»Habgierige, törichte, eingebildete Ignoranten!« sagte Hieron laut und biß sofort die Zähne zusammen. Der Haß auf Appius Claudius führte zu nichts. Vielleicht würde er sich vor diesem Mann sogar einmal demütigen müssen. Inzwischen mußte auch Claudius begriffen haben, daß Syrakus keine Stadt war, die man quasi als Vorspeise vernichten konnte, ehe man zum eigentlichen Krieg überging. Vielleicht bot er nun sogar vernünftige Friedensbedingungen an, um nicht mit leeren Händen nach Hause gehen zu müssen. Hieron mußte sich darauf einstellen, jedes realistische Angebot anzunehmen, selbst für den Preis, daß Claudius einen Sieg für sich beanspruchte und seine Parade bekam. Syrakus konnte weder allein mit Rom fertigwerden, noch sich auf Karthago verlassen. Wegen dieser beiden unabänderlichen Tatsachen waren ihm die Hände gebunden. Haß war zwecklos. Selbst die Götter waren Sklaven der Notwendigkeit.
Vielleicht würde das römische Volk nun seine Entscheidung für einen Krieg bedauern. Vor Messana hatte Syrakus es schon einmal gedemütigt und nun erneut. Die Männer, die dort draußen ihr Lager aufgeschlagen hatten, würden nicht vergessen, daß sie mit eigenen Augen mitansehen mußten, wie ihre Kameraden abgeschlachtet wurden. Daß sie aufgeben und heimgehen würden - diese Hoffnung wäre zuviel verlangt. Rom hatte noch nie einen einmal erklärten Krieg aufgegeben. Aber vielleicht wäre der nächste römische Oberbefehlshaber kompromißbereiter, selbst wenn Claudius stur blieb.
Wieder mußte Hieron an die Römer denken, die im Katapultfeuer gefallen waren, und an den zwei Talente schweren Stein, wie er seine Blutbahn durch die Reihen fetzte. Das mußte sie doch erschreckt haben, oder? Selbst Hieron war entsetzt gewesen, obwohl er auf der richtigen Seite gestanden war! Vielleicht konnte er es arrangieren, daß ein paar Römer den Drei-Talenter zu Gesicht bekamen -falls er funktionierte.
Falls er diesen Drei-Talenter noch rechtzeitig bekommen würde. Der Ingenieur war ganz grün um die Nase heimgegangen. Hieron konnte verstehen, wie er sich fühlte. Genauso hatte er sich auch gefühlt, als er seinen ersten Mann getötet hatte. Er hatte zwei Monate gebraucht, um darüber hinwegzukommen - soweit das überhaupt ging. Noch immer wachte er manchmal nachts auf und sah das Gesicht des Söldners vor sich und spürte sein heißes, klebriges Blut auf den Händen. Jeder Mensch konnte die Nerven verlieren. Jener Reitersoldat, der bergab galoppiert war, hatte es nie überwunden. Sollte er Archimedes folgen und versuchen, ihm im Gespräch über seine Krise hinwegzuhelfen? Nein. Wenn dieser Mann unter Druck weitere Todesapparate erfinden müßte, würde sich die Abneigung, die er inzwischen gegen diese Maschinen empfand, auch auf den König übertragen. Da war es besser, ihn in Ruhe zu lassen. Archimedes war sich über die Bedeutung seiner Arbeit im klaren. Seine Antwort auf das Geld hatte es bewiesen. Wenn es irgendwie ging, würde er sich selbst zu dieser Aufgabe durchringen.
Hieron seufzte. Auch auf ihn warteten am Fuße dieser Treppe jede Menge Aufgaben. Trotzdem blieb er noch eine Weile länger allein oben auf dem Turm sitzen und schaute auf seine schimmernde Stadt hinaus.
10
Erst als Archimedes bereits den größten Teil des Weges zur Achra-dina zurückgelegt hatte, wurde ihm bewußt, daß er den Hexapylon verlassen hatte. In dem Moment blieb er mitten auf der staubigen Straße stehen und schaute zum Himmel auf. Licht. Wegen seiner Erfindung würden dreißig oder vierzig Männer, die noch heute morgen das Licht gesehen hatten, es nie wieder sehen. Nein - noch mehr. Allein »Gute Gesundheit« hatte dreißig oder vierzig getötet. Auch der »Begrüßer« hatte einige auf dem Gewissen. Die Vorstellung, daß es sich um fremde, kriegslüsterne Eroberer gehandelt hatte, tröstete ihn verblüffend wenig. Sie waren tot, und er hatte ihrem Tod Gestalt verliehen, indem er ihn mit großer Kunstfertigkeit aus Holz und Stein und Frauenhaar geschaffen hatte.
