Dionysios hockte sich auf die Fersen. »Du hast Glück. Hättest das Auge verlieren können. Aber so ist’s kein bleibender Schaden.« Er klopfte Archimedes auf die Schulter und stand auf.
Langsam richtete sich Archimedes auf, setzte sich mit dem Rük-ken gegen die Brunnenschale und rieb wieder sein Auge. Es tat weh. »Beim Apollon!« murmelte er. Mit seinem guten Auge schaute er sich nach Eudaimon um, der mit betretener Miene dastand. Wütend funkelte er ihn an.
Plötzlich beugte sich Delia über ihn, nahm ihm wortlos das zerknitterte Papyrus aus der Hand und gab ihm statt dessen einen nassen Lederklumpen. Das kühle Naß tat seinem brennenden Gesicht unbeschreiblich gut. »Danke!« sagte er bewegt.
Sie merkte, wie ihr sein gutes Auge trotz allem einen Moment lang folgte und sich erst dann wieder auf die anderen richtete, als er sah, daß seinen Berechnungen nichts geschah.
Die Männer fingen eine Diskussion über die Unfallfolgen an: Leptines tadelte Eudaimon. Eudaimon protestierte, alles sei nur Zufall gewesen. Dionysios schlug vor, er wolle seinen Schützling nach draußen bringen, und der Schützling versuchte seinerseits, auf das Thema seiner Anstellung als Katapultmacher zurückzukommen. Delia hielt sich zurück und ließ sie gewähren. Sie strich das zerrissene Papyrusstück glatt und schaute es sich genauer an.
Es enthielt die präzise, sorgfältig ausgeführte Zeichnung eines Katapults mit sämtlichen Maßen. Sie drehte das Blatt um. Auf der Rückseite waren in derselben sorgfältigen Handschrift Skizzen, die für sie weniger Sinn ergaben: Zylinder, von Geraden geschnittene Kurven, mit Wellenlinien oder Pfeilen kombinierte Buchstabenpaare und dazu noch einige Zahlen, die schon beim Katapult gestanden waren. Stirnrunzelnd wanderte ihr Blick wieder zu dem jungen Mann hinüber, der noch immer am Brunnenrand lehnte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie ihn gar nicht richtig wahrgenommen. Was er ihr über die Zwischentöne auf dem Aulos erzählt hatte, hatte sie interessiert, und von der Geschichte mit dem Wasseraulos war sie begeistert gewesen. Es hatte ihr gefallen, daß er sich auch dann noch völlig natürlich mit ihr unterhielt, nachdem er entdeckt hatte, wer ihr Bruder war. Mit Sorge hatte sie bemerkt, daß sie ihn vielleicht in Schwierigkeiten gebracht hatte. Aber trotz allem hatte es sie nicht wirklich interessiert, wer er war. Jetzt kam sie sich vor, als ob sie mit dem Zeh an einen Felsen gestoßen wäre und bei genauerem Hinsehen gemerkt hätte, daß er zu einer vergrabenen Stadt gehörte. Er hatte diese unverständlichen Wellenlinien eifersüchtiger als seinen Augapfel gehütet. Welches Gehirn mochte wohl derart merkwürdige Prioritäten setzen?
Dionysios half Archimedes auf die Beine, Leptines erkundigte sich nach seinem Befinden, und Archimedes, schwor, alles sei in Ordnung. Anschließend wurde wieder über den Katapultbau diskutiert und schließlich ein Preis für das fertige Katapult festgesetzt: fünfzig Drachmen - wenn es funktionierte. Als dieser Punkt gelöst war, trat Delia vor und händigte Archimedes seine Berechnungen aus. Schwankend verbeugte sich Archimedes, der noch immer den nassen Lederklumpen ans Auge preßte, wünschte der ganzen Gesellschaft einen guten Tag und taumelte Richtung Tür, gefolgt von Hauptmann Dionysios, der seinen Arm nahm und ihn hinausgeleitete.
Delia wartete. Leptines drehte sich zu ihr um, dann stieß er einen resignierten Seufzer aus und trollte sich wortlos. Sie war noch nie folgsam gewesen, weshalb er schon längst jeden Disziplinierungsversuch aufgegeben hatte. Eudaimon verbeugte sich und stakste in die entgegengesetzte Richtung davon. Der exaltierte Türhüter wartete, bis Regent und Ingenieur verschwunden waren, dann verschränkte er die Arme und musterte Delia auf seine übliche, mißbilligende Art. »Du möchtest doch etwas«, sagte er.
Delia merkte, wie sie rot wurde. Der Türhüter hieß Agathon und war ein cleverer Sauertopf, dem nichts enting. Als Sklave hatte er ihrem Bruder Hieron schon lange vor dessen Königszeit gedient. Seine Loyalität hatte ihm einen Einfluß verschafft, um den ihn freie Männer nur beneiden konnten. Leider wußte er schon immer voraus, wann ihn Delia um etwas bitten würde. Obwohl sie diese Eigenart haßte, tolerierte sie sie genau wie Hieron, denn Agathon war immer besser über die Vorgänge in der Stadt informiert als alle anderen Bewohner des Hauses, den König eingeschlossen.
