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»Ich schätze, ich habe noch nicht die erste Reise angetreten«, sagte John. »Ich weiß nichts.«

Sie waren, wie er feststellte, über diese seine Antwort erfreut. Sie sagten zu ihm: »Du kannst starten«, und gossen ihm mehr Kaffee ein. »Du kannst immer den Anfang machen.« Sie waren so ermutigend und freundlich im Vergleich mit allen Arabern, die John früher getroffen hatte, dass er sich ihnen öffnete und von seiner Reise nach Pavonis und den Plänen für das große Liftkabel erzählte. Dhu sagte: »Keine Phantasie in der Welt ist völlig unwahr.« Und als John seine letzte Begegnung mit Arabern erwähnte auf Vastitas Borealis, und wie Frank sie begleitet hatte, sagte Dhu geheimnisvolclass="underline" »Die Liebe zum Rechten verlockt Menschen zum Falschen.«

Eine der Frauen lachte und sagte: »Chalmers ist dein nafs.«

»Was ist das?« fragte John.

Sie lachten alle. Dhu sagte kopfschüttelnd: »Er ist nicht dein nafs. Nafs ist das böse Selbst eines Menschen, von dem manche glauben, dass es in der Brust lebe.«

»Wie ein Organ oder so etwas?«

»Wie eine wirkliche Kreatur. Muhammad ibn Ulyan berichtete zum Beispiel, dass aus seiner Kehle etwas wie ein junger Fuchs gesprungen sei, der nur größer wurde, als er ihn trat. Das war sein nafs.«

»Es ist ein anderer Name für deinen Schatten«, erklärte die Frau, die damit angefangen hatte.

»Na schön«, sagte John. »Vielleicht ist er es also. Oder vielleicht ist es nur, dass Franks nafs einen kräftigen Tritt bekommen hat.« Und sie lachten mit ihm über diese Idee.

Später an diesem Nachmittag drang die Sonne stärker durch den Dunst als gewöhnlich und erhellte die ziehenden Wolken so, dass die Karawanserei in der Kammer eines gigantischen Herzens zu ruhen schien, wobei die Windstöße rhythmisch den Takt angaben. Die Sufis riefen sich etwas zu, als sie durch die Lechatelieritfenster blickten, und legten rasch Schutzanzüge an, um in diese karmesinrote Welt hinauszugehen. Sie forderten Boone auf, sie zu begleiten. Er zog sich grinsend an und verschluckte heimlich dabei eine Omeg-Tablette.

Draußen gingen sie rund um den zerklüfteten Rand der Mesa, blickten in die Wolken und auf die im Schatten liegende Ebene in der Tiefe und wiesen John auf alle Merkmale hin, die gerade sichtbar wurden. Danach sammelten sie sich bei der Karawanserei, und John hörte ihnen zu, wie sie feierlich sangen, wobei verschiedene Stimmen englische Übersetzungen für Arabisch und Farsi lieferten. »Besitze nichts und sei von nichts besessen. Entferne das, was du im Kopf hast, und gib, was du in deinem Herzen hast. Hier eine Welt und dort eine Welt. Wir sitzen auf der Schwelle.«

Eine andere Stimme: »Liebe hat die Saite an der Laute meiner Seele angeschlagen und mich verändert, auf dass ich von Kopf bis Fuß liebe.«

Und sie fingen an zu tanzen. John, der zusah, erkannte, dass sie tanzende Derwische waren. Sie hüpften in die Luft zum Schlag von Trommeln, die die allgemeine Musik übertönten. Sie sprangen und wirbelten in langsamen unirdischen Drehungen mit ausgestreckten Armen. Und wenn sie den Boden berührten, stießen sie sich ab und wiederholten es, eine Drehung nach der anderen. Tanzende Derwische in dem großen Sturm auf einer hohen runden Mesa, die in grauer Vorzeit der Boden eines Kraters gewesen war. In dem blutroten pulsierenden Licht sah das so wundervoll aus, dass John aufstand und anfing, sich mit ihnen zu drehen. Er störte ihre Symmetrien und stieß manchmal mit anderen Tänzern zusammen, aber das schien niemanden zu stören. Er fand, dass es hilfreich war, leicht gegen den Wind zu springen, um nicht außer Balance geblasen zu werden. Eine starke Bö würde einen glatt umstoßen. Er lachte. Einige Tänzer psalmodierten laut zur Musik in den üblichen Vierteltontremoli, akzentuiert durch Rufe und scharfes rhythmisches Atmen und die Phrase »Ana el-Haqq, ana el-Haqq« — Ich bin Gott, ich bin Gott. Eine sufische Blasphemie. Der Tanz sollte hypnotisierend wirken. John wusste, dass es andere Muslimkulte gab, die es mit Selbstgeißelung taten. Sich drehen war besser. Er tanzte und stimmte in den gemeinsamen Gesang ein, indem er ihn mit seinem scharfen Atem und mit Grunzen und Plappern akzentuierte.

