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»Aber es wird sicher etwas nach außen dringen.«

»Ist das wahr? Sie könnten versuchen, das zu unterdrücken. Vielleicht mit einem sehr wirksamen Knebel. Ich weiß nicht.«

»Oha! Aber ihr hier … Ihr habt einfach weitergemacht und es getan?«

»Allerdings.« Sie zuckte die Achseln. »Was sagst du also? Sollen wir es bei dir machen?« »Lass mich das überdenken!«

Er machte einen Spaziergang auf der Kuppe des Grates, auf und ab in dem langen Gewächshaus, das voller Bambus- und Nährpflanzen war. Wenn er nach Westen ging, musste er seine Augen vor der Blendung der nachmittäglichen Sonne schützen, die selbst durch das Glasfilter grell hereinschien. Beim Rückweg nach Osten konnte er auf die zerklüfteten Lavahänge blicken, die sich den Olympus Mons emporzogen. Es war ein kühner Gedanke. Er war 1982 geboren, und was schrieb man jetzt auf der Erde — 2048 oder M-ll, elf lange Marsjahre unter harter Strahlung. Und er hatte fünfunddreißig Monate im Weltraum verbracht, einschließlich dreimal der Strecke zwischen Erde und Mars, was immer noch der Rekord war. Er hatte allein auf diesen Reisen 195 Rem aufgenommen, und sein Blutdruck war niedrig bei ungünstiger Differenz zwischen systolischem und diastolischem Wert; und wenn er schwamm, schmerzten ihn die Schultern, und er fühlte sich sehr erschöpft. Er wurde alt. Ihm waren nicht mehr allzu viele Jahre verblieben, obwohl das ein unangenehmer Gedanke war. Und er hatte viel Vertrauen in die Acherongruppe, die, wie ihm jetzt bewusst wurde, bei ihrer Arbeit locker herumliefen, aßen, Fußball spielten, schwammen und so weiter mit leichtem konzentrierten Lächeln und fröhlich vor sich hin summend. Gewiss nicht so, als wären sie zehn Jahre alt, aber sie strahlten voller Glück, von Gesundheit und noch mehr. Er lachte laut heraus, ging nach Acheron zurück und suchte Ursula. Als sie ihn sah, musste sie auch lachen. »Es ist doch wirklich kein so schwerer Entschluss.«

»Nein.« Er lachte mit ihr zusammen. »Ich meine, was habe ich zu verlieren?«

Also stimmte er zu. Sie hatten sein Genom in ihren Archiven, aber es würde einige Tage dauern, die Sammlung von Repatursträngen zu synthetisieren, sie an Plasmide zu koppeln und Millionen mehr zu klonen. Ursula sagte ihm, er möge in drei Tagen wiederkommen.

Als er wieder in die Gästezimmer ging, war Maya schon da und sah so schockiert aus, wie er sich fühlte. Sie ging nervös von der Anrichte zur Spüle und zum Fenster, rührte Dinge an und schaute sich um, als hätte sie noch nie einen solchen Raum gesehen. Vlad hatte ihr davon erzählt nach ihrer Untersuchung, so wie Ursula es mit John gemacht hatte. »Unsterblichkeitsseuche!« rief sie und lachte eigenartig. »Kannst du dir das vorstellen?«

»Langlebigkeitsseuche«, berichtigte er sie. »Und nein, ich kann es nicht. Nicht wirklich.« Er fühlte sich etwas benommen und stellte fest, dass sie ihm nicht zugehört hatte. Ihre Aufgeregtheit machte ihn nervös. Sie erwärmten Suppe und aßen verstört. Vlad hatte Maya aufgefordert, nach Acheron zu kommen und angedeutet, um was es da ginge. Darum hatte sie darauf bestanden, dass John sie dahin begleiten sollte. Als sie ihm das erzählte, überrieselte ihn ein Hauch von Zuneigung für sie. Als er dicht bei ihr stand, wie sie die Teller wusch und sah, wie ihre Hände beim Sprechen zitterten, fühlte er sich ihr ganz besonders nahe. Es war, als ob sie gegenseitig ihre Gedanken kennen würden, und als ob nach all diesen Jahren angesichts dieser bizarren Entwicklung kein Bedürfnis nach Worten bestünde, sondern nur nach der Anwesenheit des anderen. In dieser Nacht im warmen Dunkel ihres Bettes flüsterte sie heiser: »Wir sollten es heute Abend lieber zweimal machen. Solange wir noch wir selbst sind.«

Drei Tage später erhielten sie beide die Behandlung. John lag auf einer medizinischen Couch in einem kleinen Zimmer auf dem Rücken und starrte auf einen intravenösen Stöpsel in seinem Handrücken. Eine Einspritzung von Nährlösung, wie schon so oft. Nur diesmal fühlte er, wie eine merkwürdige Wärme in seinem Ann aufstieg, seine Brust überflutete und sich in die Beine hinab ergoss. War das real? Bildete er es sich ein? Eine Sekunde lang fühlte er sich im ganzen höchst eigenartig, als ob sein Geist durch ihn geschritten wäre. Danach war ihm bloß sehr heiß. »Könnte ich so heiß sein?« fragte er Ursula besorgt.

