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Der Brunnen selbst bestand aus einem langen, rechteckigen Bek-ken, dessen dunkles Wasser von Pinien überschattet wurde. Lautlos quoll das süße Naß aus der Tiefe hervor. An den flachen Stellen standen hohe, gefiederte Papyrusrispen, ein Geschenk des Ägypters Ptolemaios. Es war der einzige Platz in ganz Europa, wo Papyrus wuchs. Hinter der einen Seite des Beckens ragte die Stadtmauer auf und an deren Ende blickte, weiß und lieblich, eine Statue der Nymphe Arethusa auf ihren Brunnen herab. Der Statuensockel war mit Blumengirlanden bekränzt, und aus dem Wasser funkelten Münzen herauf - Opfergaben an die Schutzherrin von Syrakus.

Auch hier hielten sich mehrere Leute auf, aber sie hatte nur Augen für einen: einen großen, jungen Mann, der sich über den Beckenrand beugte und gedankenversunken eine Ansammlung von Ästen betrachtete, die auf der Wasseroberfläche schwammen. Er war ganz in Schwarz gekleidet und hatte die Haare zum Zeichen der Trauer kurz geschoren. Sein Mantel wirkte schwer, war also vermutlich aus gutem Stoff, allerdings auch voller Staubflecken. Gerade zog er wieder den Saum durch den Matsch. Das Wasser spiegelte sich flirrend in seinem länglichen Gesicht. Als er ihren Blick auf sich spürte, schaute er sich prüfend um. Seine Augen sind honigfarben, dachte sie und hielt den Atem an.

Archimedes lächelte entzückt, stand auf und - verhedderte sich im Mantelsaum, auf den er getreten war. Sofort fiel der Mantel zu Boden und lag, halb im Wasser, halb im Matsch, zu seinen Füßen. »Ach, beim Zeus!« rief er und starrte ihn hilflos an. Seine schwarze Tunika war sogar noch staubiger als der Mantel.

Er hatte schon vermutet, daß sie ihm die Nachricht geschickt hatte, obwohl sie keine Unterschrift trug. Alles Gute - dieselbe Nachricht hatte sie ihm auch durch Marcus bestellen lassen. Den ganzen Tag über hatte er während seiner Arbeit am Hundert-Pfünder in der Katapultwerkstatt mit wachsender Begeisterung an dieses Treffen gedacht. Am Morgen hatte er seinen Mantel mitgebracht, weil er unbedingt würdevoll aussehen wollte. Zu seinem großen Erstaunen hatte er ihn am Tagesende schäbig und staubig auf dem Werkstattboden wiedergefunden. Jetzt war der Mantel völlig ruiniert, er hatte sich zum Narren gemacht, und die schöne Schwester des Königs betrachtete ihn mit ihren dunklen Augen unter einem weißen Leinenschleier heraus.

Dann lachte Delia. Eigentlich konnte er es nicht leiden, wenn man ihn auslachte, aber für solch ein Lachen hätte er sich eine Maske aufgesetzt und bei einer Komödie mitgespielt. Mit einem reumütigen Grinsen hob er den Mantel auf und wrang das feuchte Ende aus. »Entschuldige«, sagte er und wollte eigentlich schon hinzufügen: »Ich hatte nicht vor, mich vor dir auszuziehen«, aber dieser Satz war absolut unpassend. Gleichzeitig entsprach er aber auch so haargenau dem, was er am liebsten getan hätte, daß er darüber restlos verwirrt wurde und errötete.

»Ich wünsche gute Gesundheit«, sagte sie höflich.

»Gute Gesundheit!« antwortete er und versuchte, den zerknitterten Mantel glattzustreichen. Schließlich gab er auf, faltete ihn einfach zusammen und legte ihn sich über die Schulter. Sein Versuch, würdevoll auszusehen, war gescheitert, also gab es auch keinen Grund mehr, damit weiterzumachen. Außerdem war es für einen Mantel sowieso zu heiß. »Ich, ähem.«, fing er an.

»Seht!« sagte sie beschwörend mit einem Seitenblick auf das bunte Grüppchen, das sich neben dem Brunnen ausruhte. »Können wir irgendwohin gehen, wo es ruhiger ist?«

Mit schnellen Schritten entfernte sie sich vom Brunnen, und er lief hinterher. Überall waren Leute. Schließlich hatten sie einmal den kleinen Garten umrundet, bis sie sich für einen relativ ruhigen Fleck unter einem wilden Wein im Schatten der Stadtmauer entschieden. Da es keine Bänke gab, breitete Archimedes seinen Mantel auf dem Boden aus und setzte sich auf das nasse Ende. Schmutziger konnte er schließlich nicht mehr werden. Nervös setzte sich Delia neben ihn, schob wieder ihren Mantel vors Gesicht und betrachtete ihre Hände auf den Knien. Sie hatte ihre Entschuldigung für dieses Treffen ganz genau vorformuliert. Sie hatte ihm über seinen Sklaven eine Warnung geschickt und war überzeugt, daß sie der Sklave bestellt hatte, obwohl sie es ihm untersagt hatte. »Ich. wollte mit dir reden«, sagte sie atemlos. »Ich muß etwas erklären.« Sie schluckte und riskierte einen verstohlenen Blick zu ihm hinüber.