Er hätte nie geglaubt, daß man einem Menschen tatsächlich so den Kopf herunterreißen konnte. Jetzt bäumte sich etwas in ihm auf. Schon beim bloßen Gedanken an Katapulte wurde in ihm alles taub und tot. Ein Teil von ihm wollte nichts mehr damit zu tun haben. Jeder Versuch, diesen Teil durch Loyalität und Willenskraft bei der Stange zu halten, war, als ob man einen Esel mit Gewalt durch eine Tür schieben wollte. Und doch war die Stadt auf jedes Verteidigungsmittel angewiesen, das er für sie entwickeln konnte. Vor den Toren lagerten ihre Feinde, und falls sie hereinkämen, würde es jeder innerhalb der Stadt bitter büßen müssen. Der heutige Vorfall würde die restliche römische Armee nur noch mehr aufbringen.
Er setzte sich in den Straßenstaub und verbarg sein Gesicht. Er dachte an Apollon, der vor Troja »wie die Nacht« über die Griechen gekommen war. Seinetwegen hatten die Scheiterhaufen Tag und Nacht gebrannt. Jedes Gebet zu einem solchen Gott war fruchtlos. Deshalb betete er gar nicht, sondern dachte statt dessen an Zylinder. Anfangs waren es noch die Zylinder von Katapultsehnen, aber plötzlich verwandelten sie sich in abstrakte Zylinder, in ideale Formen. Ein Schnitt durch einen Zylinder im rechten Winkel zu seiner Achse war ein Kreis. Er stellte sich diesen Kreis vor. Dann erweiterte er ihn durch Drehen zu einer Kugel, die seinen imaginären Zylinder ganz genau einschloß. Durchmesser, Mittelpunkte und Achsen wirbelten durch seinen Kopf und bildeten ein faszinierend komplexes, betörend schönes Muster.
Schockiert stellte er fest, daß er seit dem Tode seines Vaters über kein geometrisches Problem mehr nachgedacht hatte. Er hatte Phidias geschworen, nie die Mathematik den Katapulten zu opfern, und doch hatte er sich voll und ganz diesen Todesapparaten gewidmet. Er nahm die Hände vom Gesicht und starrte auf den Staub neben sich. Hübsch gleichmäßiger Staub. Er tastete am Straßenrand herum, fand einen Zweig und fing zu zeichnen an.
Zur Abendessenszeit war Archimedes immer noch nicht zu Hause. Also schickten die Frauen der Familie, die mit den vielen Arbeitsstunden ganz und gar nicht einverstanden waren, Marcus zum Hexapylon mit dem Auftrag, seinen Herrn nach Hause zu holen, egal, ob das Katapult fertig war oder nicht. Hungrig und widerwillig machte sich Marcus eilends auf den Weg. Er nahm eine Abkürzung durch die Hintergassen und quer über den Rand des Epipolae-Plateaus, verfehlte seinen Herrn und traf genau in dem Moment auf die Hauptstraße, als man die römischen Gefangenen auf ihrem Weg in die Stadt vorbeiführte.
Die Nachricht von dem Sturmangriff war noch nicht bis zur Achradina durchgedrungen. Auf den ersten Blick wußte Marcus nicht so recht, was diese Menschenschlange zu bedeuten hatte. Die Leute aus dem Tycheviertel, die armen Bewohner der Elendshütten, standen an der Straße und schauten zu. Marcus bahnte sich einen Weg in die vorderste Reihe, um zu sehen, worauf sie starrten. Eine Doppelreihe syrakusischer Soldaten marschierte unter Flötenklängen heran. In ihrer Mitte wankte eine Reihe von Männern in einfacher Tunika daher. Sie führten Bahren mit Verwundeten bei sich. Verblüfft betrachtete Marcus das Schauspiel, dann erkundigte er sich bei seinem Nachbarn, was da los war.
Der Mann, ein älterer Ziegenhirte, spuckte aus und antwortete: »Römer - mögen die Götter dafür sorgen, daß wir auch alle übrigen genauso vorüberlaufen sehen!«