So sprachen sie nun miteinander und versuchten, ihre Vergangenheiten mit dieser fremdartigen neuen Zukunft zu verbinden in der bangen Hoffnung, dass es sich nicht als ein unüberbrückbarer Bruch erweisen würde. Und spät am nächsten Abend, zwei Tage nach der Impfung, als sie nackt allein in der Sauna saßen, ihre Haut noch kühl und ihr Fleisch von Schweiß ganz gerötet, schaute John auf den Körper von Maya, die da neben ihm saß, so real wie ein Fels; und er fühlte, dass eine Glut wie die intravenöse Injektion ihn ganz durchströmte. Er hatte seit der Behandlung nicht viel gegessen, und die braunen und gelben Fliesen, auf denen sie saßen, hatten angefangen zu pulsieren, als ob sie von innen her erleuchtet wären. Licht schimmerte auf jedem Wassertröpfchen, das die Fliesen bedeckte, wie kleine, allenthalben verteilte Lichtpunkte; und Mayas Körper, der über diese funkelnden Fliesen ausgestreckt war, pulsierte vor ihm wie eine rosa Kerze. Sein intensives Dortsein — Präsenz hatte Sax es einmal genannt. Als John ihn etwas über seine religiösen Ansichten gefragt hatte, hatte Sax gesagt: »Ich glaube an Präsenz, an das Hier und Jetzt, an die besondere Individualität eines jeden Augenblicks. Darum will ich wissen, was dies ist.« Jetzt, als er sich an Saxens merkwürdige Worte und seine merkwürdige Religion erinnerte, verstand John ihn endlich. Denn er empfand die Präsenz des Augenblicks wie einen Stein in seiner Hand; und er hatte das Gefühl, als habe er sein ganzes Leben nur gelebt, um diesen Moment zu erreichen. Die Fliesen und die dicke, heiße Luft pulsierten um ihn, als ob er stürbe und wiedergeboren würde. Und das war gewiss der Fall, wenn das, was Ursula und Vlad sagten, wahr wäre. Und da neben ihm, im Prozess der Wiedergeburt, war der rosige Körper von Maya Toitovna, Mayas Körper, den er besser kannte als seinen eigenen. Und nicht nur in diesem Moment, sondern im Laufe der Zeit. Er konnte sich lebhaft daran erinnern, wie er sie zum ersten Mal nackt gesehen hatte, als sie in der Blasenkammer der Ares auf ihn zuschwebte, umgeben von einem Nimbus aus Sternen und dem schwarzen Samt des Raums. Und jede Veränderung in ihr seither war für ihn deutlich zu sehen. Der Übergang von dem Bild in seiner Erinnerung zu dem Körper neben ihm war ein halluzinatorischer Zeitsprung. Ihr Fleisch und ihre Haut verschoben sich, verfielen — und alterten. Sie waren beide älter, gebrechlicher, gewichtiger. So war der Gang der Dinge. Aber wirklich erstaunlich war, wie viel geblieben war, wie sehr sie noch sie selbst waren. Ihm kamen Zeilen eines Gedichts in den Sinn, die Grabinschrift der Scott-Expedition nahe Ross-Station in der Antarktis. Sie waren alle den Hügel emporgestiegen, um gemeinsam das große hölzerne Kreuz zu betrachten. Und darauf waren Zeilen eingeschnitzt gewesen: Vieles ist dahin, aber vieles bleibt … Etwas in dieser Art.
