Danach war die Aussicht geringer denn je, von den Arabern etwas zu erfahren. Er hatte Frank gekränkt, und die Araber schlossen die Reihen um ihren Freund dichter, was nur richtig war. Sie sagten: »Eine verborgene Kolonie? Was ist das?« Er seufzte, gab es auf und beschloss aufzubrechen. Er belud seinen Rover am Abend vor der Abreise (die Araber waren pedantisch, seine Behälter mit Vorräten aufzufüllen) und überlegte, was er bislang hinsichtlich seiner Untersuchung der Sabotagen erreicht hatte. Sherlock Holmes war bis jetzt gewiss nicht gefährdet. Aber noch schlimmer: Es gab jetzt eine ganze Gesellschaft auf dem Mars, die für ihn von Grund auf undurchdringlich war. Muslime — was waren die genau? Er befragte Pauline an jenem Abend, nachdem er mit Beladen fertig war. Dann ging er wieder zu seinen Gastgebern und beobachtete sie so genau, wie er vermochte, und stellte die ganze Nacht Fragen … Er wusste, dass Fragen zu stellen der Schlüssel zu den Herzen der Menschen war, unendlich viel nützlicher als Schlauheit. Aber in diesem Fall schien es überhaupt keinen Unterschied zu machen. Cojote? War das eine Art wilder Hund?
Enttäuscht verließ er am nächsten Morgen die Karawane und fuhr nach Westen an den südlichen Rand des Dünenmeers. Es würde eine lange Reise werden, um Maya zu treffen, fünftausend Kilometer eine Düne nach der andern. Aber er zog es vor zu fahren, anstatt sich nach Burroughs zu begeben und die Magnet-Schwebebahn zu benutzen. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Und es war jetzt eine richtige Angewohnheit, quer durchs Land zu fahren oder Gleiter zu fliegen — wegzukommen und sich langsam über das Land zu bewegen. Er war jetzt schon seit Jahren unterwegs, reiste kreuz und quer durch die nördliche Hemisphäre und machte lange Abstecher in den Süden. Er inspizierte Moholes oder erwies Sax oder Helmut oder Frank Gefälligkeiten, sah sich für Arkady irgendwo um oder zerschnitt Bänder bei irgendeiner Eröffnung — einer Stadt, einer Zisterne, einer Wetterstation, einer Mine, eines Moholes; und dabei musste er immer reden, öffentlich oder privat, zu Fremden, alten Freunden, neuen Bekannten, fast so, wie Frank es tat, und das alles im Bemühen, die Leute auf dem Planeten dafür zu inspirieren, einen Weg zu finden, um die Geschichte zu vergessen und eine neue funktionierende Gesellschaft aufzubauen. Ein wissenschaftliches System zu schaffen, das für den Mars und seine Besonderheiten entworfen wäre, fair, gerecht und rational und lauter solche guten Dinge. Den Weg zu einem neuen Mars zu weisen!
Aber bei jedem Jahr, das verging, sah es weniger so aus, als ob das passieren würde, wie er es vorausgeschaut hatte. Ein Ort wie Bradbury Point zeigte, wie schnell sich die Dinge änderten, und Leute wie die Araber bestätigten diesen Eindruck. Die Ereignisse gerieten ihm außer Kontrolle und noch mehr — außer Kontrolle von irgend jemandem. Es gab keinen Plan. Er rollte mit Autopilot nach Westen, auf und ab über eine Düne nach der anderen, ohne etwas zu sehen, tief versunken in einem Versuch herauszufinden, was Geschichte eigentlich war und wie sie funktionierte. Und als er so Tag für Tag dahinfuhr, schien es ihm, als ob die Geschichte ein riesiges Ding wäre, das immer jenseits des engen Horizonts läge, unsichtbar — außer durch seine Wirkungen. Wenn man nicht hinschaute, geschah es — eine unergründliche Vielfalt von Ereignissen, die, obwohl außer Kontrolle, alles bestimmte. Schließlich war er doch schon ganz seit dem Anfang hier! Er selbst war der Anfang gewesen, die erste Person, die auf diese Welt den Fuß gesetzt hatte. Und dann war er gegen alle Wahrscheinlichkeit zurückgekehrt und hatte geholfen, sie vom ersten Federstrich an zu bauen! Aber jetzt wirbelte sie allem zum Trotz von ihm weg. Wenn er über diese Tatsache nachdachte, wurde er von Zweifeln und manchmal einer jähen wilden Frustration ergriffen. Zu denken, dass das ganze Ding sich beschleunigte, nicht nur jenseits seiner Kontrolle, sondern auch jenseits seiner Fähigkeit, es zu begreifen! Das war nicht richtig. Er musste dagegen kämpfen.
