Auch Helmut war da; und nachdem John ihn und Phyllis begrüßt hatte und einigen der zu Besuch weilenden Beratern vorgestellt worden war, wurde er in einen großen, hohen Raum mit einer Fensterwand geführt. Vor dem Fenster wirbelten Wolken aus dunkelorangefarbenem Staub in die Caldera hinunter, so dass es schien, als stiege der Raum undeutlich in die Höhe in einem matten fluktuierenden Licht.
Die einzige Ausstattung des Raums bestand aus einem Marsglobus von einem Meter Durchmesser, der brusthoch auf einem blauen Plastikständer ruhte. Von diesem Globus, speziell von der Erhöhung, die Pavonis Mons darstellte, lief ein etwa fünf Meter langer Silberdraht aus. An dessen Ende war ein kleiner schwarzer Punkt. Der Globus rotierte auf seinem Ständer mit ungefähr einer Umdrehung pro Minute, und der schwarze Punkt am Ende rotierte mit ihm und blieb immer über Pavonis.
Eine Gruppe von etwa acht Personen umgab diese Darstellung. »Alles ist maßstabsgetreu« ,sagte Phyllis. »Der areosynchrone Satellit ist 20435 Kilometer vom Massenzentrum entfernt, und der Äquatorradius des Mars beträgt 3386 Kilometer. Daher beträgt die Distanz von der Oberfläche zum areosynchronen Punkt 17049 Kilometer. Wenn man das verdoppelt und den Radius hinzuaddiert, bekommt man 37484 Kilometer. Wir werden am entfernten Ende einen Ballastfelsen haben, so dass das Kabel nicht so lang sein muss, wie es ohne diesen wäre. Der Durchmesser des Kabels wird etwa zehn Meter betragen, und es wird ungefähr sechs Milliarden Tonnen wiegen. Das Material dafür wird von seinem Ballastpunkt am Ende gewonnen werden, der ein Asteroid sein wird, welcher mit rund dreizehn und einer halben Milliarde Tonnen anfängt und, wenn das Kabel fertig ist, mit dem richtigen Ballastgewicht von siebeneinhalb Milliarden Tonnen endet. Das ist kein sehr großer Asteroid, von nur ungefähr zwei Kilometern Radius zu Anfang. Es gibt sechs Amor-Asteroiden, die die Bahn des Mars kreuzen und als Kandidaten für den Job identifiziert wurden. Das Kabel wird von Robotern hergestellt werden, die den Kohlenstoff in den Chondriten des Asteroiden gewinnen und verarbeiten. Dann, in den letzten Stufen der Konstruktion, wird das Kabel zu seinem Befestigungspunkt gebracht werden, hier.« Sie zeigte pompös auf den Fußboden des Raums. »An dieser Stelle wird das Kabel sich selbst in areosynchroner Umlaufbahn befinden und hier unten kaum Kontakt haben. Sein Gewicht wird zwischen dem Zug der Schwerkraft des Planeten und der Zentrifugalkraft des oberen Teils des Kabels und des Ballastfelsens an seinem Ende ausgeglichen sein.«
»Was ist mit Phobos?« fragte John.
»Phobos ist natürlich auch da unten. Das Kabel wird vibrieren, um ihn zu vermeiden in einer so genannten Clarke-Oszillation. Das wird kein Problem sein. Auch Deimos wird man durch Oszillation aus dem Wege gehen; aber weil seine Bahnebene stärker geneigt ist, wird dieses Problem nicht so oft auftreten.«
»Und wenn es in Position ist?« fragte Helmut mit vor Vergnügen strahlendem Gesicht.