Er konnte sich nicht genau erinnern, zuviel war dahin; es war schließlich schon lange her. Aber sie hatten schwer gearbeitet und gut gegessen; und vielleicht war die Schwere des Mars freundlicher gewesen als die Erdschwere, weil ganz offenkundig war, dass Maya Toitovna noch immer eine sehr schöne Frau war, stark und muskulös. Ihr graues Haar forderte immer noch seinen Blick heraus, ihre Brüste waren immer noch Magnete für sein Auge, völlig verschieden erscheinend, wenn sie auch nur einen Ellbogen verschob, und dennoch in jeder Stellung ihm so völlig vertraut … Es waren seine Brüste, Arme, Rippen und Flanken. Sie war wohl oder übel diejenige Person, die ihm am nächsten stand, ein schönes rosiges Tier und auch für ihn eine Inkarnation von Sex oder Leben selbst — auf dieser kahlen steinigen Welt. Das waren sie nun mit fünfundsechzig, und wenn die Behandlung nicht mehr bewirkte, als sie auf diesem Punkt zu halten sogar für einige zusätzliche Jahre oder (es war immer noch ein Schock) für Dekaden. Für Jahrzehnte? Nun, es war erstaunlich. Absolut zu viel, um es zu fassen. Er musste aufhören, das zu versuchen, oder er würde alle Windungen seines Gehirns ruinieren. Aber konnte es sein? Konnte es wirklich sein? Das schmerzhafte Verlangen aller Liebenden zu allen Zeiten, etwas mehr Zeit beisammen zu sein, imstande zu sein, die Hand auszustrecken, sich zu berühren und die Liebe voll auszukosten …
Ähnliche Gefühle schienen Maya zu bewegen. Sie war in prächtiger Stimmung. Sie beobachtete ihn aus leicht verschleierten Augen mit jenem halben anlockenden Lächeln, das er so gut kannte. Ein Knie hochgezogen und in die Armgrube geschmiegt, nicht ihr Geschlecht zur Schau stellend, aber bequem und entspannt, als ob sie allein wäre … Ja, es ging nichts über Maya, wenn sie gut gelaunt war. Niemand konnte andere Leute damit so sehr und so sicher beeinflussen. Er fühlte einen Schwall von Hingabe für diesen ihren Charakterzug, eine Injektion von Gefühl. Und er legte ihr die Hand auf die Schulter und drückte. Eros als eine Würze von Agape. Sinnliche und geistige Liebe vereint. Und plötzlich schossen die Worte aus ihm heraus, und er sagte Dinge, die er nie zuvor ausgesprochen hatte: »Lass uns heiraten!« Als sie lachte, tat er das auch und sagte: »Nein, nein, ich meine es ernst. Lass uns heiraten!« Heiraten und wirklich — aber auch wirklich — zusammen alt werden, alles nehmen, was ihnen geschenkte Jahre brachten, und sie zu einem gemeinsamen Abenteuer machen. Kinder haben, zusehen, wie die Kinder Kinder hatten, sehen, wie die Enkelkinder Kinder hatten und die Urenkel … mein Gott, wer wusste, wie lange das dauern wurde? Sie könnten erleben, wie eine ganze Nation von Nachkommen gedieh, Patriarch und Matriarchin werden, eine Art von Adam und Eva des Mars im kleinen. Und Maya lachte bei jeder Äußerung. Ihre Augen waren lebhaft und funkelten vor Zuneigung, Fenster zu einer Seele in sehr, sehr guter Stimmung. Sie sah ihn an und sog ihn auf und sagte: »Etwas dieser Art, ja, so etwas.« Und dann drückte sie ihn fest an sich. »O John, du verstehst es, mich glücklich zu machen. Du bist der beste Mann, den ich je gehabt habe.« Sie küsste ihn, und er fand, dass es trotz der Hitze der Sauna leicht war, den Nachdruck von agape auf eros zu verlegen. Aber jetzt waren sie beide eins, ununterscheidbar, ein großer vereinter Strom von Liebe. »Willst du mich also heiraten und alles?« fragte er, als er die Sauna-Tür verriegelte und sie sich vereinten. Sie sagte mit leuchtenden Augen: »So etwas wie dieses!«, und ihr Gesicht in einem absolut hinreißenden Lächeln erstrahlte, während er sich tiefer und tiefer in sie vergrub, und hätte weinen können vor Glück.
Wenn man erwartet, noch weitere zweihundert Jahre zu leben, benimmt man sich anders, als wenn man nur noch mit zwanzig rechnet.
Dies bewiesen sie sofort. John verbrachte den Winter dort in Acheron am Rande der Nebelkappe aus Kohlendioxid, die jeden Winter über den Nordpol herunterkam. Er studierte mit Marina Tokaeva und ihrer Laborgruppe Areobotanik. Das tat er auf Anweisung von Sax, und weil er es nicht eilig hatte fortzugehen. Sax schien die Suche nach den Saboteuren vergessen zu haben, was John etwas misstrauisch machte. In seiner Freizeit machte er immer noch Versuche mit Pauline und konzentrierte sich auf die Gebiete, über die er vor Acheron gearbeitet hatte, meistens Reiseberichte, sowie Aufzeichnungen über die Arbeiten aller Leute, die in die Gebiete gereist waren, in denen die Sabotageakte stattgefunden hatten. Vermutlich waren eine Menge Leute beteiligt, so dass individuelle Reisen ihm nicht viel sagen konnten. Aber jeder auf dem Mars war von irgendeiner Organisation hergeschickt worden; und durch Nachprüfen, welche Organisationen Leute zu den relevanten Plätzen geschickt hatten, hoffte er auf einige Hinweise zu stoßen. Das war ein mieses Geschäft; und er musste sich auf Pauline verlassen, nicht nur für Statistik, sondern auch für Beratung, was beunruhigend war.