»Oh, ihr Götter!« flüsterte Archimedes. Noch nie in seinem Leben hatte er gesehen, wie jemand getötet wurde.
Auch Straton starrte zur Schießscharte hinaus. Sein Gesicht war zu einem Grinsen verzogen, das mehr an ein Zähnefletschen erinnerte. Seine Faust hob und senkte sich im Gleichklang mit dem Dröhnen der großen Katapulte. »Willkommen in Syrakus, ihr barbarischen Arschlöcher«, murmelte er. »Gute Gesundheit!« Plötzlich richtete er sich auf und zog die Backenklappen seines Helms herunter. »Zeit zum Einsammeln der Überreste«, sagte er und rannte leichten Schritts die Stufen hinunter, um sich seiner Einheit anzuschließen. Als er ging, bellte »Gute Gesundheit« schon wieder auf.
Archimedes verließ die Katapultplattform und setzte sich auf die Stufen. Sobald er die Augen schloß, sah er den kopflosen Leib des Standartenträgers liegen. Was war mit dem sandfarbigen Bart passiert? Über den ganzen Stein verteilt - oh, Apollon! - genau wie das Gehirn und das Blut des Mannes. Sein Katapult!
Plötzlich Trompetengeschmetter und dann erklang der hohe, süße Ton eines Sopran-Aulos, der die Männer zum Gefecht blies. Das Gebell der Steinschleudern verstummte. Nur noch die Pfeilgeschütze schossen dröhnend die fliehenden Römer ab. Aber von den Syraku-sern war kein Kriegsgeschrei zu hören. Es war, wie Hieron versprochen hatte: die Römer waren bereits zerschmettert. Die Syrakuser mußten nur noch die Einzelteile einsammeln. Und schließlich verstummte auch das Stottern der Skorpione.
Von den knapp vierhundert Römern, die gegen die Stadt vorgerückt waren, kehrten vielleicht fünfundzwanzig Mann in ihr Lager zurück. Ungefähr weitere dreißig ergaben sich den Syrakusern. Sie hatten sich zu Boden geworfen, um nicht erschossen zu werden. Vierundfünfzig weitere Gefangene mußten in die Stadt getragen werden. Ihre Verletzungen waren so stark, daß sie nicht mehr laufen konnten. Und der Rest war - tot.
Hieron ging durchs Hexapylon und gratulierte seinen Männern. Als er zur Plattform von »Gute Gesundheit« kam, war die neue Katapultmannschaft gerade dabei, die Sehnen zu lockern. Dauerspannung würde die Maschine überlasten, und außerdem war klar, daß die Römer am heutigen Tag keinen weiteren Sturmangriff versuchen würden. Der neue Ingenieur des Königs war spurlos verschwunden.
»Wo ist Archimedes?« fragte Hieron und schaute sich stirnrunzelnd um.
»Heimgegangen, königlicher Herr«, sagte der Katapultführer und kletterte vom Ladestock. »War ein bißchen grün um die Nase. Meiner Meinung nach hat er noch nie so ein Ding in Aktion gesehen. Außerdem war er hier sowieso fertig.«
»Aha«, sagte der König. Die Stirnfalten vertieften sich.
»Das kann ihn doch nicht erschüttert haben!« protestierte der Helfer verblüfft. »Schließlich hat er die Maschine gebaut. Er muß doch gewußt haben, was sie anrichtet.«
»Zwischen Wissen und Wissen ist ein Unterschied«, stellte Hieron leise fest. »Jeder Reiter weiß zum Beispiel, daß es gefährlich ist, bergab zu galoppieren. Trotzdem gibt es jede Menge Reitersoldaten, die’s ständig tun, weil es so kühn und schneidig aussieht. Ich kannte mal einen, der hat dabei ein Pferd getötet und sich dreifach den Arm gebrochen. Anschließend hatte er begriffen, daß es gefährlich war.«
»Und er hat’s nie wieder getan?« fragte der Katapulthelfer erwartungsvoll.
Der König warf ihm einen scharfen Blick zu. »Er konnte sich nie wieder zum Galoppieren überwinden. Mußte sogar die Reiterei verlassen. Zwischen Wissen und Wissen ist eben doch ein Unterschied.« Dann fiel sein Blick auf »Gute Gesundheit«. Die Stirnfalten verschwanden. »Ich habe schon bemerkt, daß diese Maschine genauso gut funktioniert wie ihr Bruder.«
Der Katapultführer seufzte zufrieden und tätschelte die neue Maschine. »Königlicher Herr«, sagte er, »es ist die beste, die ich je bedient habe. Ich weiß ja nicht, was du dem Burschen dafür bezahlst, aber du solltest die Summe verdoppeln. Bis sie außer Reichweite waren, konnten wir fünfmal feuern. Es war so einfach, wie wenn man mit der Schlinge auf Amseljagd geht. Drei unmittelbare Treffer, ein Teiltreffer, ein Fehlschuß. Die Reichweite beträgt ungefähr hundertzwanzig Meter. Wahrscheinlich hat dieses Schätzchen dreißig oder vierzig Feinden für immer gute Gesundheit gewünscht. Königlicher Herr, eine Maschine wie diese.«
»Ich weiß«, sagte Hieron. »Gut gemacht! Wir haben dem Feind ein, zwei Dinge über Syrakus beigebracht, was?«
Als er die Rede an seine Männer beendet und Anweisungen zur Bewachung der Römer und zur Behandlung der Gefangenen gegeben hatte, ging Hieron wieder zum Torturm zurück, von dem aus er den Sturmangriff beobachtet hatte, und kletterte ins oberste Stockwerk hinauf. Ein einzelner Skorpion kauerte dort verlassen. Sein Schütze war bereits gegangen und hatte zuvor für die Nacht die Sehnenspannung gelockert. Der König starrte zur Schießscharte hinaus zu den Römern hinüber, die sich inzwischen für die Nacht komplett verschanzt hatten. Anschließend drehte er sich um und schaute in die entgegengesetzte Richtung hinaus, auf die Stadt Syrakus.
