Er war der beste Ingenieur in der ganzen Stadt, und alles, was er mit Kopf und Händen formen konnte, war derart eindrucksvoll, daß jetzt selbst der König alles tat, um eine gute Beziehung zu ihm zu haben. Das Silberstück, das in seiner Hand glänzte, war ein Tribut an seine Macht. Es vermittelte tiefe Befriedigung und machte ihm gleichzeitig angst. Jeden Moment konnte die römische Armee eintreffen und Syrakus belagern, und dann würden seine Fähigkeiten zur Verteidigung in vorderster Linie gefragt sein. Sofort kam ihm die Gefahr viel näher und viel realer vor.
Er nahm fünfzig Drachmen aus der Schatulle, dann schob er sie wieder Nikostratos zu. »Richte dem König aus, daß ich mich für sein großzügiges Angebot bedanke«, sagte er, »aber ich werde nur den ausgehandelten Preis annehmen und sonst nichts.«
Nikostratos war ehrlich überrascht, was bei einem derart nüchternen Menschen äußerst selten vorkam. Er versuchte, die Schatulle wieder zurückzuschieben. »Das ist die Summe, die ich dir auf Anweisung des Königs auszahlen soll«, protestierte er. »Er will sie nicht zurückhaben!«
Archimedes schüttelte den Kopf. »Ich bin Syrakuser. Für die Verteidigung von Syrakus muß man mich nicht extra bezahlen. Ich werde den vereinbarten Preis für das Katapult annehmen, weil meine Familie das Geld braucht, aber ich weigere mich, mehr zu nehmen und aus der Zwangslage meiner Stadt Profit zu schlagen.«
Der Sekretär konnte ihn nur noch anstarren. Archimedes nahm ihm das Quittungsbuch aus der Hand und fand den entsprechenden Eintrag: »An Archimedes, den Sohn des Phidias, für das EinTalentKatapult auf dem Hexapylon - 250 Dr.« Er strich 250 Dr. durch, schrieb 50 Dr. wie vereinbart, darüber und unterschrieb mit seinem Namen.
Plötzlich strahlte Nikostratos übers ganze Gesicht. »Die Götter sind Syrakus gnädig«, sagte er leise, nahm sein Quittungsbuch und die Olivenholzschatulle und steckte beides weg. Dann wünschte er noch immer lächelnd eine gute Nacht und verschwand.
Archimedes schaute zu Marcus hinüber, der an der Tür stand und zuschaute. »Vermutlich bist du damit nicht einverstanden?« fragte er herausfordernd.
Aber Marcus grinste breit und schüttelte den Kopf. »Ich schon«, sagte er. »Wenn ein Mann nicht bereit ist, für seine Vaterstadt zu kämpfen, dann hat er die Sklaverei verdient.«
Und du, dachte er im stillen, hast dich gerade geweigert, dich kaufen zu lassen.
9
Vier Tage später wartete Delia, bis Agathon mit mürrischer Miene im Auftrag des Königs fortrannte, dann ging sie zum großen Doppelportal der Villa auf der Ortygia, öffnete es und trat ins Freie.
Alles war ganz einfach: mach das Portal auf und geh auf die Straße hinaus. Du hast keinen Grund, warum dir das Blut in den Ohren dröhnt, redete sie sich ein. Und auch das Schwindelgefühl, das ihre ersten Schritte auf der Straße verlangsamte, war überflüssig. Ihr Unternehmen barg keinerlei Gefahr. Nur - bisher hatte sie so etwas noch nie getan.
Noch nie war sie ohne Begleitung durch diese Tür gegangen. Noch nie war sie, ohne es jemandem zu sagen, zu einem Treffen gegangen, das der ganze Haushalt mißbilligen würde.
Es war einfach schockierend. Eigentlich sollte sie es sein lassen, selbstverständlich, aber seit dieser Vorführung konnte sie einfach nicht mehr so tun, als ob ihr Interesse an Archimedes dem entsprach, was eine Gönnerin für einen zukünftigen, nützlichen Staatsdiener empfand. Diese Haltung war wie Wasser im Sand versickert. Das Ausmaß ihrer Selbsttäuschung ärgerte sie maßlos, und doch war anfangs sicher nicht alles nur Schauspielerei gewesen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie dieser Mann schlicht und einfach beeindruckt, was sich inzwischen gründlich geändert hatte. Wie lächerlich! Ganze dreimal hatte sie ihn gesehen, hatte zweimal mit ihm geredet und einmal mit ihm musiziert und - kam sich vor, als ob sie es ihr ganzes Leben bedauern würde, wenn sie ihn nicht festhielt.
