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Den Rest der Zeit studierte er einen Zweig der Areobotanik, in dem alle nutzbringenden Ergebnisse mindestens noch Jahrzehnte in der Zukunft lagen. Warum nicht? Er hatte die Zeit und könnte sehr wohl noch die Früchte der Arbeit erleben. Also sah er zu, wie Marinas Gruppe einen neuen Baum entwarf. Er studierte mit ihnen und verrichtete ihre Laborarbeit, wusch Glasgerät ab und dergleichen. Der Baum sollte als Schutzdach für einen vielschichtigen Wald dienen, den sie auf den Dünen von Vastitas Borealis zu züchten hofften. Er beruhte auf dem Genom einer Sequoia; aber sie wollten Bäume haben, die dreimal so groß wären wie die Sequoias, vielleicht zweihundert Meter hoch, mit einem Stamm von fünfzig Metern Durchmesser an der Basis. Die Borke würde die meiste Zeit gefroren sein, und die breiten Blätter, die wahrscheinlich aussahen, als litten sie an der Tabakmosaikkrankheit, sollten imstande sein, die Normalbasis von UV-Strahlung zu absorbieren ohne Schaden für ihre purpurnen Unterseiten. John hielt die Größe der Bäume erst für übertrieben, aber Marina erklärte, dass sie große Mengen von Kohlendioxid aufnehmen könnten, dann den Kohlenstoff binden und den Sauerstoff wieder an die Luft zurückgeben würden. Und sie würden ein eindrucksvolles Bild ergeben, wie sie annahmen. Die zur Wahl stehenden Prototypen an Schösslingen waren erst zehn Meter hoch, und es würde zwanzig Jahre dauern, bis die Gewinner des Wettbewerbs ihre reifen Höhen erreichten. Und vorerst starben noch alle Prototypen in Kübeln. Die atmosphärischen Verhältnisse würden sich noch beträchtlich verändern müssen, ehe sie im Freien überleben könnten. Marinas Labor war der Zeit voraus.

Aber das galt für alle. Dies schien eine Folge der Behandlung zu sein. Dann ergab es Sinn. Längere Experimente und längere (John stöhnte) Untersuchungen. Längere Überlegungen.

Aber in vieler Hinsicht änderte sich nichts. John fühlte sich ziemlich so wie zuvor, nur dass er kein Omegendorph brauchte, um sich gelegentlich aufzuputschen, als ob er eine Anzahl von Kilometern geschwommen oder an einem Nachmittag auf Skiern über Land gefahren wäre oder auch eine Dosis Omegendorph eingenommen hätte. Das hätte jetzt bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen. Denn alles glühte.

Wenn er auf dem Grat ging, leuchtete die ganze sichtbare Welt. Stillgelegte Bulldozer, ein Kran wie ein Galgen — er konnte alles endlos lange anschauen. Maya war nach Hellas abgereist, und das spielte keine Rolle. Ihre Beziehungen verliefen wieder wie auf einer Berg- und Talbahn: Eine Menge Zank und Temperamentsausbrüche ihrerseits; aber das erschien alles unwichtig. Er schwebte noch in der Glut und hatte die gleichen Gefühle für sie. Auch Maya schenkte ihm immer noch ab und zu jenen Blick. Er würde sie in ein paar Monaten treffen und sprach mit ihr auf dem Bildschirm. Inzwischen war er über diese Trennung nicht ausgesprochen unglücklich.

