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An der Grenze der Katapultreichweite sah sich der Feind mit einem tiefen Graben und einer Böschung konfrontiert. Einen Augenblick zögerten sie, denn stemmten sie ihre Schilde über die Köpfe und trampelten nacheinander in den Graben hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Ihre Schilde waren rot bemalt. Die Männer wirkten bei ihrem Abstieg wie ein Schwarm von Leuchtkäfern.

Archimedes hörte, wie jemand hinter ihm heraufkam. Als er sich prüfend umdrehte, erkannte er Straton. »Oh«, meinte er nur vage und wandte sich wieder dem Aufmarsch der Römer zu.

»Tut mir leid, daß ich deine Vorführung verpaßt habe«, sagte der Wachsoldat so beiläufig, als ob sie sich am Marktplatz getroffen hätten. »Leider hat mich der Hauptmann gerade an dem Tag die Latrinen reinigen lassen.«

Verblüfft schaute Archimedes ihn an, aber Straton grinste nur. »Ich hatte mit ein paar Kameraden aus meiner Einheit gewettet, daß du’s schaffst, und dann gab’s deswegen ein bißchen Zoff. Der Hauptmann kann Zoff nicht ausstehen. Trotzdem habe ich mit dir und deinem Schiff einen ganzen Monatslohn verdient. Und nun bin ich hier, um mich zu bedanken.«

Archimedes zuckte verlegen die Schultern. »Warum haben die Leute gedacht, daß es unmöglich ist? Ich verstehe das nicht. Schließlich gibt es schon seit Jahrhunderten Flaschenzüge.« Seine Augen wurden wie von einem Magneten von den Römern angezogen. Inzwischen waren sie längst innerhalb der Katapultreichweite angelangt und ähnelten mehr Menschen und weniger Insekten. »Wie nahe will sie König Hieron denn herankommen lassen?« fragte er.

»Du hast’s doch selbst gehört!« erwiderte Straton überrascht. »So nahe, wie sie nur wollen! Schau, man hat sie hier heraufgeschickt, damit sie uns aus der Nähe anschauen und herausfinden, was wir zur Verteidigung aufbieten können. Wahrscheinlich haben sie Befehl, sich beim ersten Schuß unsererseits zurückfallen zu lassen. Diese Idioten haben schon jeden Sicherheitsabstand unterschritten - und das auch noch in loser Formation.«

Archimedes kaute an seinem Daumennagel herum. Auch die Absenkung eines Katapults hatte Grenzen: Wenn die Römer zu nahe waren, wären sie innerhalb des Feuerbogens. »Und was passiert, wenn sie die Mauern stürmen?« fragte er.

»Das denke ich nicht«, antwortete Straton. »Wenn diese Kerle auch nur die geringste Ahnung von Katapulten hätten, wären sie nie so nahe herangegangen wie jetzt. Und du brauchst ’ne Menge Erfahrung, bis du deine Füße davon überzeugst, daß es sicherer ist, auf den Feind zuzurennen als von ihm weg. Aber wenn sie schon so dumm sind und es unbedingt ausprobieren wollen - wir haben genug Leute hier, um sie auszulöschen.«

Endlose Minuten standen beide da und starrten auf die Schildreihen hinunter, die immer näher rückten: zwei Blöcke in offener Formation, zwölf Mann tief, mit einer Doppellinie als Vorderfront. Inzwischen konnte man erkennen, daß es sich bei den vordersten Männern um leichtbewaffnete Plänkler handelte, die lediglich mit ein paar Wurfspeeren sowie Helm und Schild bewaffnet waren. Dagegen trugen die Männer im Glied Brustpanzer und schwerere Stoßlanzen. Vor jedem Einzelblock schimmerten die Standarten, vergoldete Adler auf hohen Stangen. Die langen, scharlachroten Banner daran zitterten, während sich die Standartenträger vorsichtig über den unebenen Boden bewegten. »Idioten!« flüsterte Straton. »Kapieren die gar nichts?«

Vielleicht waren die Römer Idioten, aber die Stille auf den Mauern machte sie eindeutig nervös. Ihr Marschtempo wurde immer langsamer. Schließlich hielten sie an.

