»Wirklich? Hat er dir gesagt, wo Hiroko ist?«
»Nein.«
Sax zuckte die Achseln. Er schien durch die Rede abgelenkt zu sein, die er am Abend halten musste. Also beschloss John zu warten und hörte sich am Abend zusammen mit den Bewohnern der See-Station die Rede an. Sax versicherte der Menge, dass Mikrobakterien in Atmosphäre, Oberfläche und Permafrost in einem Tempo wüchsen, das ein wesentlicher Bruchteil ihres theoretischen Maximums wäre — etwa zwei Prozent, um genau zu sein — und dass man binnen weniger Jahrzehnte die Probleme von Kultivierung im Freien würde erwägen müssen. Einen Applaus gab es bei dieser Ankündigung nicht, weil alle durch die schrecklichen Probleme absorbiert waren, die der Große Sturm heraufgeführt hatte, dessen Ausbruch sie auf eine Fehlkalkulation von Sax zurückzuführen schienen. Die Sonnenbestrahlung der Oberfläche war immer noch zu 25 Prozent normal, wie einer von ihnen angriffslustig ausführte, und der Sturm ließ kein Ende erkennen. Die Temperaturen waren gefallen, und die Gemüter erhitzten sich. Keine neu Angekommenen hatten jemals mehr als ein paar Meter um sich gesehen, und psychologische Probleme von Langeweile bis Katatonie waren pandemisch.
Sax tat das alles mit einem milden Achselzucken ab. Er sagte: »Es ist der letzte globale Sturm. Er wird in die Geschichte eingehen als eine Art heroisches Zeitalter. Genießt ihn, solange er währt!«
Das fand nur schwachen Anklang. Aber Sax schien es nicht zu bemerken.
Ein paar Tage später fuhren Ann und Simon in die Siedlung mit ihrem Sohn Peter, der inzwischen drei Jahre alt war. Er war, soweit man sagen konnte, das dreiunddreißigste auf dem Mars geborene Kind. Die nach den Ersten Hundert eingerichteten Kolonien hatten sich als sehr fruchtbar erwiesen. John spielte mit dem Jungen im Flur, während er, Ann und Simon Neuigkeiten austauschten und sich einige der Tausendundein Geschichten über den Großen Sturm erzählten. John hatte den Eindruck, dass Ann den Sturm genoss und den gewaltigen Stoß, den er dem Prozess des Terraformens versetzte, als eine Art planetarer allergischer Reaktion interpretierte. Die Temperaturen sanken unter den Grundwert, die rücksichtslosen Experimentierer kämpften mit ihren schwachen blockierten Maschinen … Aber sie war nicht erfreut, sondern sogar wie üblich gereizt. »Eine Wünschelrutengruppe hat einen Vulkanschlot in Daedalia angebohrt und dabei eine Probe mit einzelligen Mikroorganismen erhalten, die sich wesentlich von den Cyanobakterien unterscheiden, die ihr im Norden freigesetzt habt. Und der Schlot war fast völlig in Urgestein eingeschlossen und sehr weit von allen biotischen Freilassungsstellen entfernt. Sie schickten Proben von dem Zeug zur Analyse nach Acheron, und Vlad hat sie untersucht. Er erklärte, dass es nach einem mutierten Stamm aussähe von denen, die sie freigesetzt hätten, vielleicht durch kontaminiertes Bohrgerät dem Probegestein injiziert.« Ann stieß John auf die Brust. »›Wahrscheinlich terrestrisch‹« hat Vlad gesagt. Wahrscheinlich terrestrisch!
»Warscheinlich teilisch« ,sagte der kleine Junge. Er traf Anns Tonfall perfekt.
»Nun, wahrscheinlich ist er das«, sagte John.
»Aber wir werden das nie erfahren! Sie werden noch jahrhundertelang darüber debattieren, es wird eine Zeitschrift eigens für dies Thema geben, aber wir werden niemals wirklich wissen.«
»Wenn es zu schwierig zu sagen ist, ist es wahrscheinlich terrestrisch«, sagte John und grinste den Jungen an. »Alles, was sich getrennt vom irdischen Leben entwickelt hat, würde sich sofort verraten.«
»Wahrscheinlich«, sagte Ann. »Es sei denn, es gäbe eine gemeinsame Quelle, zum Beispiel die Theorie der Sporen im Weltraum oder planetare Auswürfe von in Gestein eingebetteten Mikroorganismen.«
»Das ist aber nicht allzu wahrscheinlich.«
»Wir wissen es nicht. Wir werden es jetzt nie erfahren.«
John hatte Mühe, ihre Besorgnis zu teilen. »Sie könnten von den Viking-Landesonden gekommen sein. Man hat sich nie allzu sehr bemüht, unsere Forschungen hier steril zu machen. So ist es nun einmal. Inzwischen haben wir dringendere Probleme.« So wie ein globaler Staubsturm, der länger dauert, als man je verzeichnet hat; oder ein Zustrom von Immigranten, deren Interesse am Mars so minimal war wie ihre Behausung; oder eine bevorstehende Revision des Vertrags, der niemand zustimmen kann; oder ein Terraformungsunternehmen, das vielen verhaßt ist. Oder ein Heimatplanet, der kritisch wird. Oder ein (oder zwei) Versuche, einem gewissen John Boone Schaden zuzufügen.
