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Es herrschte Stille. Endlich sagte Epimeles, der Vorarbeiter der Werkstatt, ein großer, bedächtiger, leiser Mann in den Vierzigern: »Man dreht sie gar nicht. Zum Ausrichten braucht man ein paar kräftige Burschen, die dann den Unterbau bewegen.«

»Nun, was für ein Blödsinn!« stellte Archimedes fest und begann, seine zweite Rolle einzufädeln. Auf jeder Katapultseite war eine vorgesehen. Der Katapultschütze mußte lediglich auf der gewünschten Seite eine Winde drehen und mit Hilfe einer dritten Winde die Höhe justieren.

Als einer der Handwerker hämisch kicherte, achtete er nicht weiter darauf, erst als ein Schlag und dann ein Schmerzensschrei ertönte, schaute er aufmerksam hoch und sah gerade noch, wie Eudaimon mit großen Schritten fortging und sich ein Handwerker das Ohr hielt. Archimedes ließ sein Seil fallen und rannte hinter dem Oberingenieur her. Eudaimon blieb abrupt stehen und wirbelte mit zornesdunklem Gesicht herum.

»Du hattest kein Recht, den Mann zu schlagen!« fuhr ihn Archimedes wütend an.

»Ich laß mich nicht in meiner eigenen Werkstatt von meinen eigenen Sklaven auslachen!« schrie Eudaimon zurück.

»Das sind nicht deine Sklaven, sie gehören der Stadt. Du hattest kein Recht, ihn zu schlagen! Und außerdem, was hast du überhaupt damit zu schaffen? Schließlich hast du die Fünfzig-Pfünder doch nicht gebaut!«

»Ich bin hier verantwortlich!« erklärte Eudaimon. »Wenn ich will, kann ich diesen Kerl auspeitschen lassen. Vielleicht will ich das sogar. Elymos! Komm her!«

Der Mann, den er geschlagen hatte, trat vor Schreck einen Schritt zurück, und die übrigen Handwerker starrten den Oberingenieur entsetzt an.

»Das wagst du nicht!« schrie Archimedes empört. »Das laß ich nicht zu!« Er wandte sich an den Vorarbeiter. »Du, lauf die Straße hinauf und mach dem Regenten Meldung!«

»Glaubst du, Leptines möchte mit einem Werkstattstreit belästigt werden?« sagte Eudaimon.

»Wenn er auch nur einen Funken Ehrgefühl hat, dann schon!« antwortete Archimedes. »Er ist hier verantwortlich, und niemand sollte erlauben, daß einer den anderen auspeitschen läßt, wenn er nichts angestellt hat!«

»Ich werde dem Regenten Meldung machen «, sagte der Vorarbeiter entschlossen und schickte sich zu gehen an.

Der Vorarbeiter war genauso Sklave wie die übrigen Handwerker, aber ein wertvoller, erfahrener und vertrauenswürdiger Sklave, dessen Wort selbst im Hause des Königs einiges Gewicht besaß. Bestürzt befahl Eudaimon: »Halt!«

Epimeles drehte sich um und schaute Eudaimon seelenruhig an. »Herr«, sagte er, »ihr beide, du und. dieser edle Herr, seid berechtigt, die Werkstatt zu benutzen. Wenn du meinst, Elymos soll bestraft werden, und er dagegen nein sagt, liegt dann nicht die Entscheidung, wem wir gehorchen sollen, bei unserem Herrn und Meister?«

»Ich bin hier verantwortlich!« knirschte Eudaimon.

»In diesem Fall wird der Regent anordnen, daß wir dir gehorchen und Elymos auspeitschen lassen«, sagte der Vorarbeiter ruhig.

Wieder trat Stille ein, dann sagte Eudaimon: »So etwas habe ich nie befohlen.« Wütend starrte er alle an. »Das wißt ihr alle! So etwas habe ich nie befohlen.« Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging weg.

Langsam atmete der Vorarbeiter aus. Elymos stieß erleichtert einen Pfiff aus und setzte sich, während ihm seine Freunde auf die Schulter klopften. Auch Archimedes wollte schon dem Sklaven auf die Schulter klopfen, ließ es aber dann doch sein. Ihm war klar, daß er der Grund für das angedrohte Auspeitschen gewesen war. »Ist alles in Ordnung?« fragte er statt dessen, als er hinüberging.

Elymos nickte und grinste zu ihm hoch. »Besten Dank, Herr«, sagte er, »ich werde mir merken, wie du dich für mich eingesetzt hast.«

»Du hättest nicht lachen sollen«, erklärte ihm Epimeles streng, der gleichfalls herübergekommen war.

