Выбрать главу

Sämtliche Steinbrüche von Syrakus lagen innerhalb der Stadtmauer. Das Epipolae-Plateau bestand hauptsächlich aus Kalkstein. Wie eine große Trockeninsel lag es auf der Felsküste. Nach Süden, zur Stadt zu, fiel es in steilen Klippen ab. Hier hatten die Syrakuser eine Reihe von Steinbrüchen für ihre Bauvorhaben angelegt. Der athenische war der berühmteste davon. Sein Name stammte noch aus der Zeit vor hundertfünfzig Jahren, als man ihn als Gefängnis für siebentausend athenische Kriegsgefangene benutzt hatte. Hier hatte der Versuch der Stadt Athen, Sizilien zu unterwerfen, sein verheerendes Ende gefunden. In diesen Kalksteinmauern mußten die Athener ein grauenvolles Schicksal erdulden. In einer engen Grube waren die Lebenden mit den Toten zusammengepfercht. Viele starben damals, und noch immer lagen ihre Skelette unter dem Steinbruch begraben.

Aber heute merkte man diesem Ort rein äußerlich nichts mehr von seiner schrecklichen Vergangenheit an. Soeben ging die Morgensonne über den vorspringenden Klippen auf und warf lange, kühle Schatten über die Steinbruchwände hinunter. Ein dichtes Gestrüpp aus Zistrosen und Wacholder bedeckte den felsigen Boden mit einem süß duftenden, grünen Dach. Allerdings riegelte eine Mauer den Zugang zum Steinbruch ab, und das einzige Tor war bewacht. Mutig marschierte Marcus zum Tor hinauf und wünschte den Wachsoldaten einen guten Tag.

Mißtrauisch musterte ihn die Wache, die aus sechs Soldaten bestand. »Was willst du, mein Freund?« fragte ihr Anführer.

»Ich bin der Sklave von Archimedes, dem Sohn des Phidias«, antwortete Marcus und merkte, wie sehr sich das Interesse verstärkt hatte, als der bekannte Name fiel. »Er will, daß ich die Steinbrüche prüfe, welcher die beste Katapultmunition liefern kann.«

Bei dieser Bemerkung schwand auch der letzte Funken Mißtrauen. »Baut er denn einen Drei-Talenter?« fragte der jüngste Soldat eifrig.

»Heute morgen fängt er damit an«, antwortete Marcus, »vermutlich wird er in sechs bis sieben Tagen fertig sein.«

»Beim Zeus! Ein Drei-Talenter!« rief der junge Wachsoldat glücklich. »Mehr als Ein-Mann-Lebendgewicht! Stell dir vor, wenn dich so was trifft!«

Marcus zwang sich, zurückzugrinsen. »Sie werden ihn >Schönen Gruß< nennen«, sagte er.

Die ganze Wachtruppe lachte und machte sich gegenseitig auf die Namen der beiden anderen neuen Katapulte auf dem Hexapylon aufmerksam. In Erinnerung daran, wie gut die Katapulte funktioniert hatten, führten sie wahre Luftkämpfe auf.

»Aber warum möchte der Obermechaniker, daß du die Steinbrüche prüfst?« fragte der oberste Wachsoldat, diesmal nicht argwöhnisch, sondern ehrlich verblüfft.

»Denk doch mal nach«, sagte Marcus. »Steine für ein DreißigPfund-Geschoß gibt’s überall, aber ein Drei-Talenter ist schon ein mächtiges Stück Felsen. Wenn der nicht in Ordnung oder uneben ist, dann fliegt er vielleicht nicht gerade. Deshalb hat mich Archimedes beauftragt, zu allen Steinbrüchen hinauszugehen und zu prüfen, welche Stücke am besten für die Munition geeignet sind, die er braucht.« Er grub in seinem Ledersack herum, den er bei sich trug, und holte Hammer und Meißel heraus. »Außerdem hat er mir aufgetragen, ich soll ihm noch mehrere Proben mitbringen.«

Der Anführer der Wache nahm Hammer und Meißel und betrachtete sie nachdenklich. Marcus wartete. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und auch nicht an das zu denken, was er jetzt oder demnächst vorhatte. Falls man Archimedes diesen Besuch hintertragen würde, hätte er schon genug Schwierigkeiten, allerdings nicht so viele, wie wenn er weiterhin hierblieb.

»Das kann ich dich nicht mit hineinnehmen lassen«, meinte der Anführer bedauernd. »Wir haben hier im Steinbruch römische Gefangene. Ich kann nicht riskieren, daß ihnen so etwas in die Hände fällt.«

»Römer?« fragte Marcus. Die innere Anspannung ließ seine Stimme gepreßt klingen, was man genausogut als Überraschung werten konnte. »Hier? Nun, das Unglück möge sie treffen!«

»Du bist Italiener, oder?« fragte der Anführer.

»Samnite«, bejahte Marcus. »Und wegen Rom ein Sklave. Aber seit dreizehn Jahren schon Syrakuser. Was hat denn der König mit diesen Römern vor?«

Die Wachsoldaten zuckten die Schultern. »Er möchte sie für irgend etwas«, sagte ihr Anführer. »Sie bekommen das beste Essen, und der Leibarzt des Königs versorgt ihre Verwundeten. Eben jetzt ist er sogar da.«

»Mit eigