John lachte über seine Launenhaftigkeit und ging zur Tür. Dann hörte er auf nachzudenken und sah sich in der Halle nach beiden Seiten um. Leer. Und keine Videomonitore in Saxens Büro. Er trat wieder ein, grinste über seinen verstohlenen Gang auf Zehenspitzen und musterte das Papierchaos auf dem Schreibtisch. Wo sollte er anfangen? Vermutlich würde sein PC alles Interessante enthalten, aber wohl nur auf die Stimme von Sax reagieren und sicher alle anderen Anfragen registrieren. John öffnete ruhig eine Schreibtischschublade. Leer. Alle Schubladen waren leer. Er hätte fast laut gelacht, unterdrückte das aber. Auf einer Laborbank lag ein Haufen Korrespondenz, und er sah ihn durch. Meist Mitteilungen von den Biologen in Acheron. Unten in dem Stapel war ein einzelnes Blatt nicht unterschriebener Post, auch ohne Rücksendeanschrift oder Herkunftscode. Saxens Drucker hatte das Blatt ausgespuckt ohne jede Identifikation, die John sehen konnte. Die Mitteilung war kurz:
1. Wir benutzen Selbstmordgene, um Vermehrung im Griff zu halten. 2. Es gibt auf der Oberfläche jetzt so viele Wärmequellen, dass wir nicht glauben, jemand könnte unseren Ausstoß vom Rest unterscheiden. 3. Wir haben uns einfach geeinigt auszubrechen und unabhängig allein zu arbeiten, ohne Einmischungen. Ich bin sicher, du verstehst jetzt.
Nachdem er eine Minute lang daraufgestarrt hatte, hob John den Kopf und sah sich um. Er war immer noch allein. Er schaute noch einmal auf die Nachricht, legte sie da hin, wo er sie gefunden hatte, und ging ruhig aus Saxens Büros zu den Gästequartieren zurück. »Sax«, sagte er anerkennend, »du raffinierter Rattenkönig!«
Der Zug nach Burroughs führte hauptsächlich Fracht in dreißig engen Waggons. Vorn waren zwei Passagierwaggons. Er glitt über eine supraleitende Magnetpiste so schnell und geschmeidig, dass man kaum den Augen trauen konnte. Nach Johns endloser Schufterei querfeldein in Rovern war es fast erschreckend. Man hatte nichts weiter zu tun, als das Lustzentrum in dem alten Gehirn mit Omegendorph zu überschwemmen, sich zurückzulehnen und es zu genießen. Wenn man hinausschaute, schien es eine Art Flug mit Überschallgeschwindigkeit auf dem Boden zu sein.
Die Piste war ungefähr parallel zu 40° Nord angelegt. Der Plan war, letztlich den ganzen Planeten mit einer Magnetschwebebahn zu umgürten; aber bisher war nur die Hemisphäre zwischen Echus und Burroughs fertig gestellt. Burroughs war die größte Stadt in der rückseitigen Hemisphäre geworden. Die ursprüngliche Siedlung war von einem in Amerika heimischen Konsortium nach einem europäischen Plan unter französischer Führung erbaut worden und lag am oberen Ende von Isidis Planitia, die praktisch ein riesiger Trog war, wo die Ebenen des Nordens einen tiefen Einschnitt in die Hochländer des Südens machten. Seiten und Kopf des Trogs wirkten der Krümmung des Planeten derart entgegen, dass die Landschaft um die Stadt herum fast irdische Horizonte hatte; und als der Zug in den großen Trog hinunterflog, konnte Boone über mit Mesas besetzte dunkle Ebenen bis zu Horizonten in mehr als sechzig Kilometern Entfernung blicken.
Die Gebäude von Burroughs waren fast alle Klippenbauten, die in die Flanken von fünf großen Mesas eingeschnitten waren, die als Gruppe auf einer Anhebung in der Krümmung eines alten gewundenen Kanals standen. Große Abschnitte der vertikalen Seiten der Mesas waren mit Rechtecken aus verspiegeltem Glas besetzt, als ob man postmoderne Wolkenkratzer auf die Seiten gelegt und in die Berge hineingeschoben hätte. Wirklich ein aufregender Anblick und viel beeindruckender als Underhill oder sogar der Echus-Aussichtspunkt, der eine großartige Aussicht bot, aber nicht gesehen werden konnte. Nein, die mit Glas verkleideten Flanken von Burroughs, die sich über einen Kanal erhoben, der nach Wasser zu flehen schien, und ein Ausblick bis zu fernen Bergen — diese Merkmale vereinten sich, um der neuen Stadt einen rasch wachsenden Ruf als die schönste Stadt auf dem Mars zu verleihen.
