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Schockiert schaute Marcus wieder stumm seine Landsleute an. Man hatte sie entwaffnet, aber nicht gefesselt, und auch ihre Wunden waren versorgt worden. Nur der Ausdruck verwirrter Scham auf jedem Gesicht verriet ihre Situation. Die Frage nach dem »Wie?« steckte ihm in der Kehle, aber er sprach sie nicht aus. Wie nie zuvor war er sich seines Akzentes bewußt, der ihn abstempelte.

Die Männer mit den Bahren gingen vorbei, anschließend kam eine kleine Gruppe Verwundeter, die noch laufen konnten. Doch was dann geschah, sollte Marcus später wie ein unvermeidbarer Wink des Schicksals erscheinen: der Dritte in der Gruppe war sein Bruder Gaius.

Gaius trug den rechten Arm in einer Schlinge. Seine Tunika hatte sich über der rechten Schulter gelöst. Man sah, daß auch seine Brust verbunden war. Obwohl er vor Schmerz ganz weiß im Gesicht war, ging er gleichmäßig weiter bis - seine Augen, die bisher wie blind über die Zuschauergesichter geglitten waren, an Marcus hängenblieben. Jetzt stolperte er. Der syrakusische Soldat neben ihm bekam seinen gesunden Arm zu fassen und verhinderte, daß er hinfiel. Keuchend stand Gaius stocksteif da. Er schwitzte und zitterte vor Schmerz. Eine Wunde war wieder aufgebrochen. Seine Augen hatten sich vor dem übrigen Körper erholt. Erstaunt und ungläubig suchten sie erneut nach Marcus.

Schweigend starrte Marcus zurück. Ein Teil von ihm schien über ihnen beiden zu schweben und die Begegnung zu beobachten, während der andere vor Scham glühte und wie erstarrt war. Gaius hatte ihn zweifelsohne für tot gehalten. Es wäre auch besser gewesen.

»Marcus?« flüsterte Gaius. Marcus konnte seinen Namen nicht hören, aber er las ihn von den Lippen seines Bruders ab. Er antwortete nicht. Statt dessen warf er einen Blick nach hinten über die Schulter, als ob er sehen wollte, wen dieser Fremde meinen konnte.

Der syrakusische Soldat neben Gaius fragte ihn - auf Griechisch -, ob er gehen könne. Gaius antwortete: »Ich nicht griechisch« und ging weiter. Als er an Marcus vorbei war, warf er einen zutiefst erstaunten Blick zurück.

Trotz seiner schlotternden Beine zwang sich Marcus, den Rest des Zuges abzuwarten. Er war erstaunt, daß sich keiner zu ihm umdrehte und fragte: »Wer war dieser Mann, der dich angestarrt hat?« Erst später dämmerte ihm, daß die Begegnung zweier Augenpaare, die ihn wie die Sonne versengt hatten, anderen lediglich wie das ausdruckslose Starren eines Verwundeten erschien, der zufällig dem neugierigen Blick eines Zuschauers begegnet war.

Als sich der Flötenlärm und die Marschschritte auf der Straße entfernt hatten und auch der kleine Menschenauflauf verschwunden war, ging Marcus weiter zum Hexapylon hinauf. Schließlich blieb er stehen und setzte sich auf einen Stein am Straßenrand. In seinem Innersten tobte ein Chaos aus Scham, Verwunderung und Freude. Mehrere Minuten vergingen, bis er sich eines einzigen, klaren Gedankens oder einer Empfindung bewußt wurde. Gaius - lebend und in Syrakus! Gaius hatte ihn gesehen und wußte, daß er hier war. Was sollte er nun tun?

»Marcus?« tönte es da unmittelbar neben ihm. Voller Schuldgefühle zuckte er zusammen und schaute auf. Über ihm stand der Wachsoldat Straton. Er starrte ihn dämlich an, denn mit ihm hatte er nicht gerechnet.

»Hab mir doch gedacht, daß du’s bist«, sagte Straton. »Was ist los? Du schaust krank aus.«

Marcus zwang sich zum Aufstehen und nahm sich mühsam zusammen. »Ich bin in der Hitze zu schnell gerannt«, sagte er. »In einer Minute geht’s schon wieder. Kommst du gerade vom Hexapy-lon?«

Straton nickte. »Ich bringe eine Nachricht auf die Ortygia«, erklärte er. »Hat dein Herr etwas im Fort vergessen?«

»Ist er denn nicht dort?« fragte Marcus erstaunt.

Straton war genauso verblüfft. »Er ist schon vor Stunden weg! Ist er nicht daheim?«

Als ihm Marcus seinen eigenen Auftrag erklärte, rollte der Soldat mit den Augen. »Hoffentlich ist ihm nichts passiert!« rief er. »Der König würde ihn nicht für ein ganzes Bataillon eintauschen, und das mit Recht. Allein seine Katapulte ersetzen eines. Hast du’s gehört? Die Römer haben die Mauern gestürmt.«

»Ich habe die Gefangenen auf der Straße gesehen«, erwiderte Marcus vorsichtig.

