»Direkt in die Wiederverwertung«, sagte Boone. Er lag auf dem Rücken, und alles drehte sich. Das war ein schreckliches Gefühl, wenn er versuchte, still zu liegen. »Aber was willst du hier? Warum bist du auf dem Mars? Du musst mir sagen, was du hier willst.« Sie brachten ihn in den Gemeinschaftsraum und teilten Tassen aus. Dann brachten sie einen Topf mit aromatischem Tee. Er hatte immer noch das Gefühl, sich zu drehen, und der an den Kristallfenstern vorbeibrausende Staub war keine Hilfe.
Eine alte Frau bei ihm nahm den Topf und goss Johns Tasse voll. Dann stellte sie den Topf hin und gab ihm zu verstehen: »Jetzt schenkst du mir ein.« John tat es unsicher, und dann machte der Topf im Raum die Runde. Jeder füllte die Tasse eines anderen.
Die alte Frau sagte: »Wir beginnen jedes Mahl so. Es ist ein kleines Zeichen dafür, wie wir zueinander sind. Wir haben die alten Kulturen studiert, ehe euer globaler Markt alles einfing; und in jenen Zeiten gab es viele verschiedene Formen des Tausches. Einige beruhten auf dem Geben von Geschenken. Jeder von uns hat eine Gabe, siehst du, die uns unentgeltlich vom Universum zuteil wurde. Und jeder von uns gibt mit jedem Atemzug etwas zurück.«
»Das ist wie die Gleichung für ökologische Leistung«, sagte John.
»Vielleicht. In jedem Fall wurden ganze Kulturen auf der Idee des Geschenkes aufgebaut. In Malaysia, im amerikanischen Nordwesten, in vielen primitiven Kulturen. In Arabien gaben wir Wasser oder Kaffee, Nahrung und Unterkunft. Und was immer man erhielt, es wurde erwartet, dass man es nicht behielt, sondern seinerseits zurückgab, im günstigen Falle mit Zinsen. Man arbeitete, um mehr geben zu können, als man empfing. Jetzt denken wir, dass dies die Grundlage für eine ehrerbietige und rücksichtsvolle Ökonomie sein kann.«
»Dies ist genau das, was Vlad und Ursula gesagt haben!«
»Vielleicht ja.«
Der Tee half. Nach einer Weile kehrte sein Gleichgewicht zurück. Sie sprachen über andere Dinge, den großen Sturm, den großen harten Sockel, auf dem sie lebten. Spät am Abend fragte er, ob sie von dem Cojoten gehört hätten. Aber das war nicht der Fall. Sie kannten aber Geschichten über eine Kreatur, die sie den ›Verborgenen‹ nannten, den letzten Überlebenden einer alten Rasse von Marsbewohnern, ein runzliges Wesen, das über den Planeten zog und Wanderern, Rovern und Siedlungen Hilfe angedeihen ließ. Man hatte es im letzten Jahr bei der Wasserstation in Chasma Borealis gesehen, als ein Eisfall aufgetreten war und anschließend die Energie ausfiel.
»Ist das nicht der sagenhafte Große Mann?« fragte John. »Nein, nein. Der Große Mann ist ein Riese. Der Verborgene ist wie wir. Seine Leute waren Untertanen des Großen Mannes.«
»Ich verstehe.«
Aber er verstand nicht, nicht richtig. Wenn der Große Mann für den Mars selbst stand, dann war die Geschichte von dem Verborgenen vielleicht von Hiroko inspiriert worden. Unmöglich zu sagen. Er brauchte einen Volkskundler oder Fachgelehrten für Sagen, jemanden, der ihm sagen konnte, wie Stories entstehen. Aber er hatte nur die Sufis, lächelnd und sonderbar, selbst Sagengestalten. Seine Mitbürger in diesem neuen Lande. Er musste lachen. Sie lachten mit ihm und brachten ihn zu Bett. Die alte Frau sagte: »Wir sprechen ein Gutnachtgebet des persischen Dichters Jalaluddin Rumi.« Sie rezitierte:
Ich starb als Stein und wurde eine Pflanze.
Ich starb als Pflanze und erhob mich als Tier.
Ich starb als Tier und wurde Mensch.
Um aufzusteigen mit gesegneten Engeln in der
Höhe. Und wenn ich meine Engelsseele opfere,
Werde ich werden, was noch kein Verstand je erfasste.
