Er schaute sie an. Beinahe hätte sie verärgert reagiert, aber dann begriff sie, daß sein Blick nichts mit Abscheu vor ihrer Dummheit zu tun hatte und schon gar nichts mit dem herablassenden Zerbrich-dir-nicht-dein-hübsches-Köpfchen-Blick, mit dem sie der Regent Leptines viel zu oft bedachte. Auch ein Stotterer schaute so, der plötzlich das dringende Bedürfnis nach Sprechen verspürt. Es war der Ausdruck einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Verständnis und zugleich ein Ausdruck des hoffnungslosen Wissens, daß es das nicht geben würde. »Arithmetik ist ein natürliches System«, sagte er, »aber die Geometrie hat der Gott der Philosophen erfunden, um die Welt zu kreieren. Rom, Karthago, Syrakus - im Angesicht der Geometrie sind wir alle nur das.« Er schnippte mit den Fingern. »O Gott, was für eine göttliche, wunderschöne Materie!«
Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht, die Linie der Wangenknochen und die strahlenden Augen. Wie von Ferne begriff sie, daß genau diese »göttliche Materie« ihn für sie so faszinierend gemacht hatte - oder besser gesagt, ihr Spiegelbild in der Musik. Absolut rein und unmenschlich präzise, bereicherte sie die Welt einfach durch ihre pure Existenz. Und sie, Delia, hatte schon immer mehr begehrt, als die eigene Welt ihr freiwillig anbot.
»Dann haben dir die Götter ein großartiges Geschenk gemacht«, sagte sie, hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Neid.
»Ja«, antwortete er ernst und ohne Zögern, dann fuhr er verlegen fort: »Du solltest dir jemanden suchen, der es dir beibringt. Ich würde mich gerne anbieten, aber ich tauge nicht dafür. Ich habe es probiert - mein Vater hat mich immer zur Unterstützung bei seinen Schülern geholt, aber sie haben gemeint, ich würde sie nur verwirren.« Seine Hände verkrampften sich um die Knie. Er mußte wieder an die Geduld denken, die sein Vater mit diesen Schülern gehabt hatte. Bilder an die vorgeschriebenen Opfer, die er in den letzten Tagen am Grabmal seines Vaters dargebracht hatte, tauchten auf. Dabei wollte er gar nicht an seinen Vater denken. Das war auch der Grund gewesen, warum er sich völlig auf Katapulte konzentriert hatte. Aber nun war das Thema doch da, und er scheute davor zurück. »Ich hatte nicht vor, dich zu langweilen, gnädige Dame. Bedauerlicherweise verstehe ich nicht, weshalb du mich hierhergebeten hast, nur um mir zu sagen, daß dein Bruder faire Verhandlungen mit mir führen möchte. Hat er dich geschickt?«
Mit weit aufgerissenen Augen schaute sie ihn an, dann wurde sie rot. »Nein«, sagte sie.
»Dann verstehe ich nicht.«, fing er an, aber nach einem Blick zu ihr hinüber tat er es doch. Sie saß da und beobachtete ihn mit ängstlichen Augen und schamroten Wangen. Nur ihr hocherhobener Kopf deutete auf eine entschlossene Haltung hin. Hieron hatte sie nicht geschickt. Allein und tiefverhüllt war sie gekommen, um sich insgeheim mit ihm zu treffen. Eigentlich hätte er sich darüber wundern sollen, hatte es aber nicht getan. Mit einem Schlag nahm die flüchtige, selbstlose Sympathie, die er für sie empfunden hatte, eine kristallklare Form an, deren Kanten so scharf waren, daß sie verletzen konnten.
»Es tut mir leid«, sagte er ergriffen und verängstigt zugleich. »Ich war dumm. Ich.«
Dann wußte er nicht mehr, was er sagen sollte, und so schauten sie sich nur an. Inzwischen waren beide knallrot geworden. Im Hinterkopf hörte er es warnend dröhnen: »Glücklicherweise hast du dich aufs Flötespielen beschränkt! Die Götter mögen verhüten, daß zwischen dir und der Schwester des Königs etwas passiert!« Was würde ein Tyrann einem Mann antun, der seine Schwester verführt hat?
Was würde die Schwester tun, wenn er sie zurückwies? Alte Sagen schwirrten ihm durch den Kopf: Bellerophon und Hippolytos -beide hatten Königinnen abgewiesen und waren hinterher von ihnen zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt worden. Wenn er Delia so anschaute, konnte er zwar kein Wort davon glauben - und doch war die Situation an und für sich schon unvorstellbar. Und die Sagen waren nicht aus der Welt zu schaffen, ob er ihnen Glauben schenkte oder nicht.
