Agathon musterte sie mit einem Pokergesicht, dann meinte er: »Was ist daran besonders, wenn ein Fort ein Maßband besitzt?«
Epimedes zog ein zweites Maßband aus dem Sack. Auf den ersten Blick schien es mit dem ersten identisch zu sein, nur älter und ein wenig ausgefranst und verfärbt. Er breitete beide Kordeln nebeneinander aus, und damit war sofort klar, daß die beiden ganz und gar nicht identisch waren. Die Abschnitte der neuen Kordel waren kürzer als bei der alten. »Diese gehört mir«, meinte Epimeles, wobei er die alte Kordel berührte. »Die ist genau.«
Ohne eine Miene zu verziehen, betrachtete Agathon beide Kordeln.
»Du weißt doch, daß man beim Katapultbau unbedingt darauf achten muß, daß alle Teile exakt im richtigen Verhältnis zum Bohrloch stehen?« fragte Epimeles listig. »Dazu nimmt man ein funktionierendes Katapult, vermißt es und reproduziert es im selben Maß oder vergrößert bzw. verkleinert es.«
»Meines Wissens habe ich davon gehört«, sagte Agathon, obwohl er in Wirklichkeit nicht allzuviel von Katapulten verstand. Aber das wollte er keinesfalls zugeben. Jedenfalls verstand er genug, um die ganze Tragweite der Kordelaffäre zu begreifen. »Du willst damit andeuten, Eudaimon habe das hier auf dem Euryalus liegen gelassen«, er deutete auf das neue Maßband, »damit jeder, der die Maschinen vermißt, falsche Zahlen bekommt, also auch jedes nach diesem Vorbild gebaute Katapult nicht funktioniert?«
Epimeles nickte. »Schau«, sagte er, »die beiden Fünfzig-Pfünder auf dem Euryalus sind zur Zeit die größten Katapulte der Stadt. Eudaimon nahm an, Archimedes würde sie vermessen und daraus die notwendigen Vergrößerungen ableiten, um noch einmal zehn Pfund mehr schleudern zu können. So hätte er jedenfalls selbst den Bau eines Ein-Talenters angepackt. Heute nachmittag stellte sich nun heraus, daß sich Archimedes nicht die Mühe gemacht hatte, zum Euryalus hinauszugehen, sondern statt dessen seine Maße von einem kleinen Fünfzehnpfünder ganz in der Nähe abgenommen hatte. Eudaimon war.« zögernd suchte der Vorarbeiter nach Worten, dann sagte er, »empört, schockiert und enttäuscht. Als ich das sah, dachte ich mir, ich gehe mal zum Euryalus hinauf und schaue, was er im Schilde geführt hat. Und peng - habe ich das da im Geräteraum gefunden. Alle Burschen im Fort haben bestätigt, daß dort ihr altes Maßband aufbewahrt wurde, aber dies hier ist neu, und sie hatten keine Ahnung, wie es dort hingekommen war. Allerdings erinnerten sie sich noch daran, daß Eudaimon vor vier Tagen am Nachmittag herausgekommen war.«
»Ich verstehe«, sagte Agathon grimmig.
Das Beweisstück reichte nicht aus, um einen Mann des Verrates zu überführen, das wußten sie beide, aber es könnte eine Tretmine sein, ein Fragezeichen, ein Stein im Schuh. Es könnte Eudaimon weh tun.
Epimeles schob dem Türhüter die Kordel zu. »Ich dachte, du solltest dich darum kümmern.«
Gedankenvoll nickte Agathon, hob das falsche Maßband auf und begann, es um die Hand zu wickeln. »Es überrascht mich, daß du den ganzen weiten Weg zm Euryalus gemacht hast, um danach zu suchen«, sagte er. Die Festung lag genau am entgegengesetzten Ende der Stadt, zehn Kilometer von der Ortygia entfernt.
Bei dieser Bemerkung grinste Epimeles. »Ich wäre doppelt so weit gelaufen, wenn ich deinem Burschen damit zur Oberaufsicht über die Katapulte verholfen hätte. Und die bekommt er doch, oder?«
Verblüfft schaute Agathon auf.
