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Sie war schon immer stolz auf ihre Willensstärke gewesen. Vielleicht war sie nicht so elegant und majestätisch wie ihre Schwägerin und nicht so bescheiden und charmant wie die Mädchen, mit denen sie unterrichtet worden war, dafür besaß sie Charakterstärke. »Wir sollten tun, was klug ist«, sagte sie bestimmt und -bedauerte es sofort. Ein Blick auf ihn sagte ihr, daß auch er es bedauerte. Sie streckte die Hand aus und legte sie auf sein Gesicht. Sofort küßte er sie wieder. Genau das hatte sie gewollt, auch wenn es nicht klug war.

Kurze Zeit später verließ sie den Garten. Entschlossen hatte sie alle Pläne für ein Wiedersehen abgelehnt. Und doch dachte sie schon längst wieder darüber nach, wie einfach alles zu arrangieren wäre. Und bereits jetzt hegte sie den Verdacht, daß die Klugheit nicht siegen würde.

Nur acht Tage später tauchten die Römer vor den Toren von Syrakus auf - zwölf Tage nach dem Begräbnis von Phidias.

Archimedes hatte den Großteil der Zwischenzeit mit dem Bauen von Katapulten verbracht. Selbst während seiner Vorbereitung für die Vorführung war er immer wieder in der Werkstatt aufgetaucht, und nach dem Begräbnis begrub er sich buchstäblich in Arbeit. Er wollte weder an seinen Vater noch an seine eigene Zukunft denken und schon gar nicht an das Netz, in das er sich gemeinsam mit Delia immer mehr verstrickte. Sie hatte ihm eine Nachricht geschickt, um ein zweites Stelldichein zu arrangieren. Ich darf nicht gehen, hatte er sich gesagt, und war dann doch aufgetaucht. Sogar zu früh. Vom Arethusa-Brunnen aus waren sie zu einem ruhigen Platz in der Nähe des Apollon-Tempels spaziert, wo sie sich hingesetzt und Flöte gespielt hatten. Das heißt, sie hatte ihre Flöten mitgebracht. Und natürlich hatten sie sich geküßt. Insgesamt war alles ganz unschuldig und lieb gewesen, und er hatte keine Ahnung, was daraus werden sollte. Vermutlich nichts Gutes. Solange er aber jeden wachen Moment nur an Katapulte dachte, mußte er nichts befürchten.

Früher war es in der Werkstatt ruhig gewesen, aber in den letzten zwölf Tagen war Hektik ausgebrochen. Man hatte zusätzlich Handwerker aus der Armee abkommandiert, die beim Nageln und Sägen helfen sollten. Kaum waren die Entwürfe fertig, wurden die Katapulte auch schon zusammengebaut - immer zwei gleichzeitig, das eine von Archimedes, das andere von Eudaimon. Seit dem gelungenen Test des »Begrüßers« hatte sich der alte Katapultingenieur mürrisch und abweisend verhalten. Allerdings ging er jedem möglichen Streit aus dem Wege und konzentrierte sich ganz auf die Kopie der archimedischen Entwürfe: einen Ein-Talenter wie den »Begrüßer« und zwei Hundert-Pfünder. Archimedes kam regelmäßig hinzu und prüfte, ob die Maße der Kopien stimmten. Jede fertige Kopie brachte ihm zehn Drachmen ein.

Kallippos hatte als Oberingenieur die gesamte Verantwortung für die Verteidigungsanlagen der Stadt. Das hieß in erster Linie, daß er Stützpfeiler oder Brüstungen für die Mauern bestellte und Anweisungen gab, wo die Katapulte aufzustellen waren. Die Kopie des »Begrüßers« kam zusammen mit zwei Hundert-Pfündern aufs Eurya-lus-Fort, ein anderer Hundert-Pfünder ans Südtor mit Blickrichtung auf die Sümpfe. Als Archimedes mit dem Zwei-Talenter anfing, kam Kallippos hinzu, um sich angesichts der tatsächlichen Größe für den zukünftigen Stellplatz zu entscheiden. In Wirklichkeit fiel die Maschine nicht ganz so mächtig aus, wie ihr Konstrukteur ursprünglich befürchtet hatte. Man hatte das Bohrloch lediglich um fünf Finger Breite erweitern müssen, was insgesamt einer Vergrößerung von rund einem Viertel entsprach.

»Das können wir beinahe überall aufstellen«, erklärte Kallippos nach einem prüfenden Blick auf den elf Meter langen Ladestock mitten auf dem Werkstattboden. »Zum Beispiel im Hexapylon, im Stockwerk unter dem >Begrüßer<.«

»Wir könnten ihn ja >Gute Gesundheit< nennen«, lautete der listige Vorschlag des Vorarbeiters Elymos. »So wie in >Willkommen in Syrakus<!« Er klatschte mit der Faust in die offene Hand. »Allerbeste Gesundheit!« Wieder ein kräftiges Klatsch!