»Du darfst nicht glauben, daß ich das Vertrauen meines Bruders mißbrauchen möchte«, sagte sie plötzlich wild entschlossen. »Hieron hat mich immer nur freundlich behandelt, und ich würde ihm nie Schande bereiten.« Sie brach ab. Sie wußte ganz genau, daß sie längst das Vertrauen ihres Bruders mißbraucht und den ersten Schritt getan hatte, um seinem Haus Schande zu bereiten. Bis jetzt war es nur ein kleiner Schritt gewesen, aber dieses Treffen hatte ihr Herz nicht im geringsten von seiner Narretei heilen können, im Gegenteil. »Ich wollte dich doch nur besser kennenlernen«, fuhr sie noch verunsicherter fort. Plötzlich erkannte sie, daß sie ihm sogar noch schändlicher mitspielte als Hieron. Selbst durch ihr bisheriges Verhalten konnte sie ihn tief verletzen, seine Karriere vernichten und seinen guten Ruf ruinieren. Der König bat ihn mit größter Güte behandelt, und zum Dank dafür hat er dann versucht, die Schwester des Königs zu verführen! Verführung war ein Verbrechen, und sie verlangte sogar noch von ihm, daß er die Strafe des Verführers riskierte, ohne wenigstens die entsprechende Belohnung erhalten zu haben. Schamlos! Egoistisch! Herzlos! Sie wandte sich ab. Vor Scham zerriß es ihr fast das Herz. Scham, wohin sie nur schaute. Sie zog ihren Schleier nach vorne, um die heißen Tränen zu verbergen, die ihr aus den Augen quollen.
Einen Augenblick schaute er sie nur an - die Tränen, die Verwirrung. Dann vergaß er - wie üblich -, daß sie die Schwester des Königs war, und ergriff ihre verkrampfte Hand. Ein hoffnungsloser Blick traf ihn aus ihren nassen, roten Augen. Ein Kuß schien die natürlichste Sache der Welt zu sein. Und das tat er dann auch. Es war, als ob er den Urgrund aller Dinge gefunden hätte, die Lösung des Rätsels, es war, als ob er nach Hause gekommen wäre. Ein ganzer Notenregen fiel taktgenau auf einen Schlag, und zwei Tonlagen verschmolzen in völliger Harmonie.
Sie löste sich zuerst, schob ihn mit dem Handgelenk zurück, schlang die Arme um sich und versuchte, ihr inneres Chaos in schlüssige Emotionen zu bündeln. »Oh, ihr Götter!« rief sie verzweifelt.
»Tut mir leid«, meinte er betreten. Es war eine Lüge. Ihm tat nichts leid. Er freute sich riesig und fühlte sich geschmeichelt. Er hatte Angst und hätte am liebsten nichts damit zu tun gehabt. Und ganz tief drinnen war noch etwas, was alles noch viel komplizierter machte: Delia hatte ihn verzaubert. Dieses kluge, stolze, entschlossene Mädchen mit den wunderschönen, schwarzen Augen und einem herrlich geformten, warmen Körper, der in seinem eigenen ein unerhörtes Prickeln hinterlassen hatte. Er wollte nicht nur mit ihr schlafen, sondern danach gemeinsam mit ihr im Bett sitzen und reden und lachen und Flöte spielen. Wie bei einem neuen Theorem eröffnete sie ungeahnte, weit verzweigte Möglichkeiten, eine ganze Stufenleiter logischer Zusammenhänge aus wenn und dann bis zum abschließenden was zu beweisen war.
Leider war es um die meisten Möglichkeiten nicht gut bestellt. Nach einem Moment fügte er zweifelnd hinzu: »Hältst du es wirklich für ratsam, daß wir uns besser kennenlernen?«
»Nein«, sagte sie, halb lachend, halb schluchzend. »Ich halte es für ziemlich dumm.«
Aber, aber, sagte etwas in ihrem Blut, aber ich will dich. Ich will, daß du mich noch einmal küßt, ich will dein Gesicht berühren und dir mit den Fingern über die Haare streicheln. Deine Augen sind wie Honig, weißt du das? Aber, dich ruinieren und Hieron Schande bereiten - nein.
»Ich dachte, es würde mich überzeugen, daß ich’s nicht will«, gestand sie kläglich, »aber es kam anders.«
Er seufzte. Nein, sie war nicht Phaedra und er nicht Hippolytos. Er mußte wieder an das Lied denken, das er nach der Fertigstellung des »Begrüßers« auf dem Weg zu ihrer Tür gesummt hatte. Die flehentliche Bitte an Aphrodite um die Liebe dieses Mädchens. Offensichtlich hatte ihn die Göttin erhört. Die das Lachen liebt, so nannte man Aphrodite, aber ihr Sinn für Humor schien ins Schwarze zu gehen. Wenn doch sein Vater noch lebte! Nicht daß er mit Phidias darüber hätte reden können - bei den Göttern, nein! -, aber wenigstens wäre dann sein Herz frei von diesem schmerzhaften Verlust und dem Bedürfnis, Trost zu finden. »Und was machen wir jetzt?« fragte er. Aber kaum hatte er den Satz ausgesprochen, erkannte er, wie tödlich schwach es war, ihr die Entscheidung zu überlassen. Andererseits war ihm völlig klar, was sie tun sollten, auch wenn es nichts mit dem zu tun hatte, was er tun wollte.