Dann fing er an, ohne sich darüber Gedanken zu machen, in den Strom der Klänge die Namen für Mars einzufügen: »Al-Qahira, Ares, Auqakuh. Bahram, Harmakhis, Hrad, Huo Hsing, Kasei, Ma’adim, Maja, Mamers, Mangala, Nirgal, Shalbatanu, Simud und Tiu.« Er hatte diese Liste vor einigen Jahren auswendig gelernt als eine Art Partytrick. Jetzt war er ganz überrascht, was für eine hervorragende Rezitation sie abgab, wie sie aus seinem Mund strömte und ihm half, seine Drehungen zu stabilisieren. Die anderen Tänzer lachten ihn freundlich an. Es schien ihnen zu gefallen. Er fühlte sich berauscht. Sein ganzer Körper summte. Er wiederholte die Litanei noch oft und ging dann dazu über, den arabischen Namen ständig zu wiederholen: »Al-Qahira, Al-Qahira, Al-Qahira.« Und dann, eingedenk dessen, was ihm eine der übersetzenden Stimmen gesagt hatte: »Ana el-Haqq, ana Al-Qahira. Ana el-Haqq, ana Al-Qahira.« Ich bin Gott, ich bin Mars … Die anderen stimmten rasch in diesen Gesang ein und machten daraus ein wildes Lied. Im Aufblitzen rotierender Visierscheiben nahm er ihre grinsenden Gesichter wahr. Sie waren wirklich tüchtig in ihren Drehungen. Während sie herumwirbelten, schnitten ihre ausgestreckten Finger den Staubstrom zu Arabesken. Und dabei stießen sie ihn mit den Fingerspitzen an und führten ihn oder schoben sogar seine ungeschickten Drehungen in das Geflecht ihrer Rotationen. Er schrie die Namen des Planeten, und sie wiederholten sie danach wie bei einer Antiphone. Sie rezitierten die Namen -Arabisch, Sanskrit, Inka —, alle Namen des Mars, verquirlt in einen Brei aus Silben, so dass sie eine polyphone Musik erschufen, die schön und ergreifend zugleich war; denn die Namen für den Mars kamen aus Zeiten, als Wörter unheimlich klangen und Namen Macht besaßen. Er konnte das hören, wenn er sie sang. Ich werde tausend Jahre lang leben, dachte er.

Als er endlich zu tanzen aufhörte und sich hinsetzte, um zuzuschauen, fing er an, sich unwohl zu fühlen. Die Welt verschwamm, in seinem Mittelohr drehte etwas sich offenbar immer noch wie eine Roulettekugel. Die Szene pulsierte vor ihm. Es war unmöglich zu sagen, ob das der wirbelnde Staub war oder etwas Inneres; aber jedenfalls starrte er auf das, was er sah: tanzende Derwische — auf dem Mars? Nun, in der muslimischen Welt waren sie irgendwie Abweichler und hatten einen ökumenischen Zug, der im Islam selten ist. Und sie waren auch Wissenschaftler. So stellten sie vielleicht seinen Weg zum Islam dar, seine tariqat. Und ihre Derwischzeremonien würden vielleicht in die Areophanie, die Erscheinung des Mars, übergehen wie während seiner Rezitation. Er stand taumelnd auf und verstand plötzlich, dass man nicht alles vom ersten Federstrich an erfinden musste, sondern dass es darauf ankäme, etwas Neues zu schaffen durch eine Synthese von allem, was gut war, in das, was vorher gekommen war. »Liebe hat die Saite an der Laute meiner Seele angeschlagen …« Er war allzu benommen. Die anderen lachten und stützten ihn. Er sprach zu ihnen in seiner üblichen Weise in der Hoffnung, dass sie verstehen würden. »Ich fühle mich schlecht. Ich denke, ich werde mich übergeben. Aber ihr müsst mir sagen, warum wir nicht all das traurige Gepäck der Erde zurücklassen können. Warum können wir nicht zusammen eine neue Religion erfinden? Die Verehrung von Al-Qahira, Mangala, Kasei!«

Sie lachten und trugen ihn auf den Schultern zurück zum Schutzbau. »Ich meine es ernst«, sagte er, während sich die Welt drehte. »Ich möchte, dass ihr es tut, ich möchte, dass euer Tanzen mit drin ist. Es ist klar, dass ihr diejenigen seid, um diese Religion zu schaffen. Ihr tut das bereits.« Aber es war gefährlich, sich in einem Helm zu übergeben; und so lachten sie nur und schafften ihn, so schnell sie konnten, in das Habitat aus Trümmergestein. Als ihm dort schlecht wurde, hielt ihm eine Frau den Kopf und sagte in musikalischem, orientalisch gefärbtem Englisch: »Der König hat seine weisen Männer nach etwas gefragt, das ihn glücklich machen würde, wenn er traurig wäre, aber traurig im Falle des Frohsinns. Sie berieten sich und kamen zurück mit einem Ring, auf dem eingraviert war: »›Auch dies wird vorübergehen.‹«