»Schlaf gut!« sagte sie in seinen einschlummernden Geist. »Dies ist all unser Weg.«
Am nächsten Morgen kletterte er steif in seinen Rover, kniff die Augen zusammen aus schmerzlichem Unbehagen und beschloss, etwas Omeg einzunehmen, sobald er unterwegs wäre. Die alte Frau war da, um ihn zu verabschieden, und er drückte herzlich seine Gesichtsscheibe gegen die ihre.
Sie sagte: »Ob von dieser oder jener Welt, deine Liebe wird dich am Ende hinüberführen.«
Die Transponderstraße führte ihn durch die braunen, vom Wind gepeitschten Tage. Er durchquerte das zerklüftete Land südlich vom Margaritifer Sinus. Er würde noch einmal zu anderer Zeit hindurchfahren müssen, um etwas davon zu sehen; denn in dem Sturm war es nichts als fliegender Kakao von momentanen goldenen Lichtspeeren. Nahe dem Bakhuysen-Krater hielt er bei einer neuen Siedlung namens Turner Wells an. Hier war man auf einen Wasservorrat gestoßen, der unter solchem hydrostatischem Druck stand, dass sie dabei waren, Energie zu gewinnen, indem sie den artesischen Strom durch eine Reihe von Turbinen leiteten. Das freigesetzte Wasser würde in Wannen geführt, eingefroren und dann mit Robotern hochgehievt und zu trockenen Siedlungen in der ganzen südlichen Hemisphäre gebracht werden. Mary Dunkel arbeitete dort und zeigte ihm die Brunnen, das Kraftwerk und die Eisreservoire. »Die Versuchsbohrung war schrecklich wie die Hölle. Als der Bohrer den flüssigen Teil der wasserhaltigen Schicht anstach, wurde er explosionsartig aus dem Loch getrieben; und es hing an Messers Schneide, ob es uns gelingen würde, die Springquelle zu kontrollieren oder nicht.«
»Was wäre geschehen, wenn das nicht gelungen wäre?«
»Nun, ich weiß nicht. Da unten gibt es eine Menge Wasser. Wenn es den Fels um das Loch gesprengt hätte, hätte es wie zu den großen Ausflußkanälen in Chryse kommen können.«
»So groß?«
»Wer weiß? Möglich ist es.«
»Oha!«
»Das habe ich auch gesagt. Jetzt hat Ann eine Studie gestartet über Methoden zur Bestimmung von Wasserdrücken durch die Echos, die sie bei seismischen Tests geben. Aber es gibt Leute, die gern einen oder zwei Wasservorräte freilassen würden. Sie äußern sich durch Mitteilungen im Bulletin des Netzes. Es würde mich nicht überraschen, wenn Sax dazu gehörte. Große Fluten von Wasser und Eis, sehr viel Sublimation in die Luft — warum sollte er da nicht jubeln?«
»Aber Überschwemmungen wie jene in alter Zeit würden für die Landschaft ebenso zerstörerisch sein, wie wenn man Asteroiden darauf fallen ließe.«
»Oh, noch verheerender! Jene aus dem Wirrwarr herunterkommenden Kanäle waren unglaubliche Ausbrüche. Die beste Analogie auf der Erde sind die Scablands, eine Lava- und Plateaulandschaft im östlichen Washington. Hast du davon gehört? Vor etwa achtzehntausend Jahren gab es einen See, der den größten Teil von Montana bedeckte. Man nennt ihn Lake Missoula. Er bestand aus Schmelzwasser der Eiszeit und wurde durch einen Eisdamm zurückgehalten. Irgendwann brach dieser Damm, und der See entleerte sich katastrophal. Etwa zwei Billionen Kubikmeter Wasser strömten in wenigen Tagen das Columbia-Plateau hinunter und hinaus in den Pazifik.«
»Donnerwetter!«
»Während es floss, führte es ungefähr dreimal soviel Wasser, wie dem Amazonas entströmt. Es grub in das basaltische Urgestein Kanäle, die immerhin zweihundert Meter tief sind.«
»Zweihundert Meter!«
»Stimmt. Und das war noch nichts im Vergleich mit den Wassermassen, die die Chrysekanäle gegraben haben. Die Verästelungen dort bedecken Gebiete …«
»Zweihundert Meter Urgestein?«