»An dem Kabel werden mindestens einige hundert Aufzüge befestigt werden, und Lasten werden mittels eines Gegengewichtsystems in den Orbit gehoben werden. Es wird wie üblich Mengen an Material von der Erde herunterzuschaffen geben, so dass die für Hochbringung erforderliche Energie minimal ist. Es wird auch möglich sein, die Rotation des Kabels für einen Schleudereffekt zu benutzen. Von dem Ballastasteroiden zur Erde entsandte Objekte können die Energie der Marsrotation als Anschub benutzen und werden einen energiefreien Start mit hoher Geschwindigkeit haben. Das ist eine saubere, wirksame und außerordentlich billige Methode, sowohl, um Fracht in den Raum zu heben, als auch, um sie zur Erde hin zu beschleunigen. Und angesichts der jüngsten Entdeckungen strategischer Metalle, die auf der Erde immer knapper werden, ist ein derart billiges Hochheben und Anschieben buchstäblich wertvoll. Es schafft die Möglichkeit eines Austauschs, der früher ökonomisch nicht machbar war. Es wird eine kritische Komponente der Wirtschaft des Mars sein, der Eckstein seiner Industrie. Und es wird nicht allzu teuer sein, das zu bauen. Wenn erst einmal ein kohlenstoffhaltiger Asteroid in den richtigen Orbit geschoben ist und darauf eine mit Kernenergie arbeitende robotische Kabelfabrik den Betrieb aufgenommen hat, wird die Fabrik Kabel ausstoßen wie eine Spinne ihren Faden. Man wird wenig mehr zu tun haben als abzuwarten. Die Kabelfabrik wird wie geplant jährlich mehr als dreitausend Kilometer Kabel ausstoßen können. Das heißt, wir müssen so bald wie möglich anfangen; aber nach Produktionsbeginn wird es nur noch zehn oder elf Jahre erfordern. Und das Warten wird sich schon lohnen.«
John starrte Phyllis an, wie immer beeindruckt durch ihren Eifer. Sie war wie ein Konvertit, der Zeugnis ablegt, wie ein Prediger auf der Kanzel, ruhig und vertrauensvoll triumphierend. Das Wunder des Himmelshakens. Münchhausen und die Bohnenstange, die Himmelfahrt. Das hatte wirklich einen Hauch des Wunderbaren. »Wir haben wirklich keine große Wahl«, sagte Phyllis. »Dies holt uns aus der Senke unserer Gravitation und eliminiert sie als physikalisches und ökonomisches Problem. Das ist entscheidend. Ohne das wird man uns links liegen lassen, wir würden wie Australien im neunzehnten Jahrhundert sein, zu weit entfernt, um eine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. Die Leute würden uns übergehen und die Asteroiden direkt ohne gravitative Beschränkungen ausbeuten. Ohne den Aufzug würden wir in Stagnation enden.«
Shikata ga nai, dachte John zynisch. Phyllis sah ihn ganz kurz an, als ob er laut gesprochen hätte. Sie sagte: »Wir wollen nicht, dass das geschieht. Und was das Beste ist: Unser Aufzug wird als experimenteller Prototyp für einen auf der Erde dienen. Die Transnationalen, die beim Bau dieses Aufzugs Erfahrungen sammeln, werden in beherrschender Position sein, wenn es dazu kommt, Kontrakte für das viel größere terrestrische Projekt abzuschließen, das bestimmt folgen wird.«
Sie redete immer noch weiter, schilderte jeden Aspekt des Plans und beantwortete dann Fragen der Manager mit ihrer üblichen glatten Eleganz. Sie erntete eine Menge Lacher. Sie war lebendig, mit strahlenden Augen. John konnte beinahe die Feuerzungen von der Masse ihres kastanienbraunen Haars lodern sehen, das in dem Sturmlicht wie eine Kappe aus Juwelen wirkte. Die Manager und Projektwissenschaftler erglühten unter ihrem Blick. Sie hatten es mit einer großen Sache zu tun und wussten das. Die Erde war ernsthaft vieler Metalle entblößt, die man auf dem Mars fand. Es waren Vermögen zu gewinnen, enorme Vermögen. Und jeder, der ein Stück der Brücke besaß, über die jede Unze Metall gehen müsste, würde auch ein riesiges Vermögen machen, wahrscheinlich das größte Vermögen von allen. Kein Wunder, dass Phyllis und alle anderen ein Gesicht machten, als wären sie in der Kirche.
An diesem Abend stand John vor dem Dinner im Bad und nahm, ohne sich im Spiegel anzuschauen, zwei Tabletten Omegendorph ein. Phyllis hatte ihm Übelkeit bereitet. Aber nach der Droge fühlte er sich besser. Phyllis war ja schließlich auch nur eine weitere Rolle im Spiel. Und als er sich zum Essen hinsetzte, war er in freundlich mitteilsamer Stimmung. Okay, dachte er, die haben ihre Goldmine in Form einer Bohnenstange. Aber es war nicht klar, ob sie diese für sich würden behalten können, sogar höchst unwahrscheinlich. So sehr, dass ihre Selbstzufriedenheit wie die einer fetten Katze etwas komisch, aber auch peinlich war. Und er lachte inmitten eines ihrer enthusiastischen Gespräche und sagte: »Haltet ihr es nicht für unwahrscheinlich, dass ein solcher Aufzug in Privatbesitz verbleiben wird?«
Phyllis sagte mit ihrem strahlenden Lächeln: »Wir haben nicht vor, ihn in Privatbesitz zu lassen.«