Philyra hatte bereits am Kopfende der Liege Platz genommen und stimmte nun auf ihrer Kithara einen Klagegesang an. Die Frauen aus der Nachbarschaft setzten sich der Reihe nach neben sie und fielen singend oder klagend ein. Allmählich erfüllte das leise Seufzen der Trauer den ganzen Raum. Arata setzte sich lautlos auf einen Stuhl neben die Liege und verhüllte ihr Haupt.
Archimedes überlegte, ob er noch weitere Leute vom Tod benachrichtigen sollte. Phidias war ein Einzelkind gewesen, aber Arata hatte einen Bruder, und dann gab es noch Freunde. Sollte er seine Mutter fragen? Wahrscheinlich war es besser, sie nicht zu stören. Was war mit dem Begräbnis? Bei diesem heißen Wetter müßte es schon am nächsten Tag stattfinden. Vermutlich sollte er Holz und Weihrauch für den Scheiterhaufen besorgen und sich um das Totenmahl kümmern. Hatte er überhaupt genug Geld dafür? Wahrscheinlich würden ihm die Geschäftsbesitzer Kredit geben.
Es kam ihm völlig absurd vor, daß er sich über derartige Dinge den Kopf zerbrach, während sein Vater tot dort lag.
Er ging wieder in den Hof hinaus. Erleichtert sah er, wie Marcus mit einer schweren Wasseramphore soeben vom öffentlichen Brunnen zurückkam. Damit mußten sich alle Besucher rituell von ihrem Kontakt mit dem Tode reinigen. »Marcus«, flüsterte er und eilte zu ihm hinüber, »wen sollten wir noch benachrichtigen?«
»Deine Mutter hat sich bereits darum gekümmert«, sagte Marcus. Archimedes wurde rot. Er schämte sich, weil Arata diese kummervolle Arbeit allein erledigen mußte.
Den ganzen Abend über kamen immer wieder Besucher. Als es dunkel wurde, suchten die Sklaven Fackeln und stellten sie im Hof und neben der Eingangstür auf. Man hatte sie eben erst angezündet, da bemerkte Archimedes, wie es draußen auf der Straße unruhig wurde, und dann - trat Hieron durch die Tür, gefolgt von seinem Sekretär. Das unerwartete Auftauchen des Herrn der Stadt löste in dem inzwischen überfüllten Hof Unruhe aus, aber Hieron ignorierte die Aufregung und ging direkt auf Archimedes zu. »Mein Beileid«, sagte er und schüttelte ihm die Hand. »Du hast einen Vater verloren, der zu den besten Männern der Stadt gehört hat. Deine Trauer muß groß sein.«
Archimedes blinzelte tief bewegt über ein öffentliches Lob aus solchem Munde. Die Nachbarschaft hatte Phidias zwar immer gemocht, aber sie hatte ihn auch immer - ausgelacht. »Ich danke dir«, erwiderte er, »ich trauere um ihn, sehr sogar.«
»Du müßtest dich schämen, wenn du’s nicht tätest«, sagte Hieron.
Auch er ging wie jeder andere Trauergast ins Krankenzimmer, um den Leichnam zu sehen. Sein Eintreten verblüffte die Frauen derart, daß sie ihr Klagegeheul unterbrachen. Die plötzliche, tiefe Stille dröhnte in den Ohren. Erneut ignorierte Hieron die Wirkung seines Auftretens und verneigte sich statt dessen respektvoll vor dem Toten. »Lebe wohl, Phidias!« sagte er. »Ich habe es immer bedauert, daß ich nicht länger bei dir studieren konnte. Möge die Erde leicht auf dir ruhen!« Anschließend ging er zu Arata, die noch immer verschleiert neben dem Leichnam ihres Mannes saß. »Gute Frau«, sagte er, »dein Verlust ist groß, aber ich baue darauf, daß dich der Gedanke an die herausragenden Qualitäten deines vielversprechenden Sohnes etwas tröstet.«
Arata war völlig sprachlos. Sie drückte sich den Mantel nur noch fester gegen die Brust und nickte stumm. Hieron antwortete zum Abschied ebenfalls mit einem Kopfnicken und zog sich zurück.
