Archimedes leckte sich die Lippen. Woher hatte der Türhüter gewußt, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte? Und wie sollte er es ihm erklären, ohne respektlos zu erscheinen? Er betastete das Päckchen in der Mantelfalte. »Ich, äh«, setzte er nervös an. »Als ich, äh, das letzte Mal hier war, habe ich mir ein Auge verletzt. Die, äh, Schwester des Königs war so freundlich und hat mir ihr wassergetränktes Aulosband zum Auflegen gegeben. Ich möchte ihr das Band wiedergeben und mich für ihre Freundlichkeit bedanken.« Er zerrte das Päckchen heraus - ein kleines Bündel, ordentlich in ein Papyrusblatt gewickelt - und zeigte es Agathon.
Ohne eine Miene zu verziehen, schaute ihn Agathon an. Er war unentschlossen. Sollte er das Päckchen nehmen und versprechen, daß er es mit dem Dank übergeben würde? Die Aussicht auf das enttäuschte Gesicht des jungen Hoffenden war zu verlockend. Aber er entschied sich dagegen. Der Bericht von Epimeles über die Talente des Archimedes hatte ihn tief beeindruckt, obwohl seine Bewunderung diesbezüglich voll und ganz Delia galt und nicht dem Mann, den sie entdeckt hatte. Auch Hieron besaß die Gabe, sich immer Männer auszusuchen, die ihm nützlich sein konnten, und das fand Agathon einfach wunderbar. Er fand, Delia verdiente, zu hören, wie sich ihre Entdeckung entwickelte. »Na schön«, meinte er nachsichtig, »hier entlang.«
Er geleitete den Besucher durch den vorderen Teil des Hauses, am Vorzimmer vorbei, und in den Garten mit dem Brunnen hinaus, wo er ihm zu warten befahl. Eigentlich grenzte der Garten an die Frauengemächer des Hauses, und alle Männer, die nicht zum Haushalt gehörten, durften nicht weiter hinein. Agathon verschwand im Haus.
Abwartend stand Archimedes neben dem Brunnen. Es war ein heißer Tag, und der schwere, unbequeme, gelbe Mantel juckte selbst im Schatten des Gartens. Immer wieder kratzte er sich, bis er schließlich zum Brunnen hinüberging und sich ein bißchen Wasser ins Gesicht spritzte. Aus der Säulenhalle hinter ihm drang das Geräusch von leisen Schritten. Mit tropfnassem Gesicht schaute er hoch und sah, wie Delia in Begleitung von zwei Frauen und einem Kind auf ihn zukam. Eine der Frauen trug die schmucklos biedere Kleidung der Sklaven, während die andere - eine gutaussehende Frau um die Dreißig - eine lange, purpur- und goldfarbene Tunika anhatte und die rotbraunen Haare zum Zeichen der königlichen Würde mit einem purpurfarbenen Band zurückgebunden hatte.
Er hatte sich genau überlegt, was er sagen würde, wenn Delia auftauchte, aber beim Anblick der in Purpur gehüllten Frau hatte es ihm die Sprache verschlagen. Wie benommen starrte er sie an. Er hatte nicht erwartet, daß er sich noch einmal mit der Schwester des Königs unter vier Augen unterhalten durfte. So naiv war er nicht gewesen, aber genausowenig hatte er eine Königin als Anstandsdame erwartet. Natürlich überlegte er, war ja gar nichts Ungewöhnliches dabei, daß Delia eine solche Begleitung hatte. Schließlich war sie die Schwägerin der Königin. Vermutlich verbrachten sie viel Zeit miteinander. Aber der Anblick seiner Flötenspielerin und ihrer königlichen Eskorte ließ ihn spüren, wie töricht seine Gedanken an sie gewesen waren.
Dann lächelte Delia, und sofort dachte er wieder genauso an sie wie immer.
»Archimedes, Sohn des Phidias, gute Gesundheit!« sagte Delia freundlich. »Agathon meinte, du möchtest dich bei mir für etwas bedanken?«
Er erinnerte sich ganz genau an seine Rede. Im wesentlichen hatte sie soeben den ersten Satz daraus wiedergegeben. Also versuchte er zu überlegen, wie er sie auf der Stelle umschreiben konnte, ließ es dann aber errötend bleiben. »Äh, ja, ich - das heißt, du hast dein Mundband ruiniert, als du es mir gegeben hast -, ich meine, als du es naß gemacht hast. Ich, äh.« Seine Kehle war wie zugeschnürt. Dann gab er auf und streckte ihr nur das kleine Päckchen in seiner Papyrushülle hin.
Die Königin musterte ihn amüsiert, das Kind, ein Junge, starrte ihn unverwandt an, wie es nur Fünfjährige können. Aber Delia nahm das Päckchen mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, wickelte es aus und hielt dann beide Mundbänder hoch. Durch das Wasser hatte sich das alte ein wenig verfärbt, wenn auch nicht schlimm. Das neue war das beste, was er kaufen konnte: angenehm im Tragen und doch kräftig, ein weiches Leder, dessen Außenseite mit einem blauen Mäandermuster verziert war.