Aber wie wohl? Eine Art sozialer Planung … Gewiss müssten sie die bekommen. Dieses planlose Herumstolpern unter Missachtung selbst des dürftigen Plans, den man zu Beginn mit dem Mars-Abkommen aufgestellt hatte … Nun gut, Gesellschaften ohne einen Plan, das war bislang Geschichte. Aber Geschichte war bislang ein Alptraum gewesen, ein riesiges Kompendium von Beispielen, die man vermeiden sollte. Nein, sie brauchten einen Plan. Sie hatten hier die Chance für einen Neubeginn. Sie brauchten eine Vision. Helmut, der aalglatte Funktionär, Frank mit seiner zynischen Akzeptanz des Status quo, als ob sie in einer Art Goldrausch lebten — Frank war im Unrecht. Unrecht wie gewöhnlich!
Aber sein eigenes Umhersausen war wohl auch falsch. Er hatte nach der unausgesprochenen Theorie gearbeitet, dass er, wenn er nur mehr von dem Planeten sehen und zu mehr als einer Person sprechen würde, es irgendwie (ohne allzu scharf nachzudenken) hinkriegen würde, dass seine holistische Sicht dann von ihm zu allen anderen überströmen, sich unter allen neuen Siedlern verbreiten und die Dinge ändern könnte. Jetzt war er sich ziemlich sicher, dass dieses Gefühl naiv gewesen war. Es gab jetzt so viele Leute auf dem Planeten, dass er nie hoffen konnte, mit ihnen in Verbindung zu kommen und der Künder aller ihrer Hoffnungen und Wünsche zu werden. Und nicht nur das. Nur wenige der Neuankömmlinge schienen den Ersten Hundert hinsichtlich ihrer Gründe für das Kommen besonders ähnlich zu sein. Nun, das stimmte nicht ganz. Es kamen immer noch Wissenschaftler her und Leute wie die Straßen bauenden Schweizer Zigeuner. Aber er kannte sie nicht so wie die Ersten Hundert und würde sie auch nie so kennen. Diese kleine Schar hatte ihn wirklich geformt. Sie hatten seine Ansichten und Ideen gebildet. Sie waren seine Familie, und er vertraute ihnen. Und er brauchte ihre Hilfe jetzt mehr denn je. Vielleicht war es das, was die plötzlich neue Intensität seiner Gefühle für Maya erklärte. Und vielleicht war es auch das, was ihm so an Hiroko gefiel. Er wollte mit ihr sprechen, er brauchte ihre Hilfe! Und sie hatte sie alle verschmäht.
Vlad und Ursula hatten ihren biotechnischen Komplex auf eine flossenartige Felsleiste in den Acheron Fossae verlegt, einen schmalen Grat, der wie der Turm eines großen halb getauchten U-Boots aussah. Sie hatten den Oberteil davon wie mit Waben ausgehöhlt, die von der einen Kante zur anderen reichten. Manche Räume waren ein Kilometer weit und hatten auf beiden Seiten gläserne Wände. Auf der Südseite blickten die Fenster auf Olympus Mons, der etwa sechshundert Kilometer entfernt war. Nach Norden schauten sie hinunter auf die blaßbraunen Sandflächen von Arcadia Planitia.
John fuhr ein breites Band zum unteren Rand des Grats hinauf und schleuste sich in der Garage ein. Dabei merkte er, dass der Boden südlich der Siedlung klumpig war mit Haufen von etwas, das wie geschmolzener brauner Zucker aussah. »Eine neue Art kryptogamer Kruste«, sagte Vlad, als John ihn danach fragte. »Eine Symbiose von Cyanobakterien und Floridaplattformbakterien. Diese Plattformbakterien gehen sehr tief und verwandeln die Sulfate im Gestein zu Sulfiden, die dann eine Variante von Microcolens ernähren. Die obersten Schichten davon wachsen in Filamenten, die sich in großen dendritischen Gebilden an Sand und Ton heften. Sie sind wie kleine Wald-Sylvanole mit wirklich langen bakteriellen Wurzelsystemen. Es sieht so aus, als ob diese Wurzelsysteme durch den Regolith allmählich bis zum Urgestein hinunterdringen und dabei den Permafrost schmelzen.«
»Und ihr habt dieses Zeug freigelassen?« fragte John.
»Sicher. Wir brauchen doch etwas, um den Permafrost kaputtzumachen.«
»Gibt es etwas, das es verhindert, sich über den ganzen Planeten auszubreiten?«
»Nun, es hat das übliche Set von Selbstmordgenen für den Fall, dass es anfangen sollte, den Rest der Biomasse zu überwältigen; aber es hält sich an seine Nische …«
»Oha!«