Blinzelnd schaute Archimedes zum Schiff zurück, von dem gerade die Wachen heruntersprangen. »Dazu müßte man es erst mit Gewalt die Gleitbahn hinunterschieben«, sagte er entschuldigend. »Und außerdem müßte ich, äh, noch einige Räder verändern.«
Sofort wandte sich Hieron an seine Garde. »Dionysios!« brüllte er. »Hol ein paar Freiwillige und schiebt es wieder hinunter! Diesmal werde ich es heraufziehen!«
»Ich auch!« schrie der kleine Gelon und rannte zu seinem Vater.
»Du kannst mir helfen«, erlaubte ihm der König und hob den Jungen hoch. »Na, los, Obermechaniker, du kannst uns erklären, wo wir ziehen müssen.«
Das Schiff wurde so oft die Gleitbahn hinauf und hinunter bewegt, bis schließlich der Vorarbeiter der Werft heraufkam und den König bat, er möge nicht den Kiel eines tadellosen Schiffes ruinieren. Der König bewegte es, Dionysios bewegte es, und die Leute kämpften sich durch die Menge, um abwechselnd am Seil zu ziehen. Archimedes erklärte das Prinzip des Flaschenzuges so oft, bis er schließlich den Überblick verlor. Geraume Zeit verging. Erst dann fiel ihm auf, daß er Kallippos zum letzten Mal gesehen hatte, als er das Seil in die Hand genommen hatte. Suchend warf er einen Blick in die Runde. Doch statt des Ingenieurs sah er Chrestos, der soeben erhitzt und außer Atem am Rand der Menge auftauchte. Bestürzt starrte ihn Archimedes an, dann bahnte er sich einen Weg durch die verblüffte Menge bis zu dem Platz, wo der Sklave stand.
»Was ist passiert?« wollte er wissen. »Hat dich meine Mutter geschickt?«
Der Junge war vom Laufen so außer Atem, daß er nicht sprechen, sondern nur noch nicken konnte.
»Ist das dein Sklave?« erkundigte sich Hieron ruhig.
Verständnislos starrte ihn Archimedes an. Er hatte nicht gemerkt, daß ihm der König gefolgt war. Dann nickte er und sagte: »Ich habe meine Mutter gebeten, ihn zu schicken, falls mein Vater.«
»Sie sagt.«, keuchte Chrestos, »du sollst. so schnell. wie möglich kommen.«
Die Welt wurde kalt, auch wenn die Sonne noch so heiß brannte, und die Zeit schien stillzustehen.
»Du kannst mein Pferd haben«, sagte der König.
Archimedes schaute dem König in die Augen. Ein Gefühl grenzenloser Dankbarkeit durchflutete ihn. Ein Mitmensch hatte seine Situation ohne jede weitere Erklärung verstanden. »Ich kann nicht reiten«, stieß er erstickt hervor. »Ich werde laufen. Aber, königlicher Herr, meine Schwester.« Er wußte nicht einmal genau, wo sie war. Zuerst war sie noch neben ihm gestanden, aber jetzt fiel ihm auf, daß sie vor einiger Zeit mit Marcus und Agatha fortgegangen war. Vermutlich saß sie irgendwo im Schatten, aber wo? Sie konnte nicht rennen, nicht in dem dicken Mantel und der langen Tunika, aber auch sie sollte jetzt nach Hause kommen, wenn ihr Vater. Sie durfte nicht allein im Hafen zurückbleiben.
»Ich werde mich darum kümmern, daß deine Schwester so schnell wie möglich nach Hause kommt«, sagte Hieron gelassen.
»Ich danke dir!« rief Archimedes bewegt, drehte sich um und begann, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, die wie ein Wasserwirbel hinter dem König herstrudelte. Sobald er ein Stück leeres Pflaster vor sich hatte, fing er zu rennen an.
Philyra saß in einem der Bootshäuser auf einer Taurolle und aß verzagt ihr Picknick, das sie ursprünglich mit ihrem Bruder teilen wollte. Draußen brodelte noch immer die lärmende Menge. Die Festtagslaune hatte einen wilden Unterton bekommen, und sie fühlte sich, als ob ihr ganzes bisheriges Leben aus den Fugen geraten wäre. Mutig redete sie sich ein, wie gut und wunderbar es war, daß Archimedes in seiner neuen Karriere echten Erfolg haben würde. Und daß die Vorahnung, die ihr wie ein Stein im Magen lag und ihr den Appetit an dem mitgebrachten Essen geraubt hatte, grundlos war. Aber ihre anfängliche Heiterkeit und der Stolz waren unwiderruflich dahin. Von nun an würde sich alles ändern. Allmählich wurde ihr bewußt, wie gern sie den früheren Zustand gehabt hatte.
