Выбрать главу

Hieron seufzte. »Was immer das Schicksal bestimmt, mein Freund. Dennoch hoffe ich, daß mir die Römer bessere Bedingungen anbieten werden als bei Messana, sobald sie sich die Zähne an unseren Verteidigungslinien ausgebissen haben.«

Lange Zeit saß Agathon schweigend da. Es war die nackte Hoffnung, die da sprach, und eine schwer begrenzte obendrein. »Dann gibt das Bündnis also keinen Anlaß zur Hoffnung mehr«, sagte er schließlich, »jedenfalls keine Hoffnung auf Sieg.«

»Die Hoffnung bleibt uns immer«, erwiderte Hieron gelassen, »aber ich erwarte nichts, nein. Karthago hat noch keine Bedingungen mit Rom ausgehandelt und sich nicht offen gegen uns gestellt. Und solange das so bleibt, werde ich in der Öffentlichkeit so tun, als ob es unser fester Verbündeter wäre. Aber die Karthager hatten eine Flotte, die eigentlich die Meerenge bewachen sollte. Offensichtlich ist es ihnen nicht gelungen, die Römer vom Übersetzen nach Sizilien abzuhalten. Und während wir Messana belagert haben, haben die Römer mit mir und mit den Karthagern verhandelt - jeweils getrennt. Als ich meinem verbündeten Oberbefehlshaber den Vorschlag machte, ich würde jemanden als Beobachter zu seinen Verhandlungen schicken und er umgekehrt zu meinen, hat er es abgelehnt. Und als uns die Römer angriffen, haben die Karthager keinen Finger gerührt. Agathon, der Feind, verfügte über zwei Legionen - zehntausend der wildesten Krieger der Welt. In Windeseile machten sie einen Ausfall aus der Stadt und griffen unseren Belagerungsring an. Wir haben sie abgewehrt und den halben Weg wieder Richtung Stadtmauer zurückgetrieben. Wenn die Karthager die Römer bei ihrem Rückzug von der Flanke her angegriffen hätten, wäre es ein echter Sieg gewesen, aber sie haben nichts gemacht - gar nichts! Haben nur ihre Truppen zur Verteidigung des eigenen Lagers aufgezogen und sich dann hingestellt und zugeschaut. Oh, ja, nachher sandte Hanno einen Boten, um mir zu meinem Sieg zu gratulieren, und erklärte, ihm hätte die Zeit gefehlt, um seine Streitkräfte aufzustellen. Aber seit diesem Gefecht war absolut klar, wie Hanno diesen Krieg zu führen gedenkt. Er hofft, daß er uns benutzen kann, um die Römer zu schwächen, die Römer, um uns zu zerbrechen, und wenn alles vorbei ist, Sizilien für Karthago zu beanspruchen. Deshalb bin ich im Schutz der Dunkelheit abgezogen und heimgekommen.

Mein lieber Agathon, erzähle keinem ein Sterbenswörtchen davon. Solange die Chance besteht, daß Karthago mein Verbündeter bleibt, werde ich es so bezeichnen. Und vielleicht ändert sich doch noch etwas in Karthago selbst. Es gibt immer Parteien. Ich habe dort einige Freunde und Hanno ein paar Feinde.«

»Welche Bedingungen haben die Römer bei Messana angeboten?« fragte Agathon trübe, denn beiden war klar, daß Syrakus ohne die Hilfe Karthagos bestenfalls aufs nackte Überleben hoffen konnte.

»Dieselbe, die sie ihren italienischen >Verbündeten< anbieten«, erwiderte Hieron wegwerfend. »Wir akzeptieren eine Besatzung und schicken ihnen im Kriegsfall Hilfstruppen. Ach ja, und bezahlen fünfhundert Silbertalente an die Römer zur Entschädigung für ihre Mühe und Ausgaben beim Krieg gegen uns. Ein höchst unliebsamer Zeitgenosse, dieser Appius Claudius.« Wieder trank er einen Schluck Wasser. »Irgendwelche Anmerkungen?«

Agathon seufzte unglücklich und rieb sich die Nase. »In der Stadt geht das Gerücht um, daß uns die Karthager betrogen haben.«

Hieron schnaubte reuevoll. »Hat aber nicht lange gedauert, bis sie’s herausbekommen hatten! Ich hoffe sehr, es kommt trotzdem nicht zur Panik?«

»Nein, Herr, sie haben gesehen, daß du dich so benimmst, als ob es keinen Grund zur Sorge gäbe. Und außerdem hoffen sie noch immer. Vermutlich ist es richtig, wenn du ihre Ängste nicht noch bestätigst.«

»Ich bin ja so froh, daß du meiner Meinung bist! Soll ich dir mal verraten, worauf sich meine Hoffnung für das Überleben der Stadt gründet?«

Agathon nickte stumm. Hieron schaute in seinen halbleeren Wasserbecher und meinte leise: »Mauern, Agathon, Mauern und Katapulte. Auf offenem Felde sind die Römer fast nicht zu schlagen, aber für die Belagerungstechnik fehlt ihnen die nötige Erfahrung. Sollen sie ruhig Syrakus belagern und vor unseren Mauern sterben. Sollen sie begreifen, wieviel es sie kostet, wenn sie uns zerbrechen wollen. Und dann sollen sie uns akzeptable Bedingungen stellen.« Er leerte den Becher.