Sie sagte: »Zuerst ist es wie ein Fieber. Dann jagen wir einen kleinen Schock durch dich, um die Plasmide in deine Zellen zu stoßen. Danach ist es mehr Frösteln als Fieber, wenn die neuen Stränge sich an die alten binden. Manchmal fühlen sich die Leute richtig kalt.«

Eine Stunde später war ihm ein großer intravenöser Beutel eingeflößt worden. Ihm war immer noch warm, und seine Blase war voll. Sie ließen ihn aufstehen und auf die Toilette gehen. Als er dann zurückkam, wurde er auf etwas festgebunden, das wie eine Kreuzung von Couch und elektrischem Stuhl aussah. Das machte ihm nichts aus. Astronautentraining hatte ihn an alle Apparate gewöhnt. Als der Schock kam, währte er rund zehn Sekunden und fühlte sich an, als ob es in ihm überall juckte. Ursula und die anderen befreiten ihn von dem Apparat. Ursula gab ihm augenzwinkernd einen Kuss voll auf den Mund. Sie warnte ihn noch einmal, dass ihn nach einiger Zeit ein Frösteln überkommen und dass das ein paar Tage anhalten würde. Es war in Ordnung, in Saunas oder Sprudelbädern zu sitzen. Sie empfahl das sogar.

So saßen er und Maya in der Ecke einer Sauna beisammen, eingekuschelt in die durchdringende Wärme, und betrachteten die Körper der anderen Besucher, die weiß herein- und rosa wieder herauskamen. John erschien es wie ein Abbild von dem, was ihnen beiden passierte — mit fündundsechzig rein und mit zehn raus. Er konnte es gar nicht glauben. Es war für ihn immer noch ein sehr schwieriger Gedanke. Er fand seine Gedanken einfach ausgelöscht und seinen Geist betäubt. Falls auch die Gehirnzellen verstärkt wurden, waren seine etwa unerwartet verstopft worden? Er war immer ein holprig langsamer Denker gewesen. Vielleicht war dies in Wirklichkeit bloß seine gewohnte Beschränktheit, die ihm jetzt auffiel, weil er stark bemüht war, mit der Sache klarzukommen und zu verstehen, was sie bedeutete. Konnte es wirklich wahr sein? Konnten sie dem Tod wirklich für einige Jahre, vielleicht sogar einige Jahrzehnte ausweichen?

Sie verließen die Sauna, um zu essen, und danach machten sie kurze Spaziergänge im Gewächshaus auf dem Grat und betrachteten die Dünen im Norden und die chaotische Lava im Süden. Die Aussicht nach Norden erinnerte Maya an das frühe Underhill, wobei das Chaos aus Steinen auf Lunae ersetzt war durch das vom Wind getriebene Fleckenmuster der Dünen Arcadias, als ob ihr Gedächtnis ihre Erinnerungen an jene Zeit aufgearbeitet und besser geordnet hätte, indem sie verblasste Farben von Ocker und Rot zu reichem Zitronengelb gewandelt hatte. Patina der Vergangenheit. John starrte sie neugierig an. Es waren M-ll Jahre her seit jenen ersten Tagen im Anhängerpark; und in den meisten Jahren danach waren sie ein Liebespaar gewesen, mit einer Anzahl (glücklicher) Unterbrechungen und Trennungen natürlich, die durch die Verhältnisse oder noch häufiger ihre Unfähigkeit, miteinander auszukommen, verursacht waren. Aber sie hatten immer wieder von neuem begonnen, wenn die Gelegenheit kam. Und das Ergebnis war, dass sie einander jetzt ziemlich so gut kannten wie ein altes Ehepaar mit weniger unterbrochener Geschichte. Vielleicht sogar noch besser, weil jedes völlig beständige Paar wohl irgendwann hätte aufhören können, einander Aufmerksamkeit zu widmen, während sie zwei bei all ihren Trennungen und Wiedervereinigungen, Kämpfen und Aussöhnungen, einander unzählige Male hatten neu kennen lernen müssen. John hatte etwas in dieser Art zu ihr gesagt; und sie sprachen darüber — das war ein Vergnügen —, und Maya sagte nachdrücklich: »Wir mussten einander ständig Aufmerksamkeit schenken.« Dabei nickte sie mit einer Miene feierlicher Genugtuung in der Gewissheit, dass dies hauptsächlich ihr Werk war. O ja, sie hatten aufgepasst und waren nie in geistlose Routine verfallen. Gewiss, sie stimmten überein, wenn sie in den Bädern saßen oder auf dem Grat spazierten. Dies war eine Kompensation für die Zeit, die sie getrennt verbracht hatten — und mehr als das. O ja, ohne Zweifel kannten sie einander sogar noch besser als jedes alte Ehepaar.