Delia schaute zu, wie die beiden Männer hinausgingen, dann sank sie wieder auf die Liege. In Wirklichkeit hatte Hieron etwas anderes gesagt, als Kallippos zu hören glaubte. So gut kannte sie ihren Bruder. Hieron hatte genau gewußt, daß Kallippos nie damit einverstanden gewesen wäre, sich einem anderen Mann unterzuordnen. Dafür war er viel zu stolz. Noch dazu, wenn der andere Mann jünger war und aus einer weniger vornehmen Familie kam. Jetzt hatte Hieron die Sache so gedreht, daß sich Kallippos in Zukunft bereit erklären würde, Archimedes bei speziellen Problemen »hinzuzuziehen« und -zweifelsohne - jeden »Rat« anzunehmen. Auch Eudaimon war schon »zur Vernunft« gebracht worden. Jetzt blieb nur noch einer übrig, der noch nicht unter dem Joch war: Archimedes. Aber auch das würde anders ablaufen, als sie befürchtet hatte. Ihr Bruder wäre nie so primitiv, einen Menschen mit einem unerträglichen Anstellungsvertrag zu knebeln. Das hätte sie wissen müssen. Er bevorzugte subtilere und damit stärkere Ketten. Ketten, die in der Grauzone zwischen Manipulation und Wohltätigkeit geschmiedet wurden. Ketten, die mit Geschenken verbrämt und voller Dankbarkeit angenommen wurden. Aber nicht einmal sie konnte abschätzen, welche Ketten er sich für Archimedes ausdenken würde.
Phidias starb gegen vier Uhr nachmittags, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Den ganzen Morgen hatte ihn Arata mit wachsender Besorgnis beobachtet, und als sein Atem gegen Mittag immer schwächer wurde, hatte sie nach ihren Kindern geschickt. Den ganzen, langen, heißen Nachmittag war die Familie um das Bett herumgesessen. Immer wieder hatte der Atem ausgesetzt, hatte wieder angefangen und wieder ausgesetzt. Als schließlich das Ende kam, hatten sie es zuerst gar nicht erkannt und einige Zeit gewartet, ob das matte Keuchen nicht wieder einsetzen würde. Schließlich wurde ihnen klar, daß es vorbei war. Archimedes bedeckte das Gesicht seines Vaters, während sich die Frauen des Haushaltes an die Brüste schlugen und in die schrille, rituelle Totenklage ausbrachen.
Archimedes ging in den Hof hinaus, spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht und setzte sich an die Wand. Seine Hände baumelten leblos von den aufgestützten Knien. Er war sich nicht sicher, an welche Art von Leben nach dem Tode er glaubte. Wie die meisten gebildeten Griechen empfand er die Geschichten, die seine eigenen Landsleute über die Götter und die Unterwelt erzählten, als völlig unglaubhaft. Aber als Ersatz dafür blieben auch ihm nur die widersprüchlichen Lehren der Philosophen. Nach Piaton war die Seele die einzig wahre Form. Unsterblich und unwandelbar kämpft sie sich durch das Schattenspiel namens Welt und wird vielfach wiedergeboren, bis sie ihren Weg zu dem Gott zurückfindet, der sie erschaffen hat. Die Seele des Weisen war wie ein König und konnte durch die Tugenden zur ewigen Gemeinschaft mit der Gottheit gelangen. Andere behaupteten, die Seele wäre nur eine Handvoll Atome, die mit dem Körper geboren und sich mit dem Tod des Körpers auflösen würde, und die Götter lebten weit weg von dieser Welt und hätten kein Interesse daran. Woran sollte er glauben?
Bis jetzt war das auch nicht wichtig gewesen.
Nach einer Weile ging er nach oben und holte seinen Abakus und den Zirkel hervor. Er zeichnete einen Kreis in den Sand. Der war wirklich unsterblich und unwandelbar. Sein Ende war zugleich der Anfang und er selbst die Begrenzung eines unendlichen Vielecks. Das Verhältnis von Kreisumfang und Kreisdurchmesser betrug immer dieselbe Zahclass="underline" drei plus eine Bruchzahl. Allerdings ließ sich diese Bruchzahl nicht genau berechnen. Sie betrug weniger als ein Siebtel, aber sobald man sie näher festlegen wollte, entglitt sie einem, denn sie war präziser als alle menschlichen Rechenmethoden -unendlich erweiterbar, unendlich variabel. Genau wie die Seele. Wie die Seele ließ sie sich nicht durch reine Vernunft erfassen.
Dieser Gedanke war tröstlich.
Erst zeichnete er in den Kreis ein Quadrat, dann ein Achteck, und dann begann er, ernsthaft zu rechnen.
