John bemerkte: »Ich glaube nicht, dass man mich schon einmal auf dem Mars bedient hat.«
Helmut begegnete seinem Blick ruhig, aber seine Gesichtsröte war stärker geworden. John musste fast grinsen. Der UNOMA-Beamte wollte drohend wirken, der Repräsentant von so hochgestochenen, quasi klimatischen Kräften, dass Johns kleine Mentalität eines Wetterhäuschens diese nicht einmal begreifen könnte. Aber John hatte schon früher festgestellt, dass ein paar Minuten seiner Routine als Erster-Mann-auf-dem-Mars gewöhnlich ausreichten, um einer solchen Haltung den Boden zu entziehen. Also lachte er und trank und erzählte Geschichten und spielte auf Geheimnisse an, die nur den Ersten Hundert einsichtig waren. Er machte es der Assistentin/Kellnerin klar, dass er es war, der am Tisch das Sagen hatte und so weiter. Er benahm sich allgemein auf eine nicht betroffene, wissende, arrogante Art; und als sie mit ihrem Sorbet und Brandy fertig waren, war Bronski laut und polternd, offenkundig nervös und in der Defensive.
Funktionäre — John musste lachen.
Aber er war neugierig hinsichtlich des letzten Punktes ihrer Konferenz, der ihm immer noch nicht klar war. Vielleicht hatte Bronski selbst persönlich sehen wollen, wie die Nachricht von der neuen Konzession einen der Ersten Hundert treffen würde — vielleicht, um die Reaktion der übrigen zu ermessen? Das wäre töricht; denn um ein gutes Urteil über die Ersten Hundert zu bekommen, müsste man mindestens achtzig von ihnen befragen. Aber das würde auch nicht heißen, dass es stimmte. John war es gewohnt, als Repräsentant von Dingen zu gelten, als ein Symbol. Wieder die Galionsfigur. Es wäre bestimmt eine Zeitverschwendung.
Er fragte sich, ob er aus diesem Abend etwas für sich herausholen könnte; und als sie wieder zu seiner Gastsuite gingen, sagte er: »Hast du jemals von dem Cojoten gehört?«
»Ein Tier?«
Er grinste und beließ es dabei. Er legte sich in seinem Zimmer aufs Bett, Mangalavid im Fernseher, und dachte nach. Als er sich vor dem Schlafengehen die Zähne putzte, sah er im Spiegel sein Bild und machte ein brummiges Gesicht. Er schwang die Zahnbürste in einer weit ausholenden Geste und sagte in einer unfairen Parodie von Helmuts leichtem Akzent: »Vell, dass is bisineß, bisineß aß juschel!«
Am nächsten Morgen hatte er ein paar Stunden vor der nächsten Konferenz und verbrachte deshalb die Zeit mit Pauline. Er sah durch, was er über Helmut Bronskis Unternehmungen in den letzten sechs Monaten finden konnte. Konnte Pauline der UNOMA in die Diplomatentasche greifen? War Helmut je in Senzeni Na oder einem anderen Sabotage-Ort gewesen? Während Pauline ihre Suchalgorithmen laufen ließ, schluckte John ein Omegendorph gegen seinen Kater und dachte darüber nach, was hinter seinem Einfall steckte, die Akten von Helmut durchzustöbern. In diesen Tagen stellte UNOMA die höchste Autorität auf dem Mars dar, zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes. In der Praxis war sie so zahnlos wie die UN gegenüber nationalen Armeen und transnationalem Geld. Wenn sie nicht nach ihrer Pfeife tanzte, war sie hilflos. Sie konnte nicht entgegen deren Wünschen Erfolg haben und würde es wohl auch nie versuchen, da sie ihr Werkzeug war. Was wollten sie also, die nationalen Regierungen und der transnationale Ausschuss von Direktoren? Wenn es genügend Sabotage gäbe, würde das ein Grund sein, mehr für ihre eigene Sicherheit zu tun? Würde es dahin tendieren, ihre Kontrolle zu verstärken?
Er knurrte angewidert. Offenbar war bisher das einzige Resultat seiner Nachforschungen, dass sich die Liste der Verdächtigen verdreifacht hatte. Pauline sagte: »Entschuldige mich, John!« und die Information erschien auf dem Schirm. Die Diplomatentasche war, wie sie herausgefunden hatte, in einem der neuen, nicht zu knackenden Schlüssel codiert. Man müsste die Lösungen haben, um hineinzukommen. Helmuts Bewegungen waren andererseits leicht zu verfolgen. Er war vor zehn Wochen in Pythagoras gewesen, der Spiegelstation, die aus dem Orbit gestoßen worden war. Und in Senzeni Na zwei Wochen vor Johns Besuch. Und dennoch hatte niemand dort sein Auftreten erwähnt.
