»Das weißt du genau: Diese Überschwemmung an Menschen und Gerät, während auf der Erde die Dinge verkommen.«
»Auf der Erde verkommen immer Dinge. Daran solltest du dich inzwischen gewöhnt haben.«
»Na ja, aber wem wird das hier oben gehören? Wer wird das alles bezahlen?«
Frank zog ein Gesicht über Johns Naivität. Ein Blick auf seine Grimasse sagte John alles, den ganzen Komplex von Widerwillen, Ungeduld und Belustigung. Ein Teil von John war über diese rasche Erkenntnis erfreut. Er kannte seinen alten Freund besser, als er je ein Mitglied seiner Familie gekannt hatte, so dass das dunkle Gesicht mit den blassen Augen, das ihn ansah, wie das eines Bruders war, eines Zwillings, den er seit je gekannt zu haben schien. Andererseits war er über Frank wegen seiner Herablassung verärgert. »Die Leute fragen danach. Nicht nur ich und nicht bloß Arkady. Du kannst es nicht einfach ignorieren und so tun, als wäre es eine blöde Frage, als ob nichts entschieden werden müsste.«
Frank sagte brüsk: »Die UN entscheiden. Das sind zehn Milliarden gegenüber zehntausend von uns. Das ist ein Verhältnis von einer Million zu eins. Wenn du darauf Einfluss nehmen wolltest, hättest du der UNOMA-Manager werden sollen, wie ich dir gesagt habe, als sie diese Position geschaffen haben. Aber du hast nicht auf mich gehört. Du hast einfach nur die Achseln gezuckt. Du hättest wirklich etwas tun können, aber was bist du jetzt? Der Assistent von Sax für Öffentlichkeitsarbeit.«
»Und Entwicklung und Sicherheit und Angelegenheiten der Erde und der Moholes.«
»Wie ein Strauß!« erwiderte Frank bissig. »Mit dem Kopf in einem Loch! Los, gehen wir essen!«
John stimmte zu, und sie begaben sich zum größten Rover der Araber, der als Kantine eingerichtet war. Es gab Lammbraten und Joghurt mit Dill, delikat und exotisch. Aber John war immer noch durch Franks Ärger irritiert, der ständig an ihm zehrte. Die alte Rivalität war so stark wie eh und je. Und keine Routine als Erster Mann würde Franks hochnäsiger Arroganz Abbruch tun.
Als daher Maya Toitovna am nächsten Tag auf ihrem Weg nach Acheron aufkreuzte, drückte John sie länger an sich, als er es sonst getan hätte. Und als das Abendessen vorbei war, vergewisserte er sich, dass sie die Nacht in seinem Rover verbringen würde — eine Sache besonderer Höflichkeit, eines gewissen Lachens, eines gewissen Blicks, des fast zufälligen Aneinanderstreifens der Arme, als sie da standen und ihre Sorbets löffelten und mit den frohen Menschen der Karawane sprachen, die Maya faszinierend fanden … Ihr ganzer alter Code von Versöhnung und Verführung, wie er im Laufe der Jahre entstanden war. Und Frank konnte bloß zusehen mit einem Schafsgesicht, während er mit seinen ägyptischen Freunden sprach.
Und in dieser Nacht, als John und Maya sich in Johns Roverbett liebten, richtete John sich kurz von ihr auf, sah auf ihren weißen Körper hinab und dachte: Das hatte nun der Kumpel Frank von seiner politischen Macht! Diese ausdruckslose Miene hatte alles gesagt. Das wilde Verlangen nach Maya gab es immer noch und brannte noch immer. Frank wäre, wie die meisten Männer in der Karawane, in diesem Moment gern an Johns Stelle gewesen. Ein paar Mal war ihm das zweifellos gelungen. Aber nicht, wenn John da war. Nein, heute Nacht würde Frank gewahr werden, woraus wahre Macht bestand.
Abgelenkt durch solche Bosheit brauchte John einige Zeit, um Maya echte Aufmerksamkeit zu widmen. Es war fast fünf Jahre her, seit er und sie miteinander geschlafen hatten; und in der Zwischenzeit hatte er verschiedene andere Partnerinnen gehabt, und er wusste, dass sie einige Zeit mit einem Ingenieur in Hellas zusammengelebt hatte. Es war eigenartig, wieder anzufangen, da sie einander intim kannten und dennoch nicht so recht. Ihr sich drehendes Gesicht schimmerte unter ihm in dem schwachen Licht, Schwester und Fremde, Schwester und Fremde … Dann geschah etwas und veränderte sich in ihm. Alle äußeren Angelegenheiten fielen ab, alle jene Spiele. Etwas in ihrem Gesicht, in der Art, wie sie ganz da war und wie sie ihm ihr ganzes Selbst hingeben konnte, wenn sie sich liebten. Er kannte keine andere, die ganz so war.
