Der Hauptmann des Hexapylon freute sich riesig, Archimedes wiederzusehen. »Das ist der Zwei-Talenter?« fragte er, sobald das Fuhrwerk zum Stehen gekommen war. »Gut, gut! Seht zu, daß ihr’s rechtzeitig hinaufbringt, damit wir den Römern bei ihrer Ankunft gute Gesundheit wünschen können, ha!« Und damit gab er Anweisung, daß Männer helfen sollten, das Katapult auf seine vorgesehene Plattform zu bewegen.
Dank der begeisterten Helferschar und den Kränen von Kallippos, waren die Katapultteile rasch an Ort und Stelle. Erst später stellte Archimedes zu seinem Erstaunen fest, daß er nicht einmal selbst am Seil hatte ziehen müssen. Er war mitten im Zusammenbauen, da kam Hieron mit einem Trupp Gardesoldaten an. Sofort ging er auf die Plattform hinauf und schaute Archimedes stumm beim Einfädeln der Flaschenzüge zu. Archimedes mußte sich wie wild konzentrieren, um den vor Interesse funkelnden Augen aus dem Weg zu gehen.
»Wird es genausogut funktionieren wie die anderen?« fragte der König, als der Ladestock auf seiner Lafette fixiert war.
»Hm?« machte Archimedes, der gerade an der Hebeschraube herumfummelte. »Oh. Ja. Obwohl, wird vielleicht nicht ganz die Reichweite des >Begrüßers< haben.« Er lief am Ladestock entlang zum Auslöser und zielte am Schlitten entlang. Plötzlich fuhr er mit einem Ruck hoch. Auf der Straße nach Norden war ein riesiger Schatten aufgetaucht - ein Schatten, der in der grellen Mittagssonne glitzerte, die sich an Tausenden von Speerspitzen brach. Schockiert schaute er den König an.
Hieron erwiderte seinen Blick und nickte. »Ich denke, sie werden zuerst ihr Lager aufschlagen, bevor sie unseren Widerstand testen«, sagte er. »Du mußt dich also mit dem Stimmen nicht abhetzen.«
Aber die Römer waren ungeduldig. Der Hauptteil der Armee machte auf den Feldern nördlich des Epipolaeplateaus halt und begann sich einzugraben, während sich eine kleinere Gruppe deutlich sichtbar auf der Straße versammelte. Die Männerscharen formierten sich zu zwei quadratischen Blöcken, vor denen eine unregelmäßige Reihe weiterer Soldaten in Aufstellung ging.
Hieron, der zur Schießscharte hinaussah, schnaubte bestürzt.
»Zwei Bataillone?« Seine Frage war an niemanden direkt gerichtet. »Zwei - wie nennen sie es? - Manipel? Nur knapp vierhundert Mann. Was denken die sich eigentlich dabei?«
Wie zur Antwort setzten sich die beiden Blöcke Richtung Syrakus in Bewegung, der eine links und der andere rechts von der Straße. »Entdeckt irgend jemand mit besseren Augen als ich einen Herold oder irgendwelche Friedenssignale?« erkundigte sich der König mit lauter Stimme.
Niemand sah irgendein Zeichen, daß die Römer zum Reden gekommen waren.
Hieron seufzte und starrte die beiden Manipel noch eine Weile mit verächtlicher Miene an, dann sagte er: »Na schön« und schnalzte mit den Fingern. »Laßt die Männer Aufstellung nehmen«, befahl er seinem Stab. »Ich möchte ihnen ein paar Dinge mitteilen.«
Die syrakusischen Soldaten stellten sich ordentlich in Reih und Glied im Innenhof des Forts auf und wandten die Gesichter der nach hinten offenen Katapultplattform zu, wo der König stand. Die reguläre Besatzung des Hexapylons bestand aus einer einzigen Reihe von Fußvolk, also sechsunddreißig Mann. Dazu kamen noch Diener, Laufburschen und der übliche Anhang. Der König hatte noch vier weitere Reihen mitgebracht. Aber die Menge, die sich nun versammelt hatte, betrug weit über dreihundert. Da begriff Archimedes, daß inzwischen noch Männer aus den Einheiten auf der Mauer dazugestoßen sein mußten, während er mit dem Katapult beschäftigt gewesen war. Hieron hatte dort, wo man mit dem ersten Angriff rechnete, einige Streitkräfte konzentriert - allerdings nicht zu viele. Schließlich mußten rundum auf vierundzwanzig Kilometer Mauerlänge Syrakuser in Alarmposition stehen und ständig die Spannung ihrer Katapulte prüfen und Nachschub für die Munition ordnen. Wer konnte schon wissen, welchen Weg die Römer einschlagen würden?
