»Entschuldigen Sie, Mr. Boone, aber würden Sie bitte mit uns kommen?«
»Was ist los?«
»Es hat wieder einen Zwischenfall gegeben. Jemand hat eine Gehröhre aufgeschnitten.«
»Eine Gehröhre aufgeschnitten? Das nennen sie einen Zwischenfall? Wir haben Satelliten, die aus der Bahn fliegen und Lastwagen, die in Bohrlöcher stürzen, und Sie nennen so einen Streich einen Zwischenfall?«
Houston starrte ihn an, und Boone hätte ihn fast ausgelacht. »Wie denken Sie, dass ich helfen kann?« fragte er.
»Wir wissen, dass Sie für Dr. Russell daran arbeiten. Wir dachten, dass sie gern informiert sein würden.«
»Oh, ich verstehe. Na schön, gehen wir also, es uns anzuschauen.«
Und dann hieß es, fast zwei Stunden lang Schritt zu halten, wobei ihm die Schultern die ganze Zeit wie Feuer brannten. Houston und Chang und die anderen Untersuchungsbeamten sprachen mit ihm, als ob sie ihm vertrauten und an seinen Bemerkungen interessiert wären. Aber ihre Blicke waren kühl abschätzend. John erwiderte sie mit einem leichten Lächeln.
»Warum gerade jetzt, möchte ich wissen«, sagte Houston.
John antwortete: »Vielleicht gefallt es jemandem nicht, dass Sie hier sind.« -Erst als die ganze Scharade zu Ende war, hatte er Zeit, darüber nachzudenken, weshalb er verhindern wollte, dass sie die Attacke aufklären würden. Ohne Zweifel hätte das noch mehr Detektive herbeigezogen, und das wäre schlimm. Und sicher wäre es die Spitzenmeldung auf Mars und Erde geworden, was ihn wieder in ein riesiges Goldfischglas geworfen hätte. Und er hatte das Goldfischglas satt.
Aber es war noch mehr daran, das er nicht genau festlegen konnte. Der Detektiv des Unterbewusstseins. Er knurrte missmutig. Um sich von dem Schmerz abzulenken, marschierte er von einem Speisesaal in den anderen in der Hoffnung, eine Miene schlecht verhohlener Überraschung zu finden, wenn er in den Raum kam. Zurück von den Toten! Wer von euch hat mich ermordet? Und ein- oder zweimal sah er jemanden vor seinem flüchtigen Blick zurückzucken. Aber es war so, wie er mürrisch meinte, dass viele Leute vor seinem Blick zurückzuckten. Als ob sie den Blick eines Monstrums oder Verdammten vermeiden wollten. Er hatte seinen Ruhm noch nie so empfunden, und das machte ihn wütend.
Die schmerzstillenden Mittel ließen nach, und er kehrte zeitig in seine Suite zurück. Die Tür war offen. Als er hineinstürmte, fand er drinnen zwei UNOMA-Detektive. »Was tun Sie hier?« rief er ärgerlich.
»Wir warteten bloß auf Sie«, sagte der eine ölig. Sie sahen einander an. »Wir wollten nicht, dass jemand versuchen würde, etwas anzustellen.«
»Wie Einbrechen und Eintreten?« fragte Boone. Er stand im Türrahmen und lehnte sich dagegen.
»Das gehört zu unserem Job, Sir. Tut uns leid, Sie in Erregung versetzt zu haben.«
»Wer hat sie hierzu ermächtigt?« fragte Boone und kreuzte die Arme über der Brust.
Sie sahen sich wieder an. »Nun, Mr. Houston ist unser vorgesetzter Offizier …«
»Rufen Sie ihn und schaffen Sie ihn her!«
Einer flüsterte in sein Armbandgerät. In verdächtig kurzer Zeit erschien Sam Houston im Gang; und als er vor Eile rot wurde, musste John lachen. »Was haben Sie gemacht, da um die Ecke versteckt?«
Houston trat dicht an ihn heran, beugte sich vor und sagte mit leiser Stimme: »Sehen Sie, Mr. Boone, wir sind hier mitten in einer überaus wichtigen Untersuchung, und Sie behindern diese. Obwohl Sie das zu glauben scheinen, Sie stehen nicht über dem Gesetz …«
Boone ruckte so rasch nach vorn, dass Houston nicht vermeiden konnte, dass ihre Nasen zusammenstießen. »Sie sind nicht das Gesetz«, sagte er. Er streckte die Arme, stieß Houston vor die Brust und trieb ihn weiter den Gang hinunter. Jetzt verlor Houston die Beherrschung, und John lachte ihn aus. »Was werden Sie mit mir machen, Officer? Mich verhaften? Bedrohen? Mir etwas Gutes erweisen, das ich in meinem nächsten Bericht für Eurovid erwähne? Wünschen Sie sich das? Möchten Sie, dass ich der Welt zeige, wie John Boone von einem Lamettahengst von Beamten behelligt wurde, der zum Mars gekommen ist in der Meinung, er wäre ein Sheriff im Wilden Westen?« Er dachte daran, dass jemand, der von sich in der dritten Person sprach, sich selbst zum Narren machte. Er lachte und sagte: »John Boone hat so etwas nicht gern. Ganz und gar nicht!«
Die anderen zwei hatten die Gelegenheit ergriffen, sich aus dem Zimmer zu schleichen, und sahen nun gespannt zu Houstons Gesicht hatte die Farbe von Ascraeus Mons angenommen, und seine Zähne waren entblößt. Er krächzte: »Niemand steht über dem Gesetz. Hier ereignen sich kriminelle Delikte, sehr gefährliche, und nicht wenige davon geschehen, wenn Sie in der Nähe sind.«
»Wie zum Beispiel Einbrechen und Eintreten.«
»Wenn wir entscheiden, dass wir Ihre Räume durchsuchen müssen oder Ihre Aufzeichnungen, um unsere Untersuchungen durchzuführen, werden wir das tun. Wir haben die Autorität dazu.«
»Ich sage, Sie haben sie nicht«, sagte John arrogant und schnippte mit den Fingern dem Mann ins Gesicht.