Zum Zeichen der Beschwichtigung senkte Elymos den Kopf. Eudaimon konnte vielleicht die Peitsche anordnen, aber in Wirklichkeit war Epimeles derjenige, der in der Werkstatt das Sagen hatte. »Konnte doch nichts dafür! War so lustig!« protestierte Elymos.

»Dabei war er noch nicht einmal schuld, daß sich diese Fünfzig-Pfünder nicht drehen lassen«, sagte Archimedes. »Er hat sie gar nicht gebaut.«

Bei dieser Bemerkung lachte Elymos erneut, aber diesmal noch lauter. »Das macht das Ganze ja nur noch komischer!«

Auch einige andere Handwerker lachten. Perplex starrte Archimedes sie an. Daraufhin stießen sie sich kichernd gegenseitig an. Jetzt begriff Archimedes, daß das Gelächter ihm galt, und wurde rot. Gekränkt ging er zu seinem Katapult zurück und begann schweigend, die Seile erneut einzufädeln. Immer hatte man ihn ausgelacht, und daran würde sich auch nichts ändern. Entweder verlor er sich in seiner Geometrie und damit jedes Gefühl für andere Dinge, oder er begeisterte sich für Sachen, die sie nicht verstanden, und dann lachten sie. Selbst Sklaven, die er verteidigt hatte, lachten ihn aus.

Elymos sprang auf und folgte ihm.

»Ach, Herr, sei doch nicht beleidigt!« sagte er. »Ist doch nur ein Werkstattscherz, nichts weiter.«

»Nun, ich habe ihn nicht kapiert!« entgegnete Archimedes zornig.

Erneut kicherte der Sklave. Aber nach einem scharfen Seitenblick wurde er wieder ernst. »Herr, ich kann das nicht erklären. Jedenfalls nicht dir. Witze sind nie komisch, wenn man sie erklärt. Aber bitte, Herr, sei doch nicht beleidigt. Ist doch nur. ein Sklavenscherz, das ist alles.« Eilends nahm er das dritte Seil und versuchte, es um eine Rolle zu winden.

»Das da nicht!« erklärte ihm Archimedes hastig. »Das gehört oben drauf. Nein - nein, laß die Finger davon! Wenn du schon helfen willst, dann geh und hol mir die Kreide!«

Kurze Zeit schaute der Vorarbeiter Epimeles noch zu, wie der massive Balken auf den Verbindungsbolzen in der Lafette gesetzt wurde. Archimedes hatte im voraus annähernd den Punkt des Gleichgewichts berechnet und befahl, hier entlang eine Reihe Löcher zu bohren. Es stellte sich heraus, daß der Ladestock am besten auf dem mittleren Loch die Balance hielt. Epimeles lächelte. Er wartete noch eine Minute länger, während sich die riesige Maschine als Antwort auf die Winden nach links und rechts drehte. Dann seufzte er und verließ zögernd das Gebäude. Er hatte einen langen Marsch vor sich.

Erst in der Dämmerung kehrte Epimeles auf die Ortygia zurück, begab sich aber nicht direkt in die Kasernen neben der Werkstatt, wo er und die anderen Handwerker lebten. Statt dessen ging er zum Haus des Königs und klopfte an die Tür.

Agathon öffnete - schließlich war das seine Aufgabe - und betrachtete mißmutig den Vorarbeiter der Werkstatt. »Dein Begehren?« wollte er wissen.

»Ich komme, um dir etwas zu zeigen«, erwiderte Epimeles gelassen.

Agathon schnaubte und bat ihn herein.

Gleich neben der Tür hatte der Türhüter seine Pförtnerloge, einen kleinen, aber gemütlichen Raum mit Liege, Teppich und einem steinernen Wasserkühler an der Innenwand. Mit einem Seufzer der Erleichterung setzte sich Epimeles auf das eine Ende der Liege und begann, seine Waden zu massieren. »Bin heute nachmittag bis zum Euryalus hinaufgegangen und wieder zurück«, erklärte er. »Ich könnte gut einen Becher Wein vertragen. «

Agathon zog ein noch mißbilligenderes Gesicht als sonst, nahm aber trotzdem einen Krug, der neben der Wand stand, goß etwas Wein in zwei Becher und fügte ein bißchen frisches, kühles Wasser aus dem Stein hinzu. »Warum sollte es mich interessieren, daß du droben im Euryalus warst?« fragte er, während er an seinem Wein nippte.

Epimedes trank seinen Wein beinahe in einem Zug, dann setzte er den Becher ab. »Weil ich wegen diesem Ingenieur dort oben war, um den wir uns in deinem Auftrag kümmern sollen«, sagte er. »Und das habe ich gefunden.« Er öffnete den kleinen Sack, den er bei sich trug, und zog eine dünne Kordelrolle heraus, die durch eine Reihe regelmäßiger, rot oder schwarz gefärbter Knoten unterteilt war.