Sie hatte ihm eine Nachricht gesandt: Ich muß unbedingt mit dir reden. Komm morgen zur zehnten Stunde an den Arethusa-Brunnen. Alles Gute. Als Adresse hatte sie »An Archimedes, den Sohn des Phidias, in der Katapultwerkstatt« angegeben, hatte den Brief mit einem Siegel Hierons - davon gab es mehrere im ganzen Haus -versehen und ihn in einem Paket mit weiteren Briefen des Königs versteckt, die in Kürze in der ganzen Stadt verteilt werden sollten. Alles war erschreckend einfach gewesen und war es immer noch: Am Ende des Arbeitstages waren die Straßen auf der Ortygia so voll wie eh und je. Unauffällig schlenderte sie in ihrem weiten Leinenmantel mit vielen anderen die Straße hinunter. Um ihr Gesicht zu verbergen, hatte sie sich eine Mantelecke brav über den Kopf gelegt. Natürlich hatte niemand versucht, sie am Verlassen des Hauses zu hindern. Schließlich hätte sich auch niemand träumen lassen, daß sie so etwas tun würde: ein Stelldichein mit einem jungen Mann zu vereinbaren - einfach liederlich und schamlos und unredlich.
Beim ersten Gedanken an diese Möglichkeit hatte sie versucht, ihn gewaltsam aus ihrem Kopf zu verbannen. Wie heimtückisch, egoistisch und illoyal von ihr, die vielen Wohltaten ihres Bruders mit herzloser Undankbarkeit und Schande zu vergelten! Die eigene Schwester des Königs hat sich einem Ingenieur an den Hals geworfen, würde man sich zuflüstern. Sie nahm sich selbst das Versprechen ab, so etwas nicht zu tun. Sie liebte Archimedes nicht - ja, sie kannte ihn kaum. Sicher könnte sie auch ohne ihn leben!
Und doch und doch. Ihn nicht zu kennen, das war irgendwie der schlimmste Gedanke. Ihr kam es vor, als wäre sie ihr Leben lang dieselben Gassen entlanggegangen und hätte nun von einem Hügel aus urplötzlich einen unbekannten, atemberaubenden Ausblick entdeckt. Vielleicht entpuppte sich das neue Viertel bei näherer Betrachtung als genauso eng und schmal wie die alten Straßen, aber das würde sie erst wissen, wenn sie es selbst erforscht hatte. Und genau dieses Nichtwissen nagte an ihr: einen Adeligen oder einen König zu heiraten, Kinder zu bekommen und alt zu werden und nie zu wissen, was sie versäumt hatte.
Schließlich faßte sie folgenden Entschluß: Wahrscheinlich würde sie bei näherem Kennenlernen entdecken, daß sie ihn nicht besonders mochte. Dann könnte sie heimgehen und sich in ihr Schicksal fügen, vielleicht nicht zufrieden, aber wenigstens gelassen und ohne die verrückte Hoffnung, daß alles viel besser hätte sein können. So ein kleiner, unbedeutender Ungehorsam lohnte sich doch sicher für ihren Seelenfrieden, oder? Und außerdem würde sie mit diesem Mann nichts anfangen. Er würde es nicht wagen, ihre Situation auszunutzen. Man würde ein wenig miteinander plaudern, und dann würde sie merken, wie dumm sie gewesen war, und würde wieder heimgehen.
So hatte sie sich in ihrem ganzen Leben noch nicht gefürchtet. Trotzdem marschierte sie weiter entschlossen auf den Arethusa-Brunnen zu.
Sie hatte den Brunnen aus drei Gründen gewählt: Erstens lag er in der Nähe der Königsvilla, zweitens nicht weit von der Katapultwerkstatt entfernt und drittens in einer kleinen Parkanlage, die genügend Schutz für ein Gespräch unter vier Augen bot und gleichzeitig doch so offen war, daß sie sich sicher fühlte. Archimedes würde nicht wie ein wildgewordener Satyr über sie herfallen, sobald sie mit ihm allein war, davon war sie zutiefst überzeugt. Andererseits hatte man sie immer wieder vor der Lasterhaftigkeit der Männer und den Gefahren eines unanständigen Benehmens gewarnt. Nun wollte sie sichergehen, daß im Notfall jemand ihre Schreie hören würde. Prüfend musterte sie beim Betreten des Gartens alle Besucher, die sie vielleicht zu Hilfe rufen müßte: Unter einer Dattelpalme teilten sich zwei Gardesoldaten kameradschaftlich ein Getränk, mehrere Mädchen saßen in der Nähe eines Myrthestrauchs auf dem Boden, und unter einer Rosenlaube küßte sich ein Liebespaar. Die Mädchen waren sicher alle Huren, denn anständige Mädchen saßen in der Öffentlichkeit nicht so herum. Aber sie war ja genauso. Aus Schutz vor neugierigen Blicken zog sie sich den Mantelsaum noch weiter über den Kopf.