Delia nickte. »Leider war er nicht mehr bei Bewußtsein«, setzte sie hinzu. »Ihr Hausarzt war auch da und meinte, es könne noch Stunden dauern oder auch jede Minute passieren. Die. Frau von Phidias kam heraus, um sich bei uns zu bedanken, weil wir ihre Tochter heimgebracht hatten. Philistis hat ihr in deinem Namen jede erdenkliche Hilfe angeboten, aber sie hat sich nur bedankt und gemeint, daß sie keine Hilfe brauchten.«
Hieron schnaubte. »Nun«, sagte er nach einer Minute, »ich bin froh, daß sie noch rechtzeitig hingekommen sind.« Er nahm wieder sein Buch zur Hand.
»Was hast du nun mit Archimedes vor?« erkundigte sich Delia mit leiser Stimme.
Erneut legte er das Buch hin. »Ihn behalten«, erwiderte er entschlossen. »Ihn halten, wenn’s irgendwie geht, egal, was er kostet. Beim Zeus! Du hast’s ja gesehen. Für ihn war die Sache mit dem Schiff reine Spielerei. Denn als er begriff, was der Rest der Welt von ihm dachte, war er schockiert. Er ersetzt eine ganze Armee, und jede Stadt, der er gehört, kann sich glücklich schätzen.«
»Aber was wirst du konkret tun?«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich weiß es nicht. Früher kam mir König Minos in der Sage immer wie der dümmste Narr vor, aber momentan empfinde ich mit diesem Mann sogar etwas Mitgefühl. Der genialste Kopf der Welt stand ihm zur Verfügung, und er wollte ihn auf keinen Fall verlieren. Also hat er den Besitzer dieses Kopfes in einem Turm eingesperrt. Die Sache hat zwar nicht funktioniert, aber ich kann verstehen, warum er sich dazu verleiten ließ!«
»Du wirst doch nicht etwa Archimedes einsperren wollen!« schrie Delia. Es klang mehr wie ein Befehl als eine Frage.
»Beim Herakles!« rief Hieron, der seine Schwester verblüfft anschaute. »Nicht, wenn ich Gefahr laufe, anschließend von dir erwürgt zu werden!«
Delia wurde rot. Ihr Beschützerinstinkt war für sie genauso überraschend, aber heute morgen hatte sie mit eigenen Augen gesehen, wie Archimedes das Unmögliche möglich gemacht hatte. Ihre ganze Zurückhaltung war unter einer Welle aus Begeisterung und Stolz begraben worden. Er war ihre Entdeckung, hatte sie da nicht alles Recht, stolz zu sein? Und wenn ihn die Bemerkung ihres Bruders bedrohte, dann durfte sie sich auch für ihn verantwortlich fühlen. »Du tust es nicht, ja?« fragte sie deutlich leiser.
»Nein, tu ich nicht«, sagte Hieron. »Minos war ein Narr. Du bringst Menschn nicht dazu, für dich zu arbeiten, indem du sie in Türme einsperrst, besonders nicht, wenn sie ein ganzes Stück schlauer sind als du selbst. Du weißt doch, Daidalos hat sich einen unerhörten Fluchtapparat ausgedacht und ist einfach davongeflogen. Ich glaube zwar nicht, daß Archimedes fliegen kann, aber nach dem heutigen Tag würde ich nicht mehr darauf wetten wollen, daß er es nicht könnte, wenn er es sich in den Kopf setzen würde.«
Delia entspannte sich. »Du hast mir angst gemacht«, beklagte sie sich und setzte sich endlich auf den freien Teil der Liege.
Nachdenklich betrachtete Hieron sie. »Du magst ihn«, stellte er fest.
Wieder wurde sie rot. »Ich habe ihn entdeckt«, sagte sie. »Ich. fühle mich für ihn verantwortlich und möchte nicht, daß er verletzt wird.«
Hieron nickte, als ob er das voll und ganz verstehen würde. »Ich verspreche dir, daß ich ihm nicht weh tun werde. Offen gestanden glaube ich sogar, daß ich damit die Götter beleidigen würde. Es wäre dasselbe, als ob man ein unschätzbar wertvolles Kunstwerk zerstören würde. So etwas wie er ist mir noch nie untergekommen.«
»Ich werde von ihm keine Anweisungen entgegennehmen«, tönte es aus dem Türrahmen. Als sie beide aufschauten, sahen sie Kallippos dort stehen. Der königliche Ingenieur wirkte völlig aufgelöst. Er war zu Fuß gegangen und nun ziemlich verschwitzt und hatte staubige Füße. Wütend funkelte er Hieron an. Delia sprang nervös auf.
