»Wir wollen bloß reden«, sagte die Stimme.
Falls sie ihn hätten töten wollen, hätten sie bloß die Scheibe des Rovers aufzusprengen brauchen, während er schlief. Außerdem konnte er sich kaum vorstellen, dass jemand ihm Übles wollte. Dafür gab es keinen Grund!
Also ließ er sie ein.
Es waren ihrer fünf, lauter Männer. Ihre Schutzanzüge waren abgewetzt, schmutzig und mit Material geflickt, das nicht dafür vorgesehen war. Ihre Helme trugen keine Identitätskennzeichen und waren ohne jede Farbe. Als sie die Helme abnahmen, sah er, dass ein Mann Asiate war und jung. Er schien etwa sechzehn Jahre alt zu sein. Dieser trat vor, setzte sich in den Fahrersitz und beugte sich vor, um die Instrumentenanordnung näher zu betrachten. Ein anderer nahm den Helm ab. Ein kleiner Mann von brauner Hautfarbe mit schmalem Gesicht und langer Zottelfrisur. Er setzte sich auf die gepolsterte Bank gegenüber von Johns Bett und wartete, bis auch die anderen drei ihren Helm abgenommen hatten. Dabei hockten sie sich auf die Fersen und sahen John scharf an. Er hatte noch nie einen von ihnen gesehen.
Der Mann mit dem schmalen Gesicht sagte: »Wir wollen, dass ihr die Einwanderungsrate verlangsamt.« Er war es auch, der von draußen gesprochen hatte. Jetzt klang sein Akzent nach der Karibik. Er sprach leise, fast flüsternd, und John fand es schwer, ihm das nicht nachzumachen.
»Oder ganz stoppt«, sagte der Mann im Fahrersitz.
»Halt den Mund, Kasei!« Der mit dem schmalen Gesicht schaute unentwegt weiter John an. »Es kommen zu viele Leute her. Das weißt du. Sie sind keine Marsmenschen, und es ist ihnen gleichgültig, was hier geschieht. Sie werden uns überwältigen. Ich weiß, du versuchst, sie zu Marsmenschen zu machen; aber sie kommen viel schneller herein, als du das schaffen kannst. Das einzige, was funktionieren wird, ist eine Verlangsamung des Zustroms.«
»Oder ihn einzustellen.«
Der Mann verdrehte die Augen und bat mit einer Grimasse John um Verständnis. Der Junge war eben noch jung, sagte sein Blick.
»Ich habe keinen Einfluss …« fing John an, aber der Mann fiel ihm ins Wort: »Du kannst dich dafür einsetzen, und du bist auf unserer Seite.«
»Kommt ihr von Hiroko?«
Der Junge schnalzte mit der Zunge am Gaumen. Der mit dem schmalen Gesicht sagte nichts. Vier Gesichter starrten John an. Der andere schaute resolut aus dem Fenster.
John fragte: »Habt ihr die Moholes sabotiert?«
»Wir wollen, dass ihr die Immigration anhaltet.«
»Ich will, dass ihr mit der Sabotage Schluss macht. Die bringt nur mehr Leute hierher. Polizei.«
Der Mann sah ihn scharf an. »Wie kommst du auf den Gedanken, dass wir die Saboteure kontaktieren können?«
»Findet Sie! Macht euch an sie heran. Bei Nacht.«
Der Mann lächelte. »Aus den Augen, aus dem Sinn.«
»Nicht unbedingt.«
Sie mussten bei Hiroko sein. Ockhams Skalpell. Eniia non sunt multiplicanda praeter necessitatem. Es konnte nicht mehr als eine verborgene Gruppe geben. Oder vielleicht doch? John fühlte sich schwindelig und überlegte, ob sie etwa die Luft manipulierten. Aerosoldrogen freisetzten. Er fühlte sich entschieden seltsam. Alles war surreal traumhaft. Der Wind schüttelte den Rover und schickte einen Stoß aeolischer Musik vorbei, einen unheimlich lang gezogenen Ton. Seine Gedanken waren langsam und drückend, und er hätte fast gegähnt. Das ist es, dachte er. Ich versuche immer noch, aus einem Traum zu erwachen.
»Warum versteckt ihr euch?« hörte er sich sagen.
»Wir erbauen den Mars. Genau wie du. Wir sind auf deiner Seite.«
»Also solltet ihr auch helfen.« Er versuchte nachzudenken. »Was ist mit dem Raumlift?«
»Darum kümmern wir uns nicht.« Der Junge kicherte. »Darauf kommt es nicht an. Auf Menschen kommt es an.«
»Der Aufzug wird noch viel mehr Leute herbeischaffen.«
Der Mann dachte darüber nach »Verlangsamt die Einwanderung, dann kann er überhaupt nicht gebaut werden.«
Wieder langes Schweigen, unterstrichen durch den unheimlichen Kommentar des Windes. Kann nicht einmal gebaut werden? Dachten sie, dass Menschen ihn bauen würden? Oder vielleicht meinten sie das Geld.