Es war ein guter Winter. Er lernte eine Menge über Areobotanik und Biotechnik, und an vielen Abenden nach dem Essen fragte er die Acheronleute einzeln und ernsthaft, wie sie sich eine künftige Marsgesellschaft vorstellten und wie sie betrieben werden sollte. In Acheron führte das gewöhnlich zu ökologischen Erwägungen und möglichen Entartungen der Ökologie. Diese waren für sie kritischer als Politik oder das, was Marina als den › erwarteten, die Entscheidungen treffenden Apparat‹ bezeichnete. Marina und Vlad waren besonders an diesem Thema interessiert, da sie ein System von Gleichungen ausgearbeitet hatten für das, was sie als ›Öko-Ökonomie‹ bezeichneten. Für John klang das immer wie ›Echo-Ökonomie‹ Er hörte gern zu, wenn sie die Gleichungen erläuterten, und stellte ihnen eine Menge Fragen und lernte etwas über Tragkapazität, Koexistenz, Gegenadaptation, Legitimitätsmechanismen und ökologische Effizienz. Vlad sagte immer: »Das ist das einzige reale Maß unseres Beitrags zu dem System. Wenn du unsere Körper in einem Mikrobombenkalorimeter verbrennst, findest du, dass wir ungefähr sechs bis sieben Kilokalorien pro Gramm Gewicht enthalten. Und natürlich nehmen wir eine Menge Kalorien auf, um das unser Leben lang aufrechtzuerhalten. Unser Output ist schwieriger zu messen; denn es kommt nicht auf Raubtiere an, die sich von uns ernähren, wie in den klassischen Gleichungen des Wirkungsgrades. Sondern es ist mehr eine Frage, wie viel Kalorien wir durch unsere Anstrengungen erschaffen oder an künftige Generationen weitergeben. Irgend etwas dieser Art. Und das meiste davon ist naturgemäß sehr indirekt und enthält viel Spekulation und persönliches Urteil. Wenn man sich nicht endlich entschließt, auch nichtphysikalischen Dingen Zahlen zuzuordnen, dann werden Elektriker und Klempner und Reaktorbauer und andere Arbeiter an der Infrastruktur immer als die produktivsten Mitglieder der Gesellschaft gewertet werden, während Künstler und dergleichen als völlig unproduktiv gelten müssten.«

»Könnte vielleicht stimmen«, ulkte John, aber Vlad und Marina ignorierten ihn.

»Für mich besteht jedenfalls ein großer Teil von dem, was Ökonomie ist, darin, dass Menschen willkürlich oder nach Geschmackspunkten nichtnumerischen Dingen numerische Werte zuordnen. Und dann tun sie so, als hätten sie diese Zahlen nicht einfach erfunden. Ökonomie ist in diesem Sinne wie Astrologie; nur dient Ökonomie zur Rechtfertigung der herrschenden Machtstruktur und hat daher unter den Mächtigen viele eifrige Anhänger.«

»Besser konzentrieren wir uns einfach auf das, was wir hier machen«, warf Marina ein. »Die Grundgleichung ist einfach. Leistung ist bloß gleich den freigesetzten Kalorien geteilt durch die eingenommenen Kalorien mal einhundert, um es als Prozent auszudrücken. Im klassischen Sinne der einem Raubtier zuteil werdenden Kalorien waren zehn Prozent der Durchschnitt und zwanzig Prozent hervorragend. Die meisten Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette haben mehr als fünf Prozent erreicht.«

»Das ist der Grund, weshalb Tiger Reviere von Hunderten von Quadratkilometern haben«, sagte Vlad. »Räuberhauptleute sind wirklich nicht sehr tüchtig.«

»Also haben Tiger nicht deshalb keine räuberischen Feinde« sagte John, »weil sie so tüchtig sind, sondern weil es die Mühe nicht lohnt.«

»Genau!«

»Das Problem liegt in der Berechnung der Werte«, erklärte Marina. »Wir hatten einfach allen Arten von Aktivitäten bestimmte den Kalorien äquivalente Zahlenwerte zuordnen müssen, um dann von da auszugehen.«

»Aber wir haben doch über Ökonomie gesprochen?« sagte John.

»Aber siehst du nicht, dies ist Ökonomie, ist unsere Öko-Ökonomie! Jedermann sollte seinen Lebensunterhalt gewissermaßen auf eine Berechnung seines realen Beitrags zur menschlichen Ökologie gründen. Alle können ihre ökologische Effizienz steigern durch Bemühungen, die Menge der von ihnen verbrauchten Kilokalorien herabzusetzen. Dies ist das alte Argument des Südens gegen den Energieverbrauch der Industrienationen des Nordens. Dieser Vorwurf hatte eine reale ökologische Basis; denn ganz gleich, wie viel die Industrienationen produzierten, konnten sie in der größeren Gleichung nicht ebenso effizient sein wie der Süden.«

»Sie waren Raubtiere gegenüber dem Süden«, sagte John.

»Ja, und sie werden auch für uns Raubtiere sein, wenn wir sie lassen. Und wie bei allen Raubtieren ist ihr Wirkungsgrad niedrig. Aber hier, siehst du, in diesem theoretischen Zustand von Unabhängigkeit, von dem du sprichst …« — sie grinste über Johns betroffene Miene —, »musst du zugeben, dass dies es letztlich ist, worüber du die ganze Zeit redest, John. Dass laut Gesetz alle Leute im Verhältnis zu ihrem Beitrag zum System entlohnt werden sollten.«