»Nun, du weißt doch, daß er gut ist!« sagte Epimeles, der seinerseits von der fragenden Miene überrascht war. »Auf deinen Auftrag hin sollten wir uns um ihn kümmern und sicherstellen, daß niemand bei seinem Ein-Talenter dazwischenfunkt. Und wir haben rasch kapiert, warum. Er ist so gut, daß ihm nicht einmal klar ist, wie gut er ist. Dieser Ein-Talenter - weißt du eigentlich, was er damit angestellt hat? Klar, der kleine Fünfzehn-Pfünder, den er kopiert hat, läßt sich drehen, also hat er sich ein Windensystem ausgedacht, damit sich auch der Große drehen läßt. Als ich ihm sagte, daß sich die Fünfzig-Pfünder auf dem Euryalus nicht drehen lassen, hat er nur erstaunt geschaut und gemeint: >Nun, das ist aber blöd!<«
Epimeles lachte. Agathon musterte ihn ärgerlich und fragte: »Ist es das denn?«
»Die Leute werden es jedenfalls von nun an behaupten, stimmt’s? Aber bisher hat noch keiner erwartet, daß sich irgend etwas drehen läßt, das größer ist als ein Vierzig-Pfünder. Archimedes hat ganz beiläufig ein völlig neues System erfunden, mit dem sich große Maschinen zielgenau ausrichten lassen - und er weiß es nicht einmal! Der Entwurf fiel ihm leichter als ein Marsch auf den Euryalus, um nachzusehen, wie es andere vor ihm gemacht haben. Einige Burschen mußten darüber lachen, und er hat nicht einmal den Grund dafür verstanden. Beim Zeus! Eudaimon tut mir fast schon leid. Er hat noch nie ein Katapult gebaut, das nicht stückweise von einem anderen Katapult kopiert worden war. Und wenn er keine exakten Maßangaben bekommt - und bei den großen Maschinen fällt jede ein wenig anders aus -, ist er auf Vermutungen angewiesen. Dann plagt er sich ab, rennt in der ganzen Stadt herum und versucht, herauszufinden, welches die richtigen Zahlen sind. Archimedes setzt sich hin, kritzelt eine halbe Stunde herum und hat die perfekte Zahl in den Händen. Beim Zeus! Eudaimon erinnert mich an einen kleinen, ortsansässigen Sportlehrer, der jedes Jahr hart trainiert und dann mühsam den dritten oder vierten Platz bei den Stadtspielen erreicht. Und jetzt versucht er gegen einen Kerl anzutreten, der selbst in Olympia siegen könnte, ohne recht viel Schweiß zu vergießen. Er ist nicht gut genug, um im gleichen Wettbewerb anzutreten. Und er ist nicht einmal so gut, daß er es einsieht!«
»Also betrügt er«, schloß Agathon nachdenklich.
»Natürlich tut er das«, stimmte Epimeles zu. »Denk daran, das würde er bei jedem Gegner tun, und ich kann es ihm nicht einmal sonderlich verübeln. Wenn er seine Arbeit verliert, wo soll er hin? Schließlich hat auch er eine Familie, die von ihm abhängt.«
»Er tut dir fast schon leid?«
Der Vorarbeiter senkte den Blick. »Nein«, sagte er ruhig, »er tut mir wirklich leid. Trotzdem will ich ihn nicht in verantwortlicher Position sehen. Niemand baut gern schwache Katapulte, die sich überschlagen oder nicht geradeaus schießen können. Dagegen dieser Ein-Talenter - das wird mal ein echter Zeus, ein Blitzeschleuderer. Das spürt man schon beim Anschauen. Die ganze Werkstatt dreht sich um ihn wie um einen Strudel. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich ihn nur anfasse.« Er hielt inne, dann fügte er hinzu: »Aber mach dir keine Sorgen, niemand wird jetzt mehr diese Maschine antasten. Dafür werden wir schon sorgen, die Burschen und ich.«
»Hat dich Archimedes um Bewachung gebeten?«
Epimeles zog ein beleidigtes Gesicht. »Glaubst du, wir müssen uns von ihm darum bitten lassen? So ein göttliches Ding? Dieses Katapult ist schließlich genauso unser Werk! Aber nein, er hat uns nicht gefragt. Meiner Meinung nach hat er noch nicht einmal begriffen, daß er Eudaimon um seine Arbeit bringt. Genausowenig wie es ihm in den Sinn gekommen ist, daß Eudaimon das Katapult zerstören könnte, um ihm weh zu tun. Er nimmt Eudaimon nicht einmal besonders wahr, aber das macht er ja mit allen Leuten so. Und wenn er jemanden nicht mag, nimmt er ihn noch weniger zur Kenntnis. Wenn er’s doch tut, ist er freundlich, und er behandelt auch die Burschen ordentlich. Bei der Zusammenarbeit mit ihm wird’s keine Probleme geben.« Bei dieser Aussicht mußte er grinsen und trank seinen Weinbecher aus. »Wirst du das da«, er deutete auf das Maßband, »dem Regenten zeigen?«
Nachdenklich sog Agathon eine Minute lang die Luft zwischen den Zähnen ein, dann schüttelte er den Kopf. Er hielt nicht viel von Leptines. »Ich werde warten, bis der Herr nach Hause kommt«, sagte er. »Es wird ihn sehr interessieren.«