Ihre westliche Bahnstation befand sich im Innern einer ausgehöhlten Mesa, ein sechzig Meter hoher Raum mit gläsernen Wänden. John trat in diese großartige Halle hinaus und bahnte sich einen Weg durch die Volksmenge mit zurückgeneigtem Kopf wie ein Tölpel vom Lande in Manhattan. Das Bahnpersonal trug blaue Pullover, die Schürfungsleute hatten grüne Schutzkleidung, die UNOMA-Bürokraten Anzüge und die Bauarbeiter Arbeitsjumper in Regenbogenfarben, die an Sportsdress erinnerten. Das UNOMA-Hauptquartier war vor drei Jahren, in Burroughs untergebracht worden, was einen großen Bau-Aufschwung bewirkt hatte. Es war eine offene Frage, ob es mehr UNOMA-Bürokraten oder Bauarbeiter in der Station gab.
Am anderen Ende des großen Raums fand John einen U-Bahn-Eingang und nahm einen kleinen Wagen zum Hauptquartier der UNOMA. In dem Wagen schüttelte er einigen Leuten die Hand, die ihn erkannten und an ihn herantraten. Er fühlte, wie das alte Unbehagen des Goldfischglases zurückkehrte. Er befand sich wieder unter Fremden. In einer Stadt.
An diesem Abend speiste er mit Helmut Bronski. Sie waren sich zuvor schon oft begegnet, und John war von dem Mann beeindruckt einem deutschen Millionär, der in die Politik gegangen war. Groß, füllig, blond mit rötlichem Gesicht, makellos gepflegt und in einen teuren grauen Anzug gekleidet. Er war der Finanzminister des Europarats gewesen, als er den Posten bei der UNOMA annahm. Jetzt erzählte er John die letzten Neuigkeiten in einem sehr gepflegten britischen Englisch und aß Roastbeef mit Kartoffeln zwischen schnell geäußerten Sätzen, wobei er sein Silberbesteck auf die deutsche werkmännische Art hielt. »Wir werden einen Schürfkontrakt in Elysium dem transnationalen Konsortium Armscor übertragen. Sie werden ihre eigene Ausrüstung schicken.«
»Aber, Helmut«, sagte John, »würde das nicht den Mars-Vertrag verletzen?«
Helmut machte eine weite Bewegung mit der Hand, die die Gabel hielt. Seine Miene sagte, sie wären Männer von Welt und verstünden sich auf diese Dinge. »Der Vertrag ist mehr als veraltet, das ist jedem klar, der mit der Situation zu tun hat. Aber seine Revision ist erst nach zehn Jahren angesetzt. Inzwischen müssen wir versuchen, gewisse Aspekte der Revision vorzuziehen. Darum erteilen wir schon jetzt einige Konzessionen. Es gibt keinen Grund zur Verzögerung; und sollten wir das versuchen, gäbe es Ärger in der Generalversammlung.«
»Aber die Generalversammlung wird nicht gerade begeistert sein, dass ihr die erste Konzession einem alten südafrikanischen Waffenfabrikanten erteilt habt.«
Helmut zuckte die Achseln. »Armscor hat nur noch sehr wenig mit seinen Ursprüngen gemein. Es ist bloß ein Name. Als aus Südafrika Azania wurde, hat die Gesellschaft ihre Büros nach Australien verlegt und dann nach Singapore. Und jetzt ist sie natürlich viel mehr als eine Luft- und Raumfahrtfirma geworden. Sie ist eine echte Transnationale, einer der neuen Tiger, mit eigenen Banken und kontrolliert fünfzig der alten Fortune 500.«
»Fünfzig von ihnen?« fragte John.
»Jawohl. Und Armscor ist eine der kleinsten Transnationalen. Darum haben wir sie ausgesucht. Aber sie hat immer noch ein größeres Wirtschaftsvolumen als jedes Land außer den größten Zwanzig. Wenn die alten Multinationalen zu Transnationalen verschmelzen, siehst du, dann gewinnen sie wirklich eine ganze Menge Macht und haben Einfluss in der Generalversammlung. Wenn wir einer eine Konzession erteilen, profitieren davon etwa zwanzig oder dreißig Länder und gewinnen Zugang zum Mars. Und für den Rest der Länder dient das als Präzedenzfall. Und so wird der Druck auf uns gemindert.«
»Oha!« John dachte darüber nach. »Sag mir, wer hat diese Übereinkunft zustande gebracht?«
»Nun, weißt du, es waren ein paar von uns.«
Helmut aß weiter und ignorierte fröhlich Johns starren Blick.
John zog die Lippen zusammen und schaute weg. Ihm wurde jäh bewusst, dass er mit einem Manne sprach, der, obwohl nur ein Funktionär, sich auf dem Planeten für weitaus wichtiger hielt als Boone. Genial, mit einem glatten Gesicht (wer schnitt ihm wohl das Haar?), lehnte Bronski sich zurück und bestellte Getränke nach der Mahlzeit. Seine Assistentin, die an dem Abend aufwartete, eilte folgsam hin und her.