Und so entbrannte die alte Flamme wieder, zunächst unsicher, als ob es sie bei ihrem ersten Liebesspiel überhaupt nicht gegeben hätte. Aber dann, nach einer Stunde ruhigen Gesprächs, hatten sie angefangen, sich zu küssen, rollten sich zusammen, und plötzlich brannte es, und sie waren mitten drin. Wie üblich durch Maya entflammt, musste er zugeben. Sie zwang ihn zur Aufmerksamkeit. Sex war für sie (wie es für John zu sein neigte) nicht irgendeine reizvolle sportliche Betätigung; es war für sie eine große Leidenschaft, ein transzendenter Seinszustand, und sie war wie eine Tigerin, wenn sie in Schwung kam, dass sie ihn stets überraschte, aufweckte, auf ihr Niveau hob und daran erinnerte, was Sex sein konnte. Und es war wundervoll, wieder daran erinnert zu werden und das wieder zu erfahren — wirklich wundervoll. Omegendorph war nichts dagegen. Wie konnte er vergessen haben, warum wanderte er ständig von ihr fort, als ob sie nicht irgendwie unersetzlich wäre? Er presste sie an sich, und sie verschlangen sich ineinander, bissen einander, keuchten und stöhnten. Sie kamen zusammen wie früher schon so oft. Maya zog ihn mit sich über die Grenze. Ihr Ritual.
Und selbst danach, als sie noch ein wenig plauderten, fühlte er sich viel mehr zu ihr hingezogen. Er hatte damit angefangen, bloß um Frank zu ärgern, das stimmte. Sie war ihm völlig gleichgültig gewesen. Aber jetzt, als er an ihrer Seite lag, fühlte er, wie sehr er ihre Anwesenheit in den vergangenen fünf Jahren vermisst hatte, und wie leer sein Leben gewesen war. Neue Gefühle — die überraschten ihn immer. Er hatte geglaubt, zu alt dafür zu sein, und dass er mehr oder weniger aufgehört hatte, sich zu verändern. Und dann pflegte plötzlich etwas zu passieren, und oft, wenn man über die Jahre zurück dachte, war dieses Etwas eine Begegnung mit Maya gewesen …
Sie war aber immer noch dieselbe Maya Toitovna: quecksilbrig, voller eigener Gedanken und Pläne, voll von sich selbst. Sie hatte keine Ahnung, was John hier draußen auf den Dünen machte und wäre nie auf den Gedanken gekommen zu fragen. Und sie würde ihn in Stücke reißen, wenn er sich zufällig ihrer Laune widersetzte. Das konnte er an der hitzigen Haltung ihrer Schultern erkennen, als sie zur Toilette tapste. Aber das wusste er schon alles, das war ein alter Hut seit den ersten Jahren in Underhill; und die reine Vertrautheit damit war schon angenehm. Sogar ihre Reizbarkeit machte Spaß. Wie Frank und sein Zorn. Nun ja, er wurde alt, und sie waren eine Familie. Er musste fast lachen. Er sagte beinahe etwas, um sie explodieren zu lassen, überlegte es sich dann aber anders. Es genügte, das nur zu wissen, und bedurfte keiner weiteren Demonstration. Um Gottes willen! Bei diesem Gedanken lachte er, und sie lächelte, als sie es hörte, und kam wieder ins Bett und stieß ihn vor die Brust. »Du lachst wieder über mich, wie ich sehe! Das ist wegen meines Hintern, nicht wahr?«
»Du weißt, dass dein Po perfekt ist.« Sie stupste ihn wieder, durch das gekränkt, was sie für eine grobe Lüge hielt; und ihr Gerangel zog sie wieder zurück in die Realität von Haut und Salz, in die Welt des Sex. Irgendwann in dem langen, lässigen Techtelmechtel ertappte er sich bei dem Gedanken: Ich liebe dich, du wilde Maya, ich liebe dich wirklich1. Das war ein beunruhigender und gefährlicher Gedanke. Nicht, dass er sich getrauen würde, ihn auszusprechen, aber er fühlte sich wahr an.
Als sie dann einige Tage später fortging, um die Acherongruppe zu besuchen, und ihn bat, sich dort mit ihr zu treffen, war er erfreut. »Vielleicht in ein paar Monaten.«
»Nein, nein.« Ihr Gesicht war ernst. »Komm früher, ich möchte dich dort eher bei mir haben.«
Als er dann in einer Laune zusagte, grinste sie wie ein Mädchen, das ein Geheimnis hütet. »Du wirst es nicht bereuen.« Mit einem Kuss war sie verschwunden und fuhr nach Süden, um in Burroughs den Zug nach Westen zu nehmen.