Straton grinste. »Der klägliche Rest von zwei Manipeln«, sagte er stolz. »Das waren die Katapulte. Du hättest mal den Zwei-Talenter sehen sollen!« Er klatschte mit der Faust in die Hand. »Mit jedem Stein zehn oder mehr von ihnen am Boden! Was für ein Probefeuer! Der Rest lagert dort draußen und hat jetzt einiges zum Nachdenken. Wenn die auch nur einen Funken Verstand haben, lassen sie Syrakus ab jetzt in Ruhe.«

»Und was geschieht mit den Gefangenen?« fragte Marcus, ohne zu überlegen, ob eine derart unverblümte Frage klug war, so erschüttert war er noch immer.

Irgendwie hatte Straton die ganze Sache mit der zweifelhaften Nationalität von Marcus vergessen und dachte viel zu sehr an den Triumph, um mißtrauisch zu sein. »Sie werden im Athener Steinbruch eingesperrt«, sagte er. »Der König hat Anweisung gegeben, daß man sie gut behandeln soll. Sicher hat er noch etwas mit ihnen vor. Er wollte unbedingt Gefangene. Glaubst du, daß mit deinem Herrn alles in Ordnung ist?«

»Vermutlich ist er stehengeblieben und zeichnet Kreise«, sagte Marcus. »Das tut er manchmal.« Er drehte dem Hexapylon den Rük-ken zu und begann, die Straße Richtung Stadt zurückzulaufen.

Straton folgte ihm mit dem Speer quer über den Schultern. »Wird er denn in der Lage sein, einen Drei-Talenter zu bauen?«

»Ja.«

»Und wie steht’s mit einem Vier-Talenter?«

»Vermutlich.«

»Ein Fünf-Talenter?«

Wütend funkelte Marcus ihn an. »Du hast es doch selbst gehört! Er kann sie so groß bauen, wie es Holz, Eisen und Sehnen aushalten. Wahrscheinlich viel größer als irgendeiner will. Bis der Einfallsreichtum eines Archimedes erschöpft ist, wird es schon längst kein Eisen mehr geben.«

Straton lachte. »Ich glaub’s dir! Als er dieses Schiff bewegt hat, hat er mir einen ganzen Monatsverdienst verschafft. Jetzt gebe ich damit an, daß ich ihn persönlich kenne.«

Marcus grunzte. Seit der Vorführung war der Ruhm von Archimedes stetig gewachsen. Sämtliche Geschäftsleute und Nachbarn waren auffallend höflich geworden, was Marcus gar nicht gefiel. Ständig erkundigten sie sich nach Katapulten. Marcus stellte sich einen zwei Talente schweren Stein vor, wie er seinem Bruder den Arm zerschmetterte. Er zuckte schmerzhaft zusammen.

Straton trat gegen einen losen Stein auf der Straße, dann meinte er: »Da gibt es eine Sache, wegen der mich mein Hauptmann gebeten hat, wenn möglich mal bei dir vorzufühlen. Die Schwester deines Herrn - ist sie schon jemandem versprochen?«

Ruckartig riß Marcus den Kopf hoch und starrte den Soldaten an. Straton zog mit einem verlegenen Grinsen die Schultern hoch. »Schau mal«, sagte er, »der Hauptmann ist nicht verheiratet. Deine junge Herrin ist ihm aufgefallen. Er findet sie charmant. Er ist schwer in Ordnung, und der König hält große Stücke auf ihn. Es wäre eine gute Partie.«

»Das Haus trägt noch Trauer«, sagte Marcus.

»Nun, ja«, räumte Straton ein, »der Hauptmann möchte eigentlich nur wissen, ob es einen Sinn macht, wenn er mit deinem Herrn nach dem Ende der Trauerzeit mal redet.«

Marcus stellte sich Philyra verheiratet vor, mit Dionysios, dem Sohn des Chairephon. Eine gute Partie. Ein Offizier in verantwortungsvoller Position, vom König begünstigt, nicht zu alt, beliebt bei seinen Untergebenen. und obendrein musikalisch. Er stellte sich vor, wie Dionysios sang, während sich Philyras Körper ein wenig steif über die Laute beugte. Er dachte daran, wie ihre tiefe Stimme mit den schnellen Kaskaden der Musik verschmolz, wie sich ihre Hüfte gegen die dünne Tunika abzeichnete, an ihre Haare, ihr Lächeln, ihre strahlenden Augen - alles fort? Fort aus dem Haus, fort aus seinem Leben.