die meisten Angriffe auf die Moholes erfolgt sind. Sie sind das am leichtesten anzugreifende Projekt.«
Sax neigte den Kopf. »Sind sie das?«
»Denk darüber nach! Deine kleinen Windmühlen gibt es überall; da kann man nicht viel ausrichten.«
»Es gibt Leute, die sie demolieren. Wir haben Meldungen bekommen.«
»Was, ein Dutzend? Und wie viele sind da draußen, hunderttausend? Sie sind bloß Schrott, Sax. Deine schlechteste Idee.« Und für sein Projekt sogar fast tödlich wegen der Algentabletts, die Sax in einigen davon versteckt hatte. Anscheinend waren alle Algen eingegangen. Falls aber nicht, und wenn es jemandem gelungen wäre zu beweisen, dass Sax für ihre Verbreitung verantwortlich war, hätte er seinen Job verlieren können. Dies war ein weiterer Hinweis darauf, dass Saxens logische Art eine Fassade war.
Jetzt runzelte er die Stirn. »Sie liefern jährlich ein Terawatt.«
»Und wenn man ein paar davon zerstört, macht das nichts aus. Was aber die anderen physikalischen Maßnahmen angeht, so befinden sich die schwarzen Schneealgen auf der nördlichen Polkappe und können nicht beseitigt werden. Die Spiegel für die Dämmerung befinden sich im Orbit, und es ist nicht so einfach, sie aus der Bahn zu werfen.«
»Mit Pythagoras hat das jemand gemacht.«
»Gewiss, aber wir wissen, wer das war, und ein Sicherheitsteam verfolgt die Person.«
»Die wird wahrscheinlich nie zu einer anderen führen. Vielleicht können sie es sich leisten, für jede Aktion eine Person einzubüßen. Das würde mich nicht überraschen.«