Von diesem Blickwinkel aus lag der Großteil der Stadt im Schutze des Epipolae-Plateaus versteckt. Nur die Ortygia schob sich in ein leuchtendblaues Meer hinaus, und nach Süden hin konnte er das Seetor und den Flottenhafen erkennen. Rot-weiß schimmerte der Athene-Tempel herüber, während sich die vornehmen Häuser auf der Ortygia als grüne Flecken abzeichneten. Auf der Hafenseite war der Arethusa-Brunnen als leuchtend dunkelgrünes Areal zu erkennen. Die Luft flimmerte in der Nachmittagshitze und ließ die Stadt unwirklich und so wunderschön erscheinen wie eine Traumstadt auf einer Wolke bei Sonnenuntergang.
Hieron stieß einen langen Seufzer aus. Er spürte, wie sich allmählich die heiße, krankmachende Anspannung in ihm löste. Er setzte sich auf die Türschwelle und stützte das Kinn auf die gefalteten Hände. Seine herrliche Stadt, sein Syrakus. In Sicherheit - wenigstens momentan.
Er haßte das Töten. Voller Entsetzen hatte er die beiden römischen Manipel an die Stadt heranrücken sehen. Ihm war sofort klargewesen, was er ihnen antun würde. Jetzt dachte er an das selbstzufriedene Gesicht des römischen Oberbefehlshabers Appius Claudius und schluckte einen Klumpen puren Hasses hinunter. Diese vierhundert Männer auszuschicken, war haarsträubende Dummheit gewesen. Claudius hätte besser ein paar Späher im Schutze der Dunkelheit geschickt - oder mehrere tausend Mann in geschlossener Formation mit Belagerungsgeräten. Aber von Mechanik hatten die Römer keine Ahnung, und als echte Römer gaben sie das nur ungern zu. Vermutlich würde Claudius den fehlgeschlagenen Sturmangriff den Männern in die Schuhe schieben, die dabei gefallen waren. Zu wenig tapfer! Zu wenig entschlossen! Zu wenig vernünftig! Werft die Überlebenden aus dem Lager und gebt ihnen Gersterationen statt Weizen! Der General irrte, und die Männer mußten dafür büßen - so war es bei den Römern Brauch.
Vermutlich hatte es Claudius eilig, einen Sieg zu erringen, deshalb hatte er sofort Sturmangriff befohlen. Er war Konsul, vom römischen Volk in das höchste und mächtigste Amt gewählt - allerdings nur für ein Jahr, und davon war bereits mehr als die Hälfte vorbei. Vermutlich hatte man sich für einen Angriff auf Syrakus statt auf eine Karthagerstadt entschieden, weil sich Claudius eingebildet hatte, er könne schneller eine Stadt erobern, als ein großes, afrikanisches Reich besiegen. Und er wollte doch unbedingt im Triumph heimkehren. Appius Claudius, der Eroberer von Syrakus! Dann könnte er sich eines herrlichen Sieges rühmen und bekäme einen Triumphzug zu seinen Ehren. Zweifelsohne hatte man auch für Hieron längst einen Platz bei dieser Parade reserviert: zu Fuß und in Ketten, gleich hinter dem Triumphwagen.
Appius Claudius und der restliche Claudier-Clan waren die eigentlichen Urheber des Krieges auf Sizilien gewesen. Hieron sammelte regelmäßig Gerüchte aus Italien und wußte daher, daß der römische Senat sogar gegen den sizilianischen Feldzug gewesen war. Damals hatte Rom mit Karthago einen Friedensvertrag geschlossen, und die Senatoren hatten das Verhalten der Mamertiner ganz und gar nicht gebilligt. Eine römische Garnison, die sich in Rhegium ähnlich scheußlich aufgeführt hatte, war von ihren eigenen, empörten Landsleuten erschlagen worden. Aber eine Fraktion unter Vorsitz der Claudier hatte die Expansion des römischen Machtbereiches nach Süden favorisiert und auf das Mißtrauen der Römer gegenüber Karthago gesetzt. Damit war es ihnen gelungen, eine Versammlung des römischen Volkes zur Unterstützung dieses dreist-aggressiven Vorgehens zu überreden.