Zuerst gingen sie zum Bäcker und dann ums Eck zum Gemüsehändler. Argwöhnisch musterte sie die Gemüsehändlerin, eine dünne, boshafte Frau namens Praxinoa. Philyra kaufte Lauch und Oliven und bezahlte für alles mit einem von den ägyptischen Silberstücken ihres Bruders. Zuerst prüfte die Gemüsehändlerin das Geld, ehe sie es in ihre Schatulle legte und das Wechselgeld herausholte. »Hat sich dein Bruder schon wieder eingelebt?« erkundigte sie sich eifrig bei Philyra. Das Mädchen war überrascht.
»Sehr gut«, erwiderte Philyra. Sie wollte unbedingt, daß die Nachbarn den verbesserten Status der Familie zur Kenntnis nahmen, und fuhr fort: »Er hat schon eine Arbeit gefunden. Er baut Katapulte für den König.«
»Katapulte, tatsächlich?« fragte die Gemüsehändlerin. »Aha.« Nach einem vorsichtigen Blick in die Runde beugte sie sich näher zu ihrer Kundin und meinte mit leiser Stimme: »Vielleicht ist das dann die Erklärung. Kurz bevor du kamst, hatte ich hier einen Kerl, der hat sich nach deinem Bruder erkundigt.«
»Was?« fragte Philyra erstaunt und aufgeschreckt zugleich. »Wer?«
»Weiß ich nicht«, sagte Praxinoa genüßlich. »Nie vorher gesehen. War auch keiner aus der Nachbarschaft. War aber schick angezogen. Dachte mir, einer von ganz oben. Beamter. Muß mit diesen Katapulten zu tun haben. Sind doch strategisch wichtig, oder?« Ihre Augen glitzerten vor Skandalgier.
»Ja«, sagte Philyra und versuchte, energisch zu klingen, obwohl ihr Herz schneller klopfte. In Syrakus konnte ein Interesse von ganz oben sehr, sehr gefährlich sein. »Wahrscheinlich erkundigen sie sich nach jedem, der in der Katapultwerkstatt arbeitet.«
»In Alexandria tun sie’s jedenfalls«, warf Marcus beiläufig ein. »Hab’s dort selbst gesehen.«
Enttäuscht zog sich Praxinoa zurück. »Hat wohl in Alexandria Katapulte studiert, ja?«
Als sie wieder draußen vor dem Laden waren, schaute Philyra Marcus ärgerlich an. »Glaubst du wirklich, daß es ein Mann des Königs war, wegen der Katapulte?«
»Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, erklärte ihr Marcus.
Statt Ärger empfand sie nun Angst und - Verlegenheit, weil sie einen Haussklaven um Rat fragen mußte. »Sind die Leute in Alexandria auch gekommen, um über ihn Erkundigungen einzuziehen?«
Marcus zuckte die Schultern. »Nein, aber in Alexandria hatte er auch keinen Zutritt zu den königlichen Werkstätten. König Ptole-maios hält große Stücke auf seine Katapulte und würde Fremde nie auch nur in die Nähe lassen. Archimedes hat sich lediglich mit einem befreundeten Ingenieur ein paar Maschinen auf der Festungsmauer angeschaut. Aber Katapulte sind wirklich strategisch. Meiner Meinung nach besteht kein Grund zur Sorge.«
Philyra nickte, runzelte aber noch beim Weitergehen die Stirn. Phidias hatte nie irgendein beunruhigendes Interesse von höchster Stelle geweckt. Sicher, Phidias, hatte andererseits auch nie fünfzig Drachmen pro Woche verdient. Die Dinge änderten sich. Wenn sie doch nur mehr Zutrauen haben könnte, daß sich auch alles zum Guten verändern würde.
Archimedes genoß weltvergessen die Werkstatt. In der Vergangenheit hatte er seine Maschinen immer eigenhändig bauen müssen, wobei ihm häufig Marcus half und gelegentlich auch ein ungelernter Sklave, den er sich für eine spezielle Aufgabe ausborgte. Zwischen den interessanten Abschnitten des Maschinenbaus hatte es immer jede Menge zu sägen und zu hämmern gegeben und damit viele Blasen an den Händen. Jetzt mußte er nur sagen: »Ich möchte, daß dieser Balken, so und so groß, mit jenem verzapft wird«, oder: »Ich brauche eine eiserne Ladestockplatte in der und der Form, die genau in diese Öffnung paßt«, und binnen einer Stunde war alles fertig. Das nahm dem Maschinenbau die langweilige Seite und ließ nur das angenehm Kreative übrig.