»Also das ist der Grund für dein Interesse an Archimedes, dem Sohn des Phidias.«

»Ich würde mich unter allen Umständen für ihn interessieren«, sagte Hieron, während er aufstand und seinen Becher abstellte. »Wenn ich nicht interessiert wäre, die besten Ingenieure zu haben, die es gibt, würde ich es nicht verdienen, König zu sein. Allerdings gebe ich zu, daß es mich momentan schon aufheitert, wenn ich den Burschen nur sehe. Die Römer sind keine großen Katapulte gewöhnt, bereits ein Ein-Talenter wird sie fürchterlich erschrecken - soweit sie überhaupt etwas im Krieg erschrecken kann. Und das ist schätzungsweise nicht allzuviel.« Er gähnte, streckte sich und setzte leichthin hinzu: »Und außerdem spielt er gut Flöte.«

8

Der Zustand von Phidias hatte sich erneut verschlechtert. Er schlief die meiste Zeit und ließ sich kaum aufwecken. Und wenn er dann wach war, war er oft verwirrt und begriff nicht, wo er sich befand oder was man von ihm wollte. Zum großen Kummer von Archimedes wußte er es anscheinend nicht einmal zu schätzen, daß das Katapult seinen Test bestanden hatte und sein Sohn in der Lage war, die Familie zu versorgen. Hierons Leibarzt war tatsächlich auf Visite gekommen, aber selbst er hatte nichts anderes tun können als zuvor schon der Hausarzt der Familie. So hatte er nur eine Arznei dagelassen, die Phidias nehmen konnte, wenn er Schmerzen haben sollte.

Trotzdem brachte es Archimedes nicht übers Herz, die Hoffnung aufzugeben. Jeden Morgen und jeden Abend ging er ins Krankenzimmer, um nach seinem Vater zu sehen. Er versuchte, ein Gespräch zu beginnen, und wenn das nicht möglich war, setzte er sich einfach hin und rechnete oder spielte Musik, während Phidias schlief.

Zwei Tage nach dem Bankett, am Tag der Vorführung, ging er wie üblich morgens ins Krankenzimmer, wo er seinen Vater schlafend vorfand. Er setzte sich auf die Liege, ergriff die bis aufs Skelett abgemagerte Hand und strich ihm die dünnen, weißen Haare zurück. »Papa?« sagte er. Da wachte Phidias auf und lächelte ihn still an.

»Ich gehe jetzt zum Hafen hinunter«, erklärte er seinem Vater. »Ich liefere dem König einen Beweis für Mechanik.«

Plötzlich klammerte sich die zerbrechliche Hand an ihn. »Geh nicht fort!« bettelte Phidias.

»Ist doch nur für ein, zwei Stunden«, sagte Archimedes.

»Bitte, Medion, geh nicht nach Alexandria!«

»Papa! Das tue ich nicht, ganz gewiß nicht. Ich führe lediglich im Hafen einen Beweis durch. Anschließend komme ich heim und schaue, wie’s dir geht.«

»Bitte, geh nicht wieder fort!« flüsterte Phidias, als ob er nichts gehört hätte, und dann noch leiser: »Kümmere dich an meiner Stelle um deine Mutter und deine Schwester.«

»Das werde ich, Papa«, sagte Archimedes, »ich verspreche es.«

Er blieb noch ein paar Minuten, wo er war, bis sein Vater endlich die verkrampfte Hand löste und wieder einschlief. Ganz vorsichtig stand er auf, um ihn nicht zu wecken, und betrachtete von oben kritisch das gelbe Gesicht. War es Einbildung, oder wirkte die Haut tatsächlich durchsichtig? War neben dem flachen Atem ein Keuchen zu hören, das vorher nicht dagewesen war?

Arata kam herein. Archimedes hatte sie zu seiner Vorführung eingeladen. Sie hatte ihr bestes Gewand angezogen und war schon zum Gehen bereit, aber nach einem Blick auf das Gesicht ihres Mannes rückte sie ihren Stuhl von der Wand und setzte sich, um bei ihm zu wachen. »Ich möchte ihn heute morgen nicht allein lassen«, erklärte sie ihrem Sohn. »Nimm Philyra mit.«