»Wir denken, es ist nicht unähnlich den ersten Lebensformen, die die Kontinente der Erde bedeckt haben. Wir haben nur seine Wachstumsgeschwindigkeit erhöht und seine Wurzelsysteme verstärkt. Ich habe den komischen Gedanken, dass es zunächst die Atmosphäre abkühlen wird, auch wenn es unter der Oberfläche Wärme bildet. Denn es wird die chemische Verwitterung des Gesteins tatsächlich beschleunigen; und alle diese Reaktionen absorbieren CO2 aus der Luft, so dass der Luftdruck sinken wird.«
Maya war heraufgekommen und drückte zur Begrüßung John fest an sich. Dann sagte sie: »Werden die Reaktionen aber nicht ebenso schnell Sauerstoff freisetzen, wie sie Kohlendioxid binden, und dadurch den Druck hoch halten?«
Vlad zuckte die Achseln. »Vielleicht. Wir werden sehen.«
John lachte. »Sax pflegt langfristig zu denken. Vielleicht wird es ihn freuen.«
»O ja. Er hat die Freigabe genehmigt. Und er wird im Frühling wieder herkommen, um es zu studieren.«
Sie speisten in einem Saal hoch auf dem Grat, dicht unter dem Kamm. Oberlichter gingen auf das Gewächshaus ganz oben, und Fenster liefen die Nord- und Südwände entlang. Bambusbüsche füllten die Wände in Ost und West. Alle Bewohner von Acheron waren hier zum Dinner versammelt. Sie hielten wie auch in vieler anderer Hinsicht an einer Gewohnheit aus Underhill fest. Die Unterhaltung an Johns und Mayas Tisch war weitläufig, kam aber immer wieder auf die laufenden Arbeiten zurück. Dazu gehörte die Lösung von Problemen, die durch die Notwendigkeit entstanden waren, Sicherheitsmaßnahmen bei allen Genprodukten einzubauen, die sie freiließen. Doppelte Selbstmordgene in jedem solchem grünäugigen Ungeheuer war eine Praxis, die die Acherongruppe von sich aus schon initiiert hatte; und das sollte jetzt als UN-Gesetz codifiziert werden. »Das ist alles ganz schön und gut für legale Erzeugnisse«, sagte Vlad. »Wenn aber einige Narren selbst eigenmächtig etwas probieren und loslassen, könnten wir in arge Schwierigkeiten geraten.«
Nach dem Essen sagte Ursula zu John und Maya: »Da ihr nun einmal hier seid, solltet ihr euren Gesundheitstest absolvieren. Das ist bei euch beiden schon ziemlich lange her.«
John, der solche Untersuchungen und überhaupt jegliche medizinische Betreuung hasste, zögerte. Aber Ursula bedrängte ihn, und schließlich gab er nach und suchte einige Tage später ihre Klinik auf. Dort wurde er einer Serie diagnostischer Tests unterzogen, die noch intensiver schienen als üblich. Die meisten wurden von Bildgeräten und Computern mit allzu sehr besänftigenden Stimmen ausgeführt, die ihm sagten, sich so und dann so zu bewegen, was John in völliger Unwissenheit auch tat. Moderne Medizin! Aber danach wurde er von Ursula selbst in durch die Zeit geheiligter Weise gepiekt und gepufft und geklopft. Und als das vorbei war, lag er auf dem Rücken unter einem weißen Laken, während sie neben ihm stand, Datenausgaben studierte und zerstreut vor sich hin summte.
Nach einigen Minuten sagte sie dann: »Du siehst gut aus. Ein paar der üblichen, mit der niedrigen Schwerkraft zusammenhängenden Probleme, aber nichts, mit dem wir nicht zurechtkommen können.«
»Großartig!« sagte John und fühlte sich erleichtert. So war es eben mit solchen Untersuchungen. Jede Auskunft war eine schlechte Nachricht. Man wollte überhaupt keine Neuigkeiten hören. Das war dann eine Art Sieg, und jedes Mal mehr so. Aber doch eine negative Leistung. Ihm war nichts zugestoßen — prima!
»Willst du also die Behandlung haben?« fragte Ursula ihn beiläufig, wobei sie ihm den Rücken zukehrte.
