»Sag ihnen, ich gehe zu König Hieron, um mit ihm zu sprechen«, befahl er und drehte sich auf der Ferse um. Noch einmal rief Marcus »Herr!«, aber er achtete nicht darauf und eilte zornig davon.
Es war Nacht. Als er zur Zitadelle kam, war auf den Straßen alles ruhig. Bis auf das Zirpen der Zikaden und das entfernte Meeresrauschen war kein Laut zu hören. Rasch ging er zum Hause des Königs, klopfte entschlossen an die Tür und erklärte dem überraschten Türhüter: »Ich würde gerne König Hieron sprechen.«
Im Schein der Lampe vertieften sich die Schatten auf Agathons Gesicht. Er warf dem Besucher einen Blick zu, der Steine zermalmen konnte. »Es ist schon spät«, sagte er.
»Ich weiß«, antwortete Archimedes, »schau trotzdem nach, ob er mich empfängt.«
Der Türhüter schnaubte ärgerlich und schloß mit einem Kopfnik-ken die Tür. Nur sein Sandalengeklapper auf dem Marmorboden verriet, daß er tatsächlich nachsehen ging, ob sein Herr den Besucher sprechen wollte. Erschöpft lehnte sich Archimedes gegen eine Säule in der Vorhalle und wartete. Bald ging die Tür auf, und der Türhüter schaute heraus. Sein Blick war noch mißbilligender als zuvor. »Er wird dich empfangen«, gestand er widerwillig und winkte Archimedes herein.
Archimedes folgte ihm durchs Haus, am marmornen Vorzimmer vorbei, direkt in den Bankettsaal. Zwei Lampenständer verbreiteten ein starkes, aber weiches Licht, und auf der Tafel standen noch die Reste eines späten Abendessens. Hieron lag, wie es bei einem Essen im Kreise der Familie üblich war, auf seiner Liege, während seine Frau und seine Schwester links und rechts neben ihm auf Stühlen saßen. Unmittelbar hinter der Tür blieb Archimedes stehen und nickte dem König und seiner Familie zur Begrüßung zu. Dann verschränkte er die Arme und rieb sich unbehaglich einen Ellbogen. Er merkte, daß er nur eine einfache, schwarze Tunika voller Staub und Ölflecken anhatte. Nicht gerade die passende Kleidung für ein Königshaus. Außerdem war er müde und überreizt und würde vermutlich etwas Dummes sagen. Delia hatte vor Überraschung die Augen aufgerissen. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte: vom Küssen und vom Flötenspiel erhitzt, hatte sie lachend ihr Mundband abgenommen. Sie hatte ihn gewarnt, aber dann hatte sie versucht, ihre Warnung wieder zurückzunehmen. Wer weiß, wie weit man ihr trauen konnte? Die Königin neben ihr schaute fast so mißbilligend drein wie der Türhüter.
»Gute Gesundheit!« sagte der König lächelnd. »Möchtest du dich nicht setzen und einen Becher Wein trinken?«
Archimedes schlich zur nächsten Liege und setzte sich. Sofort füllte einer der Sklaven einen Becher mit Wein und Wasser und stellte ihn vor ihn hin.
»Weshalb wolltest du mich sprechen?« fragte Hieron.
Archimedes räusperte sich. Seine Augen hingen am König. »Was willst du von mir?« fragte er leise.
Hierons strahlende Miene verschwand, er setzte sich auf, nahm die Beine von der Liege und betrachtete Archimedes abschätzend. Dann erwiderte er gleichmütig: »Du weißt, daß du außergewöhnlich bist.«
Genau wie Delia gesagt hatte. Archimedes nickte rasch, einmal.
»Was, glaubst du, will ein König von einem außerordentlichen Ingenieur?« fragte Hieron mit erhobenen Augenbrauen.
Erneut war Archimedes sprachlos. Er schaute ihn längere Zeit an, dann wandte er den Blick ab und betrachtete vor sich den Tisch. »Ich habe eine. Analysemethode«, sagte er, »eine Art, über geometrische Probleme rein mechanisch nachzudenken. Sie liefert zwar keine Beweise, hilft mir aber, die Eigenschaften der Dinge zu verstehen. Ich stelle mir zweidimensionale Figuren als Gebilde aus einer Reihe von Linien vor, und dann prüfe ich, ob sie sich entsprechen. Die Art und Weise, wie ein König einen außergewöhnlichen Ingenieur behandelt - das hat ein bißchen Ähnlichkeit damit. Mal angenommen, ich stelle mir das Ganze als Dreieck vor, dann ähnelt die Art, wie du mich behandelt hast, mehr einer Parabel mit derselben Grundlinie und Höhe. Und diese beiden entsprechen einander nicht.«
»Tun sie nicht?« fragte Hieron.