Er nickte. Er hatte ihre Absicht schon vermutet. Sie hatte ihn gewarnt, er solle mit seinem Vertrag vorsichtig sein, aber in Wahrheit hatte ihm der König gar keinen Vertrag angeboten. Allerdings war sein Vater erst vier Tage tot, und es wäre ungebührlich gewesen, mitten in der tiefsten Trauerzeit geschäftliche Verhandlungen mit ihm aufzunehmen. Hieron hatte persönlich am Begräbnis von Phidias teilgenommen, hatte aber weder ein Wort über eine Ingenieursstelle verloren, noch über das Geld, das Archimedes zurückgewiesen hatte. Also, Delia war gekommen, um ihrer Warnung einen Rat hinterherzuschicken. Die Vorstellung, daß sie seine Stütze im Hause ihres Bruders war, machte Archimedes glücklich. In Gedanken hatte er mit der köstlichen Möglichkeit gespielt, daß ihre Gefühle vielleicht noch etwas tiefer gingen. Aber dann hatte er diese Idee wieder verworfen. Absolut unwahrscheinlich.

»Ich hatte befürchtet, daß dich Hieron mit irgendeinem Teil deines Vertrags binden möchte. Deshalb habe ich dir diese Nachricht geschickt«, fuhr Delia fort. »Aber ich habe mich geirrt. Ich hätte zu deinem Sklaven gar nichts sagen dürfen. Aber er war einfach da, und so bot sich die Gelegenheit dazu. Hoffentlich habe ich dich nicht beunruhigt.« Wieder warf sie ihm einen scheuen Blick zu.

Er runzelte die Stirn. »König Hieron will mich also in meinem Vertrag zu nichts verpflichten?« fragte er.

Sie holte tief Luft. Sie mußte ihn wegen Hieron beruhigen, das war das mindeste, was sie zur Sühne für ihre persönliche Illoyalität tun konnte. »Er wird dir keine bezahlte Stelle als königlicher Ingenieur geben, weil er meint, dir wäre es lieber, wenn er dich für deine jeweilige Tätigkeit gut bezahlen würde. Er meint, daß du jede Stelle, die er dir gibt, irgendwann einmal als Gefängnis empfinden würdest. Also, du siehst, ich lag ziemlich daneben und hätte besser gar nichts gesagt. Ich hätte wissen müssen, daß Hieron nichts. Ungerechtes tun würde.« Aus Schuldgefühl über ihr eigenes Benehmen bekam ihre Stimme einen warmen Unterton.

»Aber ich dachte .«, fing er an, dann hielt er inne. Die Stirnfalten vertieften sich. »Ich verstehe das nicht. Was will der König eigentlich von mir?«

»Du mußt doch wissen, daß du etwas ganz Besonderes bist«, sagte sie. »Als Ingenieur, meine ich.«

Die Stirn blieb gerunzelt. »In Mathematik bin ich besser.«

Da mußte sie an das Schiff denken und wie es über über die Gleitbahn gerutscht war. Sie lachte. »Dann mußt du auf diesem Gebiet ganz außergewöhnlich sein! Die ganze Stadt spricht über deine Vorführung.«

Das stimmte, Agathon hatte es berichtet. Die ganze Stadt redete über den Mann, der eigenhändig ein Schiff bewegt hatte, und fügte im gleichen Atemzug hinzu, daß derselbe Mann nun ganz erstaunliche Katapulte zur Verteidigung von Syrakus bauen werde. Der Gedanke an die Fähigkeiten von Archimedes war für die bedrohten Bürger ein Trost.

Archimedes machte eine ungeduldige Handbewegung. »Ein Flaschenzug ist doch nichts Neues! Aber ich habe ein paar mathematische Berechnungen gemacht, die noch niemand zuvor gemacht hat.« Er kaute auf einem Daumen herum.

»Und was?« fragte sie.

Hoffnungsvoll schaute er sie an. »Verstehst du etwas von Geometrie?«

Sie zögerte. Ihr war unbehaglich zumute. »Ich kann die Haushaltsbücher führen.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist Arithmetik.«

»Ist das so etwas anderes?«