Die übrigen Handwerker lachten, und auch Kallippos lächelte. »Und den Drei-Talenter, den nennen wir dann >Schönen Gruß<?« fragte er Archimedes.

Archimedes blinzelte. Er hatte sich in Gedanken gerade vorzustellen versucht, ob das Katapult im Stockwerk unter dem »Begrüßer« Platz hätte. »Vermutlich«, sagte er, »aber schau mal, ich, äh, schätze, wir werden eine größere Plattform brauchen. Nicht für die Maschine, aber für die Männer, die sie bedienen. Der Hof liegt tief unten. Die Plattform befindet sich zwar auf Bodenhöhe, aber um hinaufzukommen, muß man immer noch ein paar Stufen steigen. Die, äh, Munition wird schwer sein. Zur Beförderung werden wir einen Aufzug brauchen. Und beim Hochziehen werden die Männer Platz zum Stehen brauchen und dann.« Er zögerte, sah sich um, fand ein Hölzchen und kauerte sich hin, um auf dem schmutzigen Boden alles aufzuzeichnen, was die Katapultmannschaft benötigte.

Aufmerksam schaute Kallippos zu, dann kauerte er sich daneben und warf Bemerkungen ein wie zum Beispieclass="underline" »Der Hauptstützbalken vom Dach ist ungefähr hier« und »Du kannst den Kran nicht aufs Dach stellen; unter Beschuß viel zu exponiert.« Nach einer kleinen Weile nahmen die Handwerker rings um die beiden Ingenieure wieder ihre Arbeit auf. Wütend bellten die Ingenieure ein paar Befehle, daß niemand auf ihre Skizzen treten dürfe. Letztlich gaben sie es aber auf und zogen sich in einen ruhigeren Teil der Werkstatt zurück, wo sie ihre Pläne mit Kreide an die Wand zeichneten. Nach den Kränen waren Feuerbögen und Außenwerke an der Reihe, und als der Oberingenieur endlich aufbrach, schüttelte er Archimedes herzlich die Hand und erklärte: »Ich werde mich darum kümmern.« Als Archimedes die beiden fertigen Zwei-Talenter zum Hexapylon hinausbegleitete, fand er den größten Teil seiner vorgeschlagenen Änderungen bereits fertig vor.

Am selben Tag kamen die Römer an. Als das Fuhrwerk mit dem Katapult vor dem Fort anhielt, schwirrten erregte Gerüchte durch die Garnison. Soeben war ein Kundschafter mit der Meldung heraufgaloppiert, daß eine riesige Römerarmee heranrücke. In wenigen Stunden wären sie da.

Natürlich hatte es immer wieder neue Nachrichten gegeben, seitdem Hieron in die Stadt zurückgekehrt war. Kurz nachdem die Syra-kuser Messana verlassen hatten, hatten die Römer einen Ausfall gewagt und die restlichen Belagerer, die Karthager, angegriffen. Den Karthagern war es, wie zuvor den Syrakusern, gelungen, den Angriff abzuwehren. Und anschließend hatten sie sich, genau wie die Syra-kuser, zum Rückzug entschlossen. Sie hatten keine Lust, die Belagerung ohne die Unterstützung ihrer Verbündeten fortzusetzen. Die Römer waren noch kurze Zeit in Messana geblieben. Offensichtlich waren sie sich nicht einig, ob sie den Karthagern oder den Syrakusern nachsetzen sollten. Als sie sich endlich entschieden hatten, marschierten sie direkt nach Süden, Richtung Syrakus.

Die Römer verfügten über zwei besonders verstärkte Legionen -zehntausend Mann -, und dazu kam noch die Armee ihrer Verbündeten, der Mamertiner, die allein fast so stark war wie die syrakusische Armee. Die Syrakuser waren zahlenmäßig unterlegen und standen einem Feind gegenüber, der für seine Härte und Disziplin berühmt war. Deshalb hatten sie auch nicht die geringste Absicht, sich aufs offene Schlachtfeld zu begeben. Von draußen überschwemmten Flüchtlinge aus Höfen und Dörfern die Stadt. Was sie von ihrem Hab und Gut tragen konnten, brachten sie mit und jammerten, weil sie gezwungenermaßen ihre Ernte im Stich lassen mußten. Aber wie Hieron gesagt hatte: die Hoffnung von Syrakus ruhte auf seinen Mauern und - seinen Katapulten.