In jüngster Zeit war er gerade von dem Bergbaukomplex zurückgekehrt, der an einer Stelle namens Bradbury Point eingerichtet wurde. Zwei Tage später reiste John ab, um ihn zu besuchen.
Bradbury Point lag etwa achthundert Kilometer nördlich von Burroughs an der östlichsten Stelle von Nilosyrtis Mensae. Die Mensae waren eine Reihe langer Mesas, die wie Inseln der südlichen Hochländer in dem Flachland der nördlichen Ebenen aufragten. Man hatte unlängst festgestellt, dass die Mesa-Inseln von Nilosyrtis ein reiches metallogenes Gebiet darstellten, mit Lagerstätten von Kupfer, Silber, Zink, Gold, Platin und anderen Metallen. Konzentrationen von Erzen wie diese hatte man an mehreren Stellen im so genannten Großen Steilhang entdeckt, wo die südlichen Hochländer zu den nördlichen Niederungen abfielen. Einige Areologen gingen so weit, das ganze Gebiet des Steilhangs zu einer metallogenen Provinz zu erklären, die den Planeten wie die Naht auf einem Baseball umgab.
Das war ein anderes Faktum, das sich zu dem großen Nord-Süd-Mysterium fügte und natürlich seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Ausgrabungen, begleitet von intensiven areologischen Studien, wurden von Wissenschaftlern durchgeführt, die für UNOMA arbeiteten und, wie John herausfand, als er die Arbeitsakten neuer Ankömmlinge nachprüfte, für die Transnationalen, die alle nach Hinweisen suchten, die sie in die Lage versetzen würden, noch mehr lokale Lagerstätten zu finden. Aber selbst auf der Erde verstand man die Geologie der Mineralbildung noch nicht so recht; und darum enthielten solche Vermutungen immer noch große Zufallselemente. Und auf dem Mars war das noch mysteriöser. Die kürzlichen Funde auf dem Großen Steilhang waren größtenteils zufällig gewesen, und erst jetzt wurde die Gegend zu einem Brennpunkt des Schürfens.
Die Entdeckung des Bradbury-Komplexes hatte diese Jagd beschleunigt; und er erwies sich als so groß wie die größten Komplexe auf der Erde, vielleicht vergleichbar dem Bushveldt-Komplex von Azania. Also gab es einen Goldrausch in Nilosyrtis. Und Helmut Bronski hatte die Szene besucht.
Diese erwies sich als klein und rein zweckmäßig, ein bloßer Anfang. Ein Kernreaktor und einige Raffinerien, dicht bei einer ausgehöhlten, von einem Habitat erfüllten Mesa. Die Minen waren im Flachland zwischen Mesas verstreut. Boone fuhr bis zum Habitat hinauf, koppelte an der Garage an und kroch dann durch die Schleusen. Drinnen wurde er von einem Empfangskomitee begrüßt und in einen mit Fenstern versehenen Konferenzraum geführt, wo er sprechen sollte.
Sie sagten, sie wären in Bradbury etwa dreihundert Personen, alles Angestellte von UNOMA und ausgebildet von der transnationalen Shelalco. Als sie mit John einen kleinen Rundgang machten, stellte er fest, dass sie eine Mischung aus früheren Südafrikanern, Australiern und Amerikanern bildeten, alle glücklich, ihm die Hand zu schütteln. Ungefähr dreiviertel waren Männer, blass und sauber, die mehr wie Labortechniker aussahen als die geschwärzten Trolle, an die er dachte, wenn er das Wort Bergarbeiter hörte. Die meisten arbeiteten mit Zweijahreskontrakten, wie sie ihm sagten, und hielten sich auf dem laufenden über die noch verbliebene Zeit — nach Wochen oder sogar Tagen. Sie betrieben die Minen hauptsächlich durch Fernsteuerung und machten ein entsetztes Gesicht, als Boone darum bat, in eine Mine einzufahren, um sich umzuschauen. Einer sagte: »Es ist bloß ein Loch.« Boone starrte sie arglos an, und nach kurzem Zögern brachten sie eine Begleitmannschaft für ihn zusammen.
Sie brauchten zwei Stunden, in die Schutzanzüge zu steigen und aus einer Schleuse hinauszukommen. Sie fuhren an den Rand einer Mine und dann auf einer Rampenstraße in eine terrassierte ovale Grube von etwa zwei Kilometern Länge. Dort stiegen sie aus und folgten John, als er herumging. Umgeben von großen robotischen Bulldozern, Abraumlastern und Bodenräumern waren die Gesichtsscheiben seiner vier Begleiter ganz Auge — auf der Hut wegen eines wildgewordenen Behemoths, wie John meinte. Er war über ihre Furchtsamkeit erstaunt. Plötzlich erkannte er, dass der Mars auch nur eine andere Version einer harten Arbeit sein konnte, eine höllische Kombination von Sibirien, dem Innern von Saudi Arabien, dem Südpol im Winter und Nouy Mir.