Die ersten paar Tage in der Werkstatt trug er eine Leinenklappe über dem Auge, die er mit Delias Mundband festband. Wenn er zur Königsvilla ging, um die Fertigstellung des Katapults zu verkünden, würde er der Schwester des Königs ein neues Band überreichen. Das hatte er bereits beschlossen. Inzwischen durchfuhr es ihn jedesmal insgeheim, wenn er das alte festband. Trotzdem verriet er seiner Familie nicht, woher er den schmalen Lederstreifen hatte. Vermutlich würden sie es mißbilligen.
Er folgte seinem eigenen Rat und versuchte, Eudaimon aus dem Weg zu gehen, was natürlich nicht immer möglich war. Schließlich teilten sie dieselbe Werkstatt und die Dienste derselben Zimmerleute. Aber Eudaimon schien genauso glücklich zu sein, wenn er es vermeiden konnte, mit Archimedes zu sprechen, wie umgekehrt Archimedes, und einige Tage ging alles friedlich voran. Auf der Suche nach einem Katapult, dessen Maße er kopieren konnte, machte Archimedes einen Ausflug zu den nächstgelegenen Forts auf der Festungsmauer. Schließlich konzentrierte er sich auf einen Fünfzehn-Pfünder mit besonders ausgeprägter und exakter Wurfbahn und korrigierte dementsprechend die geschätzten Ausmaße seiner eigenen Maschine. Die Tatsache, daß sein Original viel kleiner war als seine Kopie, bereitete ein paar Probleme, die er mit Vergnügen löste. Der Ein-Talenter bekäme eine Armspannweite von fünfeinhalb Metern und würde über neun Meter lang. Damit war er zu schwer und zu stark, um mit den üblichen Methoden ausgerichtet oder gespannt zu werden. Also mußte er sich dafür ein System aus Rollen und Winden ausdenken, und das machte Spaß.
Eudaimon achtete nicht auf die Tätigkeit seines Rivalen, bis Archimedes bereits vier Tage am Katapult gearbeitet hatte und sich nun anschickte, den Ladestock auf der Lafette auszurichten. Jetzt aber kam der oberste Katapultingenieur herbei und schaute schweigend zu, wie der Balken - er war erst teilweise fertig und doch schon so dick wie ein Schiffsmast - mit Hilfe einer Seilkonstruktion über seiner dreifüßigen Lafette aufgehängt und vorsichtig abgesenkt wurde. Als Archimedes den Handwerkern ein Zeichen gab, sie sollten mit dem Absenken aufhören und ihre Taue sichern, erstarrte Eudaimon. Während der Balken ganz knapp über dem Bolzen schaukelte, begann Archimedes, seine ersten Zielgeräte anzubinden.
»Was ist das?« fragte Eudaimon barsch.
Nach einem schrägen Blick in seine Richtung - bei diesem Vorgang mußte er seinen ganzen Körper drehen, da sein Auge noch immer verbunden war -, fädelte Archimedes weiter seine Rollen auf. »Zur Unterstützung der drehbaren Lagerung«, sagte er.
»So etwas gibt es bei dem Fünfzig-Pfünder auf dem Fort Euryalus nicht!« fuhr ihn Eudaimon an. Es klang persönlich beleidigt.
»Wirklich nicht?« sagte Archimedes leicht verblüfft. »Wie wird er dann gedreht?«
»Hast du nicht hingeschaut?« meinte Eudaimon.
Archimedes schüttelte den Kopf. Während er sich vor Konzentration auf die Zunge biß, fädelte er ein Seil um eine Rolle, die oben auf dem Unterbau befestigt war, schlang es durch die Öse auf dem Ladestock und befestigte es dann wieder an einer Winde auf dem Unterbau. Erst danach wurde ihm klar, daß Eudaimon seine Frage nicht beantwortet hatte. Er schaute sich um.
Eudaimon stand noch immer hinter ihm und starrte ihn mit einer Mischung aus Schock und Empörung an. »Was ist los?« fragte Archimedes.
»Du hast dir den Fünfzig-Pfünder auf dem Euryalus also nicht angeschaut?« fragte der oberste Katapultingenieur.
»Nein«, sagte Archimedes. »Bis dort hinaus ist es ein weiter Weg, und außerdem habe ich weit näher dran eine Maschine nach meinem Geschmack gefunden.«
»Aber die Katapulte dort kommen größenmäßig deinem Konstruktionsversuch am nächsten!«
»Ja«, sagte Archimedes, »aber ich müßte sie immer noch vergrößern, und es ist genauso einfach, einen Fünfzehn-Pfünder zu vergrößern. Übrigens, wie dreht man sie denn?«