Ein Soldat kam ins Bootshaus und blieb abrupt stehen. Philyra hatte vor dem Hinsetzen ihren heißen Mantel ausgezogen. Jetzt packte sie ihn und war erleichtert, als Marcus sofort aufsprang und sich zwischen sie und den Soldaten stellte.
»Ist diese Dame die Tochter des Astronomen Phidias?« fragte der Soldat. Statt ein unverheiratetes Mädchen direkt anzusprechen, wandte er sich korrekt an Marcus.
Mißtrauisch nickte Marcus.
»Bitte, komm mit mir«, sagte der Soldat.
Eilends legte sich Philyra den Mantel um, während die Sklaven das Essen wieder in den Korb beförderten. Dann folgten sie dem Soldaten auf den sonnenbeschienenen Kai hinaus.
Soeben schob man das Schiff vorsichtig wieder ins Wasser, und auch die Menge zerstreute sich allmählich. Der Soldat geleitete sie zu einem Offizier mit scharlachrotem Mantel und salutierte. »Das ist die Dame, Herr!« sagte er. Züchtig hielt sich Philyra einen Mantelzipfel vors Gesicht. Der Offizier war derselbe, der schon einmal bei ihnen zu Hause gewesen war: der Hauptmann der Ortygiagarnison. Dionysios, so hieß er doch. »Der König möchte dich sprechen, gnädige Dame«, teilte er ihr in respektvollem Ton mit. »Bitte, komm mit mir.«
Nervös sah sich Philyra um. Sie suchte ihren Bruder, der aber nirgends zu sehen war. Neben ihr zog Marcus ein finsteres Gesicht.
König Hieron stand neben seinem weißen Roß. Sein Sohn saß mit selbstzufriedener Miene im Sattel, während seine Frau und die Dame in Rot - jemand hatte gesagt, sie sei die Schwester des Königs -neben der Sänfte warteten. Als man Philyra heranführte, trat der König nach vorne und neigte huldvoll den Kopf. »Gnädige Dame«, sagte er ernst, »ich bedauere es sehr, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Man hat deinen Bruder zu seinem Haus zurückgerufen. Offensichtlich hat sich der Zustand deines kranken Vaters plötzlich verschlechtert.«
In dem Moment vergaß Philyra alle Scham, ließ den Schleier fallen und starrte Hieron schockiert an.
»Ich habe ihm versprochen, dafür zu sorgen, daß du so rasch wie möglich nach Hause geleitet wirst«, fuhr der König fort. »Und meine geschätzte Frau hat sich freundlicherweise angeboten, dich in ihrer Sänfte mitzunehmen. Wenn du mit deinem Sklavenmädchen hineinsteigst, wird sie dich auf dem Heimweg bei dir zu Hause absetzen.«
Philyra schluckte und schaute zur Königin hinüber. Da kam Phili-stis herbei und nahm sie huldvoll bei den Händen. »Es tut mir aufrichtig leid, daß du solche entsetzlichen Nachrichten in aller Öffentlichkeit erfahren mußt«, sagte die Königin.
Philyra erinnerte sich wieder an ihre gute Erziehung, nickte höflich und murmelte undeutlich: »Vielen Dank, o Königin.« Dann ging sie zur Sänfte hinüber und kletterte hinein, gefolgt von der zitternden Agatha. Zum Schluß nahmen die Königin und die Schwester des Königs Platz.
Marcus mußte zuschauen, wie die Sklaven die Sänfte schulterten und aufbrachen. Ihm war ganz schlecht vor Sorge, allerdings hätte er nicht sagen können, ob wegen Phidias oder wegen Philyra. Niemand schenkte ihm auch nur die geringste Beachtung. Der König kletterte hinter seinem Sohn aufs Pferd, die Soldaten stellten sich in Reih und Glied auf, und dann brach die königliche Eskorte Richtung Ortygia auf. Marcus klemmte sich den Essenskorb unter den Arm und entfernte sich. Zuerst nur langsam, aber mit jedem Schritt außerhalb des Hafens ging er immer schneller, und bis er das Haus in der Achradi-na erreichte, rannte er, so schnell es ging.
Noch ehe Marcus den längeren Fußweg zurücklegen konnte, war Hieron schon in seiner Villa angelangt. Gleich nach seiner Ankunft wandte sich der König an seinen Türhüter und sagte: »Ich muß unbedingt mit Kallippos reden. Such ihn und richte es ihm aus.«
Aber noch ehe man den Oberingenieur ausfindig machen konnte, kehrte Delia mit der Königin zurück und begab sich sofort zu ihrem Bruder.
Hieron hatte sich in die Bibliothek zurückgezogen, wo ihn Delia beim Lesen fand. Als sie hereinkam, schaute er rasch hoch, legte dann seine Buchrolle beiseite und machte ihr auf der Liege einen Sitzplatz frei. »Sind sie rechtzeitig hingekommen?« fragte er.