»Wir werden Ihre Zimmer durchsuchen«, sagte Houston und betonte jedes Wort sorgfältig.
»Haut ab!« sagte John verächtlich, sprang auf die anderen zwei los und scheuchte sie zurück. Er lachte mit wütend geschürzten Lippen. »So ist es recht. Haut ab! Raus hier! Ihr seid hier zu nichts befugt! Haut ab und lest die Vorschriften über Durchsuchen und Festnahme!«
Er ging in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu.
Er machte eine Pause. Es klang so, als würden sie gehen; aber er musste so oder so tun, als ob es ihn nicht kümmern würde. Er lachte, ging ins Bad und nahm noch einige Schmerzstiller ein.
Sie waren noch nicht bis zum Schrank vorgedrungen. Das war ein Glück. Es wäre schwierig gewesen, den zerrissenen Anzug zu erklären, ohne die Wahrheit zu sagen, und das wäre peinlich gewesen. Seltsam, wie verzwickt es wurde, wenn man die Tatsache verheimlichte, dass jemand versucht hatte, einen umzubringen. Das ließ ihn innehalten. Der Versuch war schließlich doch sehr ungeschickt gewesen. Es müsste hundert wirksamere Wege geben, um jemanden auf dem Mars im Freien in einem Schutzanzug zu töten. Wenn sie also bloß versuchten, ihn zu ärgern oder vielleicht hofften, dass er versuchen würde, den Angriff zu verheimlichen, so dass sie ihn der Lüge überführen könnten und dann etwas gegen ihn in der Hand hätten …
Er schüttelte verwirrt den Kopf. Ockhams Skalpell. Das wichtigste Instrument des Detektivs. Wenn einen jemand angreift, will er einem Böses. Das war die fundmentale Tatsache. Es war wichtig herauszufinden, wer die Angreifer waren. Und so weiter. Die schmerzstillenden Mittel waren stark, und das Omegendorph lass nach. Das Denken fiel schwerer. Es würde ein Problem sein, den Schutzanzug loszuwerden. Besonders der Helm war ein großes sperriges Ding. Aber jetzt steckte er in der Sache drin, und es gab keinen eleganten Ausweg. Er lachte. Er wusste, dass ihm schon etwas einfallen würde.
Er wollte mit Arkady sprechen. Ein Anruf erklärte aber, dass Arkady die gerontologische Behandlung mit Nadia in Acheron beendet hatte und sich nach oben zu Phobos begeben hatte. John hatte den schnellen kleinen Mond noch nie besucht. »Warum kommst du nicht herauf und siehst ihn dir an?« fragte Arkady am Telefon. »Besser, sich persönlich zu unterhalten, nicht wahr?«
»Okay.«
Er war seit der Landung der Ares vor fünfundzwanzig Jahren nicht mehr im Weltraum gewesen, und die gewohnten Eindrücke von Beschleunigung und Gewichtslosigkeit riefen einen unerwarteten Anfall von Übelkeit hervor. Er erzählte Arkady davon, als sie bei Phobos andockten, und Arkady sagte: »Mir ist es immer so ergangen, bis ich anfing, kurz vor dem Start Wodka zu trinken.« Er hatte dafür eine lange physiologische Erklärung, aber die Details machten John nervös, und er bat ihn aufzuhören. Arkady lachte. Die gerontologische Behandlung hatte ihm den üblichen postoperativen Schwung gegeben, und er war schon vorher ein glücklicher Mensch gewesen. Er sah so aus, als würde ihm tausend Jahre lang nicht wieder schlecht werden.