Als Arata ungefähr drei Stunden später hinaufkam, bot sich ihr folgendes Bild: Ihr Sohn kauerte über dem Abakus und saugte am Zirkelscharnier herum. Vor ihm war ein sechsundneunzigseitiges Vieleck mit einem Kreis in den Sand gekratzt, über das sich ein Gewirr von Rechnungen zog.
»Liebster«, sagte sie zärtlich, »die Nachbarn treffen allmählich ein.«
Es war Sitte, daß Freunde und Nachbarn dem Toten so schnell wie möglich ihren Respekt erwiesen. Dazu mußte die Familie sie in schwarzer Trauerkleidung und mit kurzgeschorenen Haaren begrüßen. Arata hatte sich ihre Haare eben erst geschnitten und trug einen schwarzen Mantel, den sie sich vor vielen Jahren zur Beerdigung ihrer Mutter gekauft und seither ab und zu getragen hatte. Auch Philyra hatte Trauerkleidung angelegt, und selbst die Sklaven waren schon fertig. Nur Archimedes trug noch seine gute Tunika, die er am Morgen angezogen hatte. Wirr hingen ihm die Haare in die Stirn. Aber trotz der Aufforderung seiner Mutter nahm er lediglich den Zirkel aus dem Mund und sagte: »Es ist mehr als zehn Einundsieb-zigstel und weniger als ein Siebtel.«
Im Abendlicht zeichneten sich auf seinem Gesicht deutlich getrocknete Tränenspuren ab. Aber auch ohne sie hätte Arata sein Versunkensein nie mit einem Mangel an Empfindung verwechselt. Ganz leise kauerte sie sich neben ihn, als ob er ein wildes Tier wäre, das sie nicht erschrecken wollte. »Was ist?« fragte sie.
Er deutete mit dem Zirkel auf einen Punkt des Diagramms, wo sich Kreisdurchmesser und Kreisumfang schnitten. In dem Winkel zwischen den beiden stand der Buchstabe tt. »Das da.« Eine Zeitlang herrschte Stille, dann sagte er: »Oft behaupten die Leute, es sei drei und ein Siebtel, aber das stimmt nicht. Es ist gar keine rationale Zahl. Wenn ich ein Vieleck mit noch mehr Seiten zeichnen könnte, dann könnte ich ihren ungefähren Wert noch näher berechnen, aber niemand kann sie absolut berechnen. Sie ist unendlich.«
Arata betrachtete den Kreis und die eingeritzten Zahlen. Phidias hätte es verstanden. Der bloße Gedanke löste einen tiefen Schmerz aus. »Warum ist das wichtig?« fragte sie.
Blind starrte er den Kreis an. »Manche Dinge sind unendlich«, flüsterte er. »Wären wir fähig, das zu begreifen, wenn nicht auch ein Teil von uns wie sie wäre?«
Bei diesen Worten erkannte sie den Sinn hinter seinen Berechnungen. Merkwürdigerweise tröstete er sie. Auch ihr Mann hatte diese unendlichen Dinge geliebt und an sie geglaubt, und nun war er bei ihnen. Sie legte einen Arm um die Schulter ihres Sohnes, und einen Augenblick waren beide ganz still, dann seufzte Arata. »Liebster«, sagte sie energisch, »jetzt bist du der Kopf der Familie. Du mußt dich umziehen und herunterkommen, um die Nachbarn zu begrüßen.«
Archimedes ließ den Zirkel fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Er wollte mit niemandem reden.
»Du mußt«, beharrte Arata. »Er war immer so stolz auf dich. Zeige allen, daß er einen Sohn hinterlassen hat, der ihn ehrt.«
Archimedes nickte, stand schwerfällig auf und ging mit ihr. Der schwarze Mantel, den sie für ihn gewählt hatte, hatte seinem Vater gehört. Ihn schauderte, als er ihn anzog.
Im Innenhof hatten sich bereits mehrere Nachbarn versammelt. Die Unruhe der letzten Stunden hatte sie vorgewarnt. Archimedes begrüßte sie höflich. Nachdem sie ihr Beileid ausgesprochen hatten, gingen sie hinein, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Man hatte Phidias gewaschen, ihm sein schönstes Gewand angezogen und ihn mit Kräutern und Blumen bekränzt. Nun lag er mit geschlossenen Augen mit dem Gesicht zur Tür auf der Krankenliege. In der einen, schmalen Hand hielt er einen Honigkuchen als Opfergabe für den Wächter des Totenreiches. Archimedes betrachtete den Leichnam mit einem merkwürdig unbeteiligten Gefühl. Dieses leblose Objekt hatte nichts mit dem Astronomen zu tun, nichts mit dem Rätsellöser und dem Musiker, der ihn erzogen hatte.