»Behandlung?«
»Das ist eine Art gerontologischer Therapie. Eine experimentelle Prozedur. So etwas wie eine Impfung, aber mit einem DNA-Verstärker. Repariert gebrochene Gewebestränge und stellt die Genauigkeit der Zellteilung in wesentlichem Grade wieder her.«
John stöhnte. »Und was bedeutet das?«
»Nun, du weißt, gewöhnliches Altern wird meistens durch Fehler der Zellteilung bewirkt. Nach einer Anzahl von Generationen, die von Hunderten bis zu Zehntausenden reichen kann, je nachdem, um welche Art von Zellen es sich handelt, werden Reproduktionsfehler häufiger, und alles wird schwächer. Das Immunsystem wird mit als erstes geschwächt, danach andere Gewebe, und schließlich geht etwas schief, oder das Immunsystem wird von einer Krankheit überwältigt. Und das ist es dann.«
»Und du sagst, man kann diese Fehler anhalten?«
»Sie jedenfalls verlangsamen und das reparieren, was schon kaputt ist. Die Zellteilungsfehler entstehen durch Brüche in DNA-Strängen. Also wollen wir DNA-Stränge stärken. Um das zu tun, müssten wir dein Genom lesen und dann eine genomische Bibliothek aus kleinen Segmenten bauen, welche die gebrochenen Stränge ersetzen.«
»Selbstreparatur?«
Sie seufzte. »Alle Amerikaner halten das für spaßig. Jedenfalls führen wir diese Selbstreparaturbibliothek in die Zellen ein, wo sie sich an die ursprüngliche DNA bindet und Brüche verhindert.« Während sie sprach, fing sie an, doppelte und vierfache Spiralen zu zeichnen und glitt unvermeidlich in biotechnisches Fachchinesisch, bis John nur noch die allgemeine Richtung des Argumentes mitbekam, das offensichtlich aus dem Genomprojekt stammte und dem Gebiet genetischer Korrektur von Abnormitäten, mit Anwendungsmethoden aus Krebstherapie und Zellbiologie. Aspekte dieser und vieler anderer verschiedener Verfahren waren von der Acherongruppe kombiniert worden, wie Ursula erläuterte. Und das Resultat sah so aus, dass sie ihn mit Stücken seines eigenen Genoms infizieren könnten, welches in jede Zelle seines Körpers eindringen würde mit Ausnahme von Zähnen, Haut und Haaren. Danach würde er nahezu makellose DNA-Stränge haben, reparierte und verstärkte Stränge, was die Zellteilung in der Folge genauer machen würde.
»Um wie viel genauer?« fragte er und versuchte zu begreifen, was das alles bedeutete.
»Nun, ungefähr so, als wärest du zehn Jahre alt.«
»Du scherzst.«
»Nein, nein. Wir haben es alle mit uns selbst gemacht, etwa um Ls = 10 in diesem Jahr: und so viel wir sagen können, funktioniert es.«
»Hält es für immer an?«
»John, nichts währt für immer.«
»Wie lange dann?«
»Das wissen wir nicht. Wir selbst sind das Experiment. Wir denken, wir werden es herausfinden, wenn wir weitermachen. Es scheint möglich, dass wir die Therapie wiederholen können, wenn die Zellteilungsfehler wieder häufiger auftreten. Falls das erfolgreich ist, könnte es bedeuten, dass man eine beträchtliche Zeit überdauern kann.«
»Wie lange dann etwa?« fragte er hartnäckig.
»Nun, das wissen wir wirklich nicht. Länger, als wir jetzt leben. Das scheint ziemlich sicher. Möglicherweise erheblich länger.«
John starrte sie an. Sie lächelte über seinen Gesichtsausdruck, und er merkte, dass er vor Erstaunen das Kinn hängen ließ. Ohne Zweifel machte er keinen brillanten Eindruck, aber was erwartete sie auch? Es war … es war …
Er suchte mühsam seine herumirrenden Gedanken einzufangen. Er fragte: »Wem habt ihr davon erzählt?«
»Nun, wir haben jeden der Ersten Hundert gefragt, wenn sie uns zu einem Test aufsuchten. Und jeder hier in Acheron hat es versucht. Die Sache ist die: Wir haben nur Methoden kombiniert, die ein jeder hat. Daher wird es nicht lange dauern, bis auch andere sich alles zusammenreimen. Darum schreiben wir es auf für eine Publikation, werden die Artikel aber erst von der Weltgesundheitsorganisation besprechen lassen. Politischer Niederschlag, weißt du.«
»Hm«, sagte John und dachte darüber nach. Die Nachricht von einer auf dem Mars freigesetzten Langlebigkeitsdroge … losgelassen auf die anschwellenden Milliarden auf der Erde — O mein Gott! dachte er. »Ist es kostspielig?«
»Nicht extrem. Das Lesen der Genome ist der teuerste Teil und erfordert Zeit. Aber weißt du, es ist bloß eine Prozedur, die Computerzeit erfordert. Es ist durchaus möglich, dass man einen jeden auf der Erde impfen könnte. Aber das Bevölkerungsproblem ist dort schon jetzt so kritisch. Man müsste eine recht strenge Impfkontrolle einführen, sonst hätte man wirklich schnell die von Malthus heraufbeschworene Realität am Halse. Wir meinten, wir sollten die Entscheidungen lieber den Autoritäten da unten überlassen.«