»Ja, ja«, sagte Ann. »Ich weiß. Aber das ist alles Politik. Davon werden wir nie loskommen. Dies hier war Wissenschaft, eine Frage, die ich beantwortet haben will. Und jetzt kann ich das nicht. Niemand kann es.«
John zuckte die Achseln. »Diese Frage werden wir nie beantworten können, Ann. Das war eine jener Fragen, auf die das Schicksal nie eine Antwort geben wird. Wusstest du das nicht?«
»Warscheinlich teilisch.«
Ein paar Tage danach landete eine Rakete auf dem kleinen Raumhafen der Seestation, und eine kleine Gruppe Terraner tauchte aus dem Staub auf. Sie hüpften noch herum beim Gehen. Untersuchungsagenten, wie sie sagten, auf Geheiß der UNOMA hier, um nach Sabotage und verwandten Vorfällen zu schauen. Es waren im ganzen zehn Personen, acht adrette junge Männer wie aus dem Fernsehen und zwei attraktive junge Frauen. Die meisten waren vom amerikanischen FBI abgeordnet worden. Ihr Anführer, ein großer braunhaariger Mann namens Sam Houston, ersuchte um ein Interview mit Boone, dem dieser höflich zustimmte.
Als sie sich am nächsten Morgen trafen — es waren sechs Agenten da, einschließlich der beiden Frauen —, beantwortete John jede Frage ohne Zögern, obwohl er ihnen instinktiv nur das erzählte, was sie seiner Meinung nach schon wussten, dazu ein bisschen mehr, um aufrichtig und hilfsbereit zu erscheinen. Die Leute waren höflich und rücksichtsvoll, gründlich in ihren Fragen und extrem zurückhaltend, wenn er sie seinerseits etwas fragte. Sie schienen über viele Details der Lage auf dem Mars in Unwissenheit zu sein und fragten ihn nach Dingen, die während der ersten Jahre in Underhill geschehen waren oder während der Zeit von Hirokos Verschwinden. Offenbar kannten sie die Ereignisse jener Zeit und die Grundtatsachen der mannigfachen Beziehungen unter den Medienstars der Ersten Hundert. Sie stellten ihm eine Menge Fragen über Maya, Phyllis, Arkady, Nadia, die Acherongruppe, Sax … Diese alle waren diesen jungen Terranern wohlbekannt, ständige Festpunkte auf ihren Fernsehern. Aber es schien, dass sie wenig über das hinaus wussten, was auf Band aufgenommen und zur Erde gesendet worden war. John ließ seine Gedanken schweifen und fragte sich, ob das für alle Terraner zuträfe. Und was für Informationsquellen hatten sie wohl noch?
Am Ende des Interviews fragte ihn einer namens Chang, ob er noch etwas anderes sagen wolle. John, der neben vielen anderen Dingen einen Bericht über den mitternächtlichen Besuch des Cojoten ausgelassen hatte, sagte: »Ich wüsste nicht, was.«
Chang nickte, und dann sagte Sam Houston: »Wir würden es schätzen, wenn Sie uns Zugang zu Ihrem PC über diese Dinge gestatten würden.«
»Tut mir leid«, sagte John und machte ein um Entschuldigung bittendes Gesicht. »Ich gestatte keinen Zugang zu meinem PC.«
»Haben Sie eine Zerstörungssperre dran?« sagte Houston, sichtlich überrascht.
»Nein. Ich tue es einfach nicht. Das sind meine privaten Aufzeichnungen.« John sah dem Mann fest ins Auge und beobachtete, wie er sich unter dem Blick seiner Gefährten wand.
»Wir … hm … wir können eine Vollmacht von UNOMA bekommen, wenn Sie das wünschen.«
»Ich zweifle wirklich daran, dass Sie das können. Aber selbst dann werde ich Sie nicht hineinlassen.«