John sagte: »Ich werde mich darum kümmern.« Der Junge wandte sich um und starrte ihn an. John hob die Hand, um ihm zuvorzukommen. »Ich werde tun, was ich kann.« Seine Hand stand vor ihm, ein großes rosiges Ding. »Das ist alles, was ich sagen kann. Falls ich Ergebnisse verspräche, wäre das gelogen. Ich weiß, was ihr wollt. Ich werde tun, was ich kann.« Er dachte mühsam weiter nach. »Ihr solltet euch draußen im Freien aufhalten. Wir brauchen mehr Hilfe.«
»Jeder auf seine Weise«, sagte der Mann ruhig. »Wir werden jetzt gehen. Wir werden weiter verfolgen, was du tust.«
»Sagt Hiroko, dass ich mit ihr sprechen will!«
Die fünf Männer sahen ihn an, der Junge scharf und ärgerlich. Der mit dem schmalen Gesicht lächelte kurz. »Wenn ich sie sehe, werde ich es ihr sagen.«
Einer der hockenden Männer hielt eine durchscheinende blaue Masse hin — ein Aerogelschwamm, kaum sichtbar unter der Nachtbeleuchtung. Die Hand, die ihn hielt, bildete eine Faust. Ja, eine Droge. Er stieß zu und erwischte den Jungen überraschend, umklammerte seinen nackten Hals und fiel dann gelähmt um.
Als er wieder zu sich kam, waren sie fort. Er hatte Kopfschmerzen und fiel zu einem unerquicklichen Schlaf aufs Bett. Der Traum von Frank kehrte erstaunlicherweise zurück, und John erzählte ihm von dem Besuch. Frank sagte: »Du bist ein Narr. Du verstehst nicht.«
Als er wieder aufwachte, war es Morgen. Vor der Windschutzscheibe wirbelte es rotbraun dahin. Die Winde schienen im letzten Monat schwächer geworden zu sein, aber man konnte nicht recht sicher sein. In den Staubwolken erschienen für kurze Zeit Gestalten und fielen dann wieder ins Chaos zurück, in kleine unsinnige Halluzinationen. Er war wirklich die Sinne raubend, dieser Sturm, und er erzeugte Klaustrophobie. John nahm etwas Omeg zu sich, zog sich an und ging umher. Er versuchte die Spuren seiner Besucher zu verfolgen. Die führten über Urgestein und verschwanden. Eine schwierige Begegnung, sollte er meinen. Ein in der Nacht verirrter Rover — wie hatten sie ihn gefunden?
Aber wenn sie ihm auf der Spur geblieben waren …
Wieder im Innern rief er die Satelliten an. Radar und Infrarot fanden nichts außer seinem Rover. Sogar Schutzanzüge wären im IR aufgetaucht. Also hatten sie vermutlich in der Nähe eine Unterkunft. Es war leicht, sich in Bergen wie diesen zu verstecken. Er rief seine Hiroko-Karte auf und zog einen rohen Kreis um seinen Standort mit Erweiterungen nach Norden und Süden ins Gebirge. Er hatte inzwischen etliche Kreise auf der Hiroko-Karte; aber keiner von ihnen war von Bodenmannschaften gründlich durchsucht worden. Wahrscheinlich würden sie das auch nicht werden, da sie meist in chaotischem Gelände lagen, in unwirtlichem Land von der Größe von Wyoming oder Texas. »Es ist eine große Welt«, murmelte er.
Er ging im Innern des Wagens umher und schaute auf den Fußboden. Dann fiel ihm ein, was er zuletzt getan hatte. Er blickte unter seine Fingernägel. Jawohl, dort klebte ein kleiner Hautfetzen. Er holte eine Laborschale aus dem Autoklaven und schabte vorsichtig das, was da war, hinein. Identifikation von Genomen lag gänzlich außerhalb der Möglichkeiten des Rovers, aber jedes große Laboratorium sollte imstande sein, den Jungen zu identifizieren, falls sein Genom aufgezeichnet wäre. Falls nicht, wäre auch das eine nützliche Information. Und vielleicht könnten Ursula und Vlad seine Eltern ermitteln.
An diesem Nachmittag fand er die Transponderstrecke wieder und gelangte am nächsten Tag spät ins Hellas-Becken. Dort traf er Sax, der an einer Konferenz über den neuen See teilnahm, obwohl es eher schien, dass es zu einer Konferenz über Ackerbau unter künstlicher Beleuchtung wurde. Am nächsten Morgen nahm John Sax zu einem Spaziergang in den klaren Tunneln zwischen den Gebäuden mit, und sie schritten in einem wechselnden gelben Dämmerlicht dahin. Die Sonne war ein safranfarbener Schimmer in den Wolken im Osten. John sagte: »Ich glaube, ich bin dem Cojoten begegnet.«