Draußen im Hof wandte er sich noch einmal an Archimedes. »Bitte«, sagte er, »gestatte mir zum Ausdruck meiner Wertschätzung für deinen Vater und meines Respektes für dich, das Begräbnis auszurichten. Wenn du einverstanden bist, stehen dir meine Sklaven und die Mittel meines Hauses zur freien Verfügung.«
»Ich, äh«, stammelte Archimedes, dem es beinahe genauso die Sprache verschlagen hatte wie seiner Mutter, »ich, äh - danke dir.«
Hieron lächelte. »Gut. Du brauchst nur meinem Sekretär Niko-stratos sagen, was du möchtest. Er wird es für dich erledigen.« Er schob Archimedes sanft zu seinem Sekretär hinüber, tätschelte ihm leicht den Arm und wandte sich zum Gehen. Aber dann drehte er sich doch noch einmal um und fügte hinzu: »Oh, mir ist aufgefallen, daß du noch immer keine Bezahlung für dein einzigartiges Katapult bekommen hast. Ich schäme mich, daß ich möglicherweise nicht soviel dafür bezahlen kann, wie so eine schöne Maschine wert ist. Aber Nikostratos hat etwas für dich bereit. Ich wünsche dir einen guten Tag!« Damit wusch er sich flüchtig wie vorgeschrieben die Hände im Wasser, das neben der Tür bereitstand, und trat wieder in die Nacht hinaus.
Archimedes schaute den Sekretär Nikostratos an. Nikostratos, ein unauffälliger Mann mit ausdrucksloser Miene, um die Dreißig, der einen schweren Ranzen trug, erwiderte den Blick. »Möchtest du mir sagen, welche Vorkehrungen du momentan treffen möchtest, Herr?« fragte er.
»Äh - ja«, sagte Archimedes. Plötzlich war er sich der Nähe seiner erstaunten Nachbarn nur allzusehr bewußt. »Ähem - ich denke, wir sollten ins Eßzimmer gehen.«
Marcus holte Lampen fürs Eßzimmer und stand dann aufmerksam dabei, während sich der Sekretär alles Nötige für das Begräbnis notierte. Nebenbei stellte er selbst im Kopf die Rechnung zusammen: Holz, Weihrauch, Wein für hundert Gäste. Archimedes hatte zuerst sechzig gesagt, aber der Sekretär fand das zu schäbig. Alles in allem kämen mindestens fünfundzwanzig Drachmen heraus, folgerte Marcus, vermutlich sogar deutlich mehr. Soviel stand fest: Der König hatte nicht vor, Geld zu sparen, indem er ein Begräbnis bezahlte und dann an einem Katapult knauserte. Hieron hatte zwar gesagt, er würde für das Katapult nicht den wahren Wert bezahlen, aber Marcus bezweifelte trotzdem, daß Hieron beim Katapult knausern würde. Wenn er doch nur wüßte, warum sich der König von Syrakus die Mühe machte, einem Katapultingenieur zu schmeicheln und ihn für sich zu gewinnen.
Als alles Nötige für das Begräbnis festgelegt war, holte der Sekretär eine Olivenholzschatulle heraus und stellte sie vor Archimedes hin. »Das Geld für das Katapult«, erklärte er. »Darf ich dich dafür um deine Unterschrift bitten?«
Archimedes schaute die Schatulle verständnislos an und fragte: »Wieviel ist es?«
»Zweihundertfünfzig Drachmen«, antwortete der Sekretär nüchtern und zog ein Quittungsbuch aus dem Ranzen.
Archimedes starrte ihn an, dann hob er den Deckel von der Schatulle. Frisch geprägtes Silber rollte über den Eßtisch. Die Schatulle war bis zum Rand gefüllt gewesen. Er schüttelte protestierend den Kopf: »Es sollten doch nur fünfzig sein! Außerdem hat der König gesagt, daß.«
»Bei wertgemäßer Bezahlung für das Katapult müßten es eigentlich tausend sein. Das soll ich, laut Anweisung, ausrichten«, sagte Nikostratos.
Archimedes starrte ihn lange Zeit stumm an, dann schaute er hinunter und hob eine der Münzen auf, die auf den Tisch gefallen war. Auf der Vorderseite war Hierons Profil eingeprägt, lächelnd und mit Krone. Er betrachtete es eingehend. Plötzlich ergab eine Reihe von Dingen, die er gesehen und gehört hatte, ohne je wirklich darauf zu achten, einen Sinn. Als Mathematiker war er außerordentlich, das hatte er immer gewußt. Aber mechanische Dinge hatte er nur zum Zeitvertreib gemacht und sich darin auch immer nur für guten Durchschnitt gehalten. Jetzt begriff er, daß ihm Epimeles tatsächlich nicht geschmeichelt hatte. Der »Begrüßer« war wirklich das beste Katapult, das in Syrakus in den letzten zwanzig Jahren gebaut worden war. Dieser Drehzapfen - der war tatsächlich zuvor noch keinem eingefallen. Und weil er das nicht kapiert hatte, darum hatten die Sklaven in der Werkstatt gelacht. Eudaimon war nicht nur gereizt gewesen, sondern eifersüchtig. Und Kallippos hatte tatsächlich geglaubt, man könne ein Schiff unmöglich eigenhändig bewegen.