Hieron schritt zum Rand der Plattform und schaute auf die Helmreihen vor sich hinaus. Alle hatten zum besseren Zuhören die Bak-kenklappen hochgeschlagen. Nach einem scheuen Blick über die Reihen fühlte sich Archimedes fehl am Platz, ging zu »Gute Gesundheit« zurück und widmete sich wieder seiner Arbeit an den Sehnen. Entgegen dem Ratschlag des Königs, hatte er das Katapult in Windeseile feuerfertig gemacht, nun mußte man es nur noch stimmen. Er kletterte mit dem Drehkreuz auf den Ladestock.
»Männer«, rief der König mit kräftiger, klarer Stimme, »die Römer haben beschlossen, uns ein paar von ihren Kerlen herzuschik-ken, um zu testen, ob wir Zähne haben. Wir werden sie so nahe herankommen lassen, wie sie wollen, und dann werden wir so fest zubeißen, daß sich ihre Freunde bei diesem Spektakel vor Angst in die Hosen machen werden.«
Die Soldaten brüllten zustimmend und donnerten mit ihren Speerenden auf den Boden. Archimedes wartete, bis der Lärm verebbt war, dann schlug er das zweite Sehnenbündel an.
»Gut!« sagte Hieron. Der Ton verstummte. »Also tut nichts, was sie zu früh erschrecken könnte! Kein Gebrüll und absolute Feuerpause, bis ich das Kommando gebe. Und wenn sie dann schön nahe sind, werden wir ihnen ein herzliches Willkommen bereiten. Vermutlich wißt ihr ja, daß wir hier ein paar neue Katapulte stehen haben, die speziell zur Begrüßung der Römer gebaut wurden. Das eine heißt der >Begrüßer< und das andere sagt >Gute Gesundheit!<. Wenn dir ein Zwei-Talenter gute Gesundheit wünscht, fehlt dir hinterher nichts mehr!«
Wieder brüllten sie, aber diesmal vor Lachen. Irritiert schaute sich Archimedes um und versuchte dann wieder, die Sehnen anzuschlagen.
»Ich möchte, daß ihr sie zerschmettert1.« schrie der König und drosch mit der Faust durch die Luft. »Sobald die Katapulte ihre Arbeit getan haben, können die Burschen, die mit mir heraufgekommen sind, hingehen und die Einzelteile einsammeln und sie hierherbringen. Und wenn möglich, will ich Gefangene sehen. Aber die Hauptaufgabe ist heute, daß wir dem Feind zu verstehen geben, was ihn bei einem Angriff auf Syrakus erwartet. Verstanden?«
Als Antwort brachen die Männer in Kriegsgeschrei aus, ein wildes Heulen, das sie unmittelbar vor dem Nahkampf ausstießen: Ala-la! Hieron riß die Arme über den Kopf, daß sein Purpurmantel nur so flatterte, und schrie: »Sieg für Syrakus!« Entnervt setzte Archimedes das Drehkreuz ab. Hieron wandte sich von den jubelnden Truppen ab und drehte sich zu Archimedes um. »Hoffentlich ist es auch wirklich feuerbereit?« fragte er wieder mit normaler Stimme.
»Das wäre es schon«, meinte Archimedes empört, »wenn du nur still sein würdest!«
Hieron grinste und bedeutete ihm mit einer entschuldigenden Handbewegung, er solle weitermachen. Ein Mann aus der Katapultmannschaft schlug die bereits fixierten Sehnen an, woraufhin Archimedes seine eigenen Sehnen anriß. Zu tief. Er zog die Sehnen anderthalb Umdrehungen an, riß sie erneut an und nickte dem Katapultmann zu. Während der erste Ton noch nachhallte, schnalzte der Mann einen scharfen, dumpfen Ton heraus. Beide Noten verschmolzen in der Stille zu einem einzigen, tiefen und tödlichen Ton.
»Es ist fertig!« sagte Archimedes atemlos. Der König lächelte kurz, nickte und ging weg, um vom Tor aus zuzusehen.
Nervös tätschelte Archimedes »Gute Gesundheit«, dann ging er zur offenen Schießscharte hinüber, um seinerseits zuzusehen. Nur vage registrierte er die Katapultbewegungen neben sich, als die neue Mannschaft versuchsweise die Position von Winden und Hebeschraube am vorrückenden Feind ausprobierte. Auf den Feldern jenseits der Mauer rückten die Römer langsam, aber stetig über den Hügel auf die Mauern von Syrakus vor.