»Ja«, gestand sie. »Dieser junge Mann, der gerade hier war - ich möchte mehr über ihn erfahren.«
Agathons Mißbilligung wurde so drückend, daß man damit Oliven hätte pressen können. »Eine reizende Frage!« rief er. »Die Schwester des Königs möchte Näheres über einen dahergelaufenen, dreisten, jungen Flötenspieler erfahren!«
Delia wedelte ungeduldig mit der Hand. »Beim Herakles, doch nicht so, Agathon!«
»Du, Herrin, hast ganz und gar kein Recht, dich für Ingenieure mit Weinflecken zu interessieren!«
Delia seufzte. »Hieron hätte Interesse, wenn er da wäre.«
Agathon schaute etwas weniger mißbilligend drein und kniff die Augen zusammen. »He?«
»Zwei Sachen«, sagte Delia, nahm ihre Auloi in die Hand und stützte das Kinn darauf. »Erstens: Obwohl er noch nie ein Katapult gebaut hat, hat er selbstbewußt das Angebot gemacht, daß er ein größeres Katapult als alle anderen in der Stadt bauen wird. Glaubst du nicht auch, daß Hieron das interessieren würde?«
»Hm«, machte Agathon, wobei er zum Zeichen seines Zweifels mit den Fingern wackelte. »Dumme, eingebildete junge Männer gibt’s zuhauf.«
»Möglich, aber bevor du mit Vater aufgetaucht bist, hat er genauso selbstbewußt über Katapulte gesprochen wie über Auloi. Und über Auloi weiß er wirklich Bescheid, Agathon. Da macht mir keiner was vor, das mußt selbst du zugeben.«
»Alles Angabe«, meinte Agathon kurz angebunden, »wie so mancher andere Mann, wenn er ein hübsches Mädchen trifft. Und was wäre der zweite interessante Punkt an Archimedes, dem Sohn des Phidias?«
»Er hat diese Berechnungen mehr geliebt als seine Augen.«
Plötzlich schnaubte Agathon vor Lachen. »Da hast du’s, ein echter Sohn seines Vaters. Phidias soll behauptet haben, Euklids >Ele-mente< wären bedeutender als die >Ilias< von Homer. Angeblich hat er auch den Göttern wegen einiger mathematischer Gestirnsbeobachtungen ein Dankopfer dargebracht.«
»Du weißt etwas über ihn?«
»Fast ganz Syrakus kennt Phidias, den Astronom. Ein kleiner Exzentriker mit einem gewissen Ruf, verstehst du? Unterrichtet auch. Der einzige Mensch in der ganzen Stadt, der höhere Mathematik lehrt. Der Herr hat damals für kurze Zeit bei ihm studiert, tja, muß so fünfzehn, zwanzig Jahre her sein.«
Delia starrte ihn an. Bei Agathon bezog sich das Wort »Herr« immer ausschließlich auf Hieron. »Das habe ich ja gar nicht gewußt!« rief sie.
»Warum solltest du auch?« fragte Agathon. »Ist lange her, noch bevor er mich gekauft hat. Aber der Herr hat einige Male gesagt, er hätte gern mehr Zeit, um bei Phidias Mathematik zu studieren. So waren’s nur ein paar Monate, verstehst du? Dann hat dein Vater nicht mehr für den Unterricht bezahlt, und der Herr ist zum Militär. Vermutlich erinnert sich Phidias nicht einmal mehr an ihn.«
Delia nickte. Diese Geschichte kannte sie nur zu gut. Ihr Vater hatte für die Erziehung seines Bastards bezahlt, allerdings nur, bis der Junge siebzehn war. Fürs Militär war Hieron ein Jahr zu jung gewesen - später kam er dann unfreiwillig dazu - und mußte sich selbst durch die Welt schlagen, mit außerordentlichem Ergebnis.
»Und warum bedauert es Hieron, daß er nicht länger studieren konnte?« fragte sie. »War Phidias ein sehr guter Lehrer?«
»Glaube ich nicht«, meinte Agathon, »nein, aber Könige können doch immer etwas mit Mathematik anfangen. Kriegsmaschinerie, Landvermessung, Bauten, Navigation.« Agathon hielt inne und starrte Delia an, bis seine mißbilligende Miene schließlich ganz verschwunden war. Er löste seine verschränkten Arme und rief: »Na schön! Du hast ja recht. Er würde sich für Archimedes, den Sohn des Phidias, interessieren. Wenn das Selbstbewußtsein dieses Burschen begründet ist, könnte er einiges wert sein.«