»Wie reizend von dir«, sagte Delia. Sie war wirklich begeistert. Das alte Mundband war ihr einzig unverziertes gewesen. Punzierte oder bestickte hatte sie genug, aber die Stickerei juckte immer, und die Prägung drückte sich in die Wangen, wenn man fester blies, und lenkte sie ab. Dieses Band konnte nur ein Aulist ausgesucht haben, das konnte sie tragen. Sie warf Archimedes einen warmen Blick zu. Heute morgen sah er wesentlich weniger schmutzig und schäbig aus, dachte sie bei sich. Eigentlich sah er sogar ganz gut aus. Gelb stand ihm. Er hatte nette, hellbraune Augen und ein nettes, längliches, ausdrucksvolles Gesicht.
»Ich konnte nicht zulassen, daß du wegen mir etwas verlierst, meine Dame«, sagt er. Inzwischen hatte er sich wieder ein wenig gefaßt. »Danke für deine Leihgabe.«
»Geht’s deinem Auge besser?« Sie hatte sich bereits selbst davon überzeugen können. Der blaue Fleck rings um die Augenhöhle wurde zwar allmählich blasser, war aber immer noch sichtbar, und im Auge selbst war ein böser, roter Striemen geblieben.
»Wesentlich besser, danke«, antwortete er, dann schluckte er und verstummte betreten.
Delia spürte, wie sich ihre Schwägerin zur Konversation anschickte. Als Agathon Archimedes angekündigt hatte, hatte sie der Königin erklärt, daß es sich um einen Katapultingenieur handelte, der zufällig Aulos spielte, und daß sie sich bei seinem letzten Besuch ein wenig übers Flötespielen unterhalten hatten. Jetzt schickte sich Philistis ganz bestimmt an, ein paar Worte zum Thema Flöte zu sagen, denn Kriegsmaschinen konnte sie nicht ausstehen.
Der kleine Junge kam ihr zuvor. »Delia hat gesagt, du machst Katapulte«, sagte er in vorwurfsvollem Ton zu Archimedes.
Archimedes blinzelte ihn an. Das Kind hatte rotbraune Locken und die haselnußbraunen Augen der Königin. Es war bekannt, daß Hieron einen Sohn hatte: Gelon. Zweifelsohne handelte es sich bei dem pummeligen Jungen um diesen Sohn, der der nächste Tyrann von Syrakus werden würde, falls nicht die Demokratie oder die Römer dazwischenkamen.
»Ja«, antwortete er höflich, »ich habe gerade eines fertig gebaut.«
»Ich mag Katapulte«, sagte Gelon begeistert. Da merkte Archimedes, daß er mit seinem vorwurfsvollen Ton nur auf sich aufmerksam machen wollte. »Ist es groß? Wirft es Steine, oder schießt es Pfeile? Wie weit kann es werfen?«
»Es ist ein Ein-Talenter, eine Steinschleuder«, antwortete Archimedes. »Größer als derzeit alle anderen Katapulte in der Stadt. Nur beim Heer steht noch ein gleich großes. Ich weiß nicht genau, wie weit es werfen wird, weil wir es noch nicht ausprobiert haben. Ich bin hierhergekommen, um den Reg. deinen Großvater zu fragen, wann und wo ich es testen soll.«
»Wie schwer ist denn ein Talent?« wollte Gelon wissen.
»Schwerer als du, mein Gelonion«, sagte die Königin. »Jetzt reicht’s aber mit Katapulten!«
»Das ist aber groß!« rief der kleine Gelon begeistert und beachtete seine Mutter gar nicht. »Vielleicht könntest du mich mit dem Katapult schießen, wenn’s irgendwo einen weichen Platz zum Landen gäbe. Dann könnte ich wie ein Vogel durch die Luft sausen!«
Die Sklavin - offensichtlich seine Amme - schnalzte entsetzt mit der Zunge. »Kindchen, vergiß diesen Gedanken!« rief sie. »Mein liebes Lämmchen, das würde dich umbringen!«
»Ich sehe nicht ein, wie mich das Fliegen umbringen kann!« antwortete Gelon indigniert.
»Das Fliegen nicht«, erklärte ihm Archimedes, »aber der Wurf selbst. Überleg maclass="underline" Mein Ein-Talenter müßte ein sechzig Pfund schweres Gewicht hundertzwanzig oder sogar hundertfünfzig Meter weit schleudern, und das Geschoß soll so hart aufschlagen, daß es steinerne Zinnen durchbrechen und Häuser zertrümmern kann. Überleg mal, was der Stein fühlt, wenn ihn die Sehne trifft!«