Aber Hieron meinte nur lächelnd: »Kallippos, mein Freund, ich bin froh, daß du da bist. Wollen wir in den Bankettsaal gehen und einen Becher kühlen Wein trinken?«
»Ich werde von ihm keine Anweisungen entgegennehmen«, wiederholte Kallippos, als ob Hieron nichts gesagt hätte. »Mein König, ich bin schließlich nicht Eudaimon. Ich kopiere nicht nur, sondern denke auch selbständig. Ich lasse es nicht zu, daß ein anderer für mich denkt. Ich bin zu alt und stamme aus einem viel zu guten Hause, um mich diesem Mann unterzuordnen. Ich trete zurück.«
»So etwas habe ich schon befürchtet«, sagte Hieron. »Aber, mein Freund.«
»Du hast das alles arrangiert!« brüllte Kallippos wütend. »Zuerst hast du ihn angestiftet, etwas Unmögliches zu tun, und dann hast du mich gebeten, daß ich behaupte, er würde es nicht schaffen. Nun, ich hab’s gesagt, das leugne ich auch gar nicht. Und ich habe mich geirrt. Trotzdem werde ich keine Anweisungen von irgendeinem dahergelaufenen Flötenknaben aus einer schmutzigen Hinterhofhütte in der Achradina entgegennehmen!«
»Das erwarte ich ja auch gar nicht von dir«, sagte Hieron.
»Ha!« höhnte der Ingenieur. »Offiziell stellst du ihn gleichberechtigt neben mich, dabei wissen wir beide ganz genau, daß du ihn mir vor die Nase setzen möchtest.«
»Ich habe nicht die geringste Absicht, Archimedes, den Sohn des Phidias, zum königlichen Ingenieur zu ernennen«, erklärte der König. »Andernfalls mögen mich die Götter vernichten.«
Einen Augenblick starrte ihn Kallippos entgeistert an, dann brüllte er: »Dann bist du verrückt geworden! Du hast doch gesehen, was dieser Junge fertiggebracht hat! Glaubst du etwa, ich hätte das geschafft? Ich hätte nicht einmal dieses Katapult bauen können!«
»Mein Freund!« protestierte Hieron. »Du bist der großartigste Ingenieur in den Diensten der Stadt. Wenn du gehst, habe ich keinen Ersatz für dich. Uns allen droht demnächst eine entsetzliche Belagerung. Wenn du jetzt deinen Abschied einreichst, wäre das ein Unglück für ganz Syrakus. Wie kannst du an so etwas auch nur denken? Archimedes ist jung und unerfahren. Ich kenne deine Fähigkeiten und habe nie erwartet, daß du unter ihm arbeitest. Vor dieser Vorführung hatte ich gedacht, daß man ihn möglicherweise neben dir zum gleichrangigen Ingenieur ernennen könnte, aber jetzt sehe ich ein, daß das völlig unmöglich ist. Ich wiederhole noch einmal, ich werde ihm garantiert keine fest bezahlte Stelle geben.«
Kallippos öffnete den Mund zum Sprechen, dann schüttelte er sich. »Mein König«, hob er zum zweiten Mal an, »begreifst du denn nicht, daß er besser ist als ich?«
»Mein Freund«, sagte Hieron, »ich weiß ganz genau, daß ihm Apollon und sämtliche Musen abwechselnd ins Ohr flüstern, aber seine wahre Heimat ist Alexandria. Egal, welche Stellung ich ihm biete, irgendwann einmal wird er sie als Gefängnis empfinden. Also werde ich ihm von vornherein keine feste Stellung geben. Für alles, was er für die Stadt macht, wird man ihn bezahlen, und zwar großzügig, aber es liegt allein an ihm, was er tatsächlich machen wird. So etwas wird ihm viel mehr gefallen als jede Stellung, die ich ihm anbieten könnte. Er ist und war nie dein Rivale. Du bist ein Ingenieur und ein sehr guter obendrein. Er ist ein Mathematiker, der manchmal zufällig Maschinen baut. Wenn wir beide, du und ich, nach reiflicher Überlegung der Meinung sind, daß er etwas zum Wohl der Stadt beitragen könnte, dann sollten wir ihn gemeinsam zu solchen Konstruktionen hinzuziehen. Das ist alles, was ich von dir möchte. Und jetzt, möchtest du jetzt in den Bankettsaal kommen und deine Füße waschen und einen Becher kühlen Wein trinken?«
Erneut starrte Kallippos Hieron an. Die Minuten dehnten sich, dann stieß er einen tiefen, schnaubenden Laut aus, der halb wie Lachen, halb wie Seufzen klang, aber insgesamt doch erleichtert. Da begriff Delia: Eigentlich hatte er nie seinen Abschied einreichen wollen, hatte aber gemeint, ihm bliebe keine andere Wahl. »Ja«, sagte er jetzt. Langsam lächelte er wieder. »Ja, mein König, ich danke dir.«