Archimedes spürte einen Luftzug an seiner Schulter. »Gute Gesundheit« senkte die Schnauze. Er trat von der Schießscharte zurück und ging am Ladestock des Katapults entlang zur neuen Mannschaft hinüber. Insgesamt waren es drei: einer zum Laden, einer zum Feuern und ein Helfer. Alle drei grinsten. Dann ließ der Mannschaftsführer, ein zäher Mann, der zwanzig Jahre älter war als Archimedes, den Auslöser los und trat beiseite. »Willst du dein neues Katapult ausprobieren, Obermechaniker?«

Bei diesem Spitznamen blinzelte Archimedes, nickte aber und ging zum Fuß des Katapults, um am Ladestock entlangzupeilen. Die Maschine war bereits ausgerichtet und geladen. Durch die Schußöffnung starrte er direkt auf die Luft über einem römischen Standartenträger. Der Mann war gerade mal knapp hundert Meter entfernt. Archimedes konnte den sandfarbenen Bart unter dem Wolfsfell ausmachen, das er sich über seinen Helm gebunden hatte. Der Standartenträger hatte seinen Schild gesenkt, während er sich mit einem Mann mit rotem Helmbusch unterhielt. Unter den Augen von Archimedes passierten die leichtbewaffneten Truppen die beiden Männer und fielen in die Formationslücken der schweren Infanterie zurück. Eines stand fest: Die Römer hatten beschlossen, daß sie weit genug vorgestoßen waren und sich nun zurückziehen sollten. Genau auf diesen Moment schien Hieron gewartet zu haben. Von oben und die Stadtmauer entlang gellten Befehle, dann knallten plötzlich Katapultarme gegen die Ladestockplatte. Die Luft wurde dunkel vor Geschossen. Sofort hob der Standartenträger wieder seinen Schild über den Kopf. Aus dem darüberliegenden Stockwerk bellte dumpf der »Begrüßer« auf und dann - nur noch Schreie.

»Jetzt, Herr!« sagte der Katapultführer ungeduldig. »Jetzt!«

Archimedes fummelte am Abzug herum.

Die Stimme von »Gute Gesundheit« war tiefer als die des »Be-grüßers«, ein furchterregendes Bellen, das in einem Eisenknall endete. Der Stein flog viel zu schnell, um ihn mit den Augen zu verfolgen. Und dann - lag der Standartenträger am Boden und das Geschoß fegte durch die Reihen hinter ihm wie eine Harpune durchs Wasser. Schreie - sie waren so nahe, daß die Schreie deutlich die höhnischen Hoppiarufe übertönten, mit denen die Katapultmannschaft ihr Ziel in die Knie sinken sah. Archimedes taumelte zurück, starrte aber noch immer am Ladestock entlang zur Katapultöffnung und zur Schießscharte hinaus. Der Körper des Standartenträgers lag rücklings verkrümmt auf der Erde. Oben war alles rot. Er hatte keinen Helm mehr - nein, keinen Kopf! Der zwei Talente schwere Stein hatte ihm den Kopf abgerissen und war dann auf seiner Todesspur weitergefegt, auf alles zu, was hinter dem ersten Mann in der Schußlinie stand.

»Schnell!« brüllte der Katapultmann und wand bereits wieder die Sehnen zurück. »Nachladen!«

Seine beiden Helfer hatten den Kran bereits vorbereitet. Ein neuer Stein wurde eingepaßt. Auf dem Stockwerk über ihnen brüllte der »Begrüßer« erneut auf. Bei einem scheuen Blick an der Schußlinie entlang entdeckte Archimedes eine neue Reihe Gefallener im römischen Manipel. Allerdings war sie diesmal nicht so lang. Nach dem vierten, fünften Opfer schien dem Ein-Talenter die Luft auszugehen. Aber als er die Augen hob, sah er, daß auch die hinteren Reihen einbrachen. Die kleinen, weitreichenden Skorpione entlang der Mauerbrüstung attackierten mit ihren Pfeilen systematisch den Schwanz des Römerheeres. Die Römer suchten noch immer unter ihren Schilden Deckung, aber die Katapultbolzen durchschlugen Holz, Leder und Bronze genauso wie Fleisch und Knochen. Von den oberen Forttürmen feuerten die leichteren Steinschleudern eine Salve nach der anderen. Zehn, fünfzehn, ja sogar dreißig Pfund schwere Geschosse donnerten mit brutaler Gewalt in die mittleren Reihen. Unter dem Dauerbeschuß von vierzig Katapulten fielen die Römer wie Gras vor der Sense.

Archimedes hatte nur wenige Sekunden hinausgeschaut. Neben ihm bellte »Gute Gesundheit« schon wieder auf. Wieder zog sich eine blutige Furche von vorne nach hinten durch das Römerheer. Neue Schreie übertönten das andauernde Heulen und endlose Dröhnen der Katapultarme gegen die Ladestockplatten. »Nachladen!« brüllte der Katapultführer aus Leibeskräften. Stöhnend wurde die Sehne wieder zurückgewunden.

Drunten auf dem Feld warfen die Römer jetzt ihre Schilde weg und rannten davon, so schnell es ging. Aber noch im Fliehen folgte ihnen der Todessturm und mähte sie nieder.