»Nein«, sagte Archimedes, tauchte einen Finger in den Weinbecher und zeichnete sorgfältig eine Parabel auf die Tischfläche - eine große, gebogene Kurve. Sofort war klar, daß die beiden Figuren tatsächlich nicht einander entsprachen. Archimedes blickte hoch und dem König direkt in die Augen. »Die Parabelfläche ist um vier Drittel größer als das Dreieck«, sagte er. »Die Lösung stammt von mir persönlich.«
Hieron reckte den Hals, um besser sehen zu können. Der fragende Blick war wieder da. »Magst du es nicht, wenn du ein Drittel mehr bekommst als erwartet?«
Archimedes machte eine kleine, abweisende Handbewegung. »Ich will einfach nur verstehen, womit ich mich beschäftige. Parabeln haben grundsätzlich andere Eigenschaften als Dreiecke.«
»Unterstellst du meinem Mann Betrug?« mischte sich die Königin wütend ein. »Und das nach all der Freundlichkeit, die er dir erwiesen hat? Was.«
Hieron hob die Hand. Sie hielt inne. Einen Augenblick schauten sich Mann und Frau an, dann seufzte Philistis, stand auf, ging zu ihrem Mann und strich ihm zärtlich die Haare zurück. »Laß dich nicht von ihm aufregen«, riet sie ihm.
Hieron lächelte liebevoll und nickte. Sie küßte ihn und rauschte aus dem Zimmer.
Delia bohrte sich noch tiefer in ihren Stuhl und redete sich heftig ein, daß sie hier etwas zu suchen hatte, selbst wenn Hieron den Grund dafür nicht kannte. Auch sie hatte hier ein legitimes Interesse. Mit einem ironischen Seitenblick machte ihr Hieron klar, daß er es wohl bemerkt hatte, gab aber keinen Kommentar dazu ab. Schweigend wanderte sein Blick wieder zu Archimedes zurück. Mit einer Handbewegung hieß er ihn fortfahren.
»Du hast mich damals um diese Vorführung gebeten«, sagte Archimedes. »Und du hast auch dafür gesorgt, daß sie am Marktplatz angekündigt wurde, stimmt’s?«
Hieron nickte kurz.
»Alle haben gejubelt, als es funktioniert hat«, fuhr Archimedes langsam fort, »und seither ist alles anders geworden. Zuerst habe ich nicht darauf geachtet, aber es war so. Man hatte mich gewarnt«, meinte er ohne einen Blick auf Delia, »daß ich im Falle eines gelungenen Experimentes vorsichtiger sein müßte als beim Scheitern, aber ich habe es nicht verstanden. Ich dachte, es würde sich auf den Vertrag beziehen, aber - ich habe gar keinen bekommen. Inzwischen wissen alle Leute, wer ich bin. Das ist das einzige, was passiert ist. Wenn ich etwas tun will, kommen sie mir schleunigst zu Hilfe. Unbekannte Leute rufen mich bei einem Spitznamen, den du mir gegeben hast. Jeder weiß, was du bei der Totenwache meines Vaters zu mir gesagt hast und weshalb du sein Begräbnis übernommen hast -aus Respekt vor mir. Alle wissen auch, daß das erste Katapult, das ich gemacht habe, deiner Meinung nach tausend Drachmen wert ist, obwohl mir das dein Diener nur unter vier Augen mitgeteilt hatte. Du hast alles getan, damit ich berühmt werde, ja? Als Ingenieur, als. Obermechaniker.«
»Das wärst du sowieso geworden«, sagte Hieron, »über kurz oder lang.«
»Du hast dafür gesorgt, daß es sofort geschehen ist«, antwortete Archimedes. »Und außerdem hast du dafür gesorgt, daß Eudaimon tut, was ich sage, und Kallippos meinem Rat folgt. Obwohl beide, im Gegensatz zu mir, feste Positionen und Verträge mit der Stadt haben, habe ich irgendwie einen höheren Rang als sie. Auf dieselbe Art hast du auch versucht, mir Geld zu geben - einen Extrabonus für etwas nicht näher Definiertes. Etwas, das nicht von der Stadt kommt und mir trotzdem gehört, weil ich ein großer Ingenieur bin. Dabei habe ich mich nie freiwillig entschieden, ein großer Ingenieur zu sein. Diesen Zustand hast du, genau wie den Ruhm, bewußt gesteuert.«
»Schön und gut«, sagte Hieron mit völlig neutraler Stimme, »du hast das alles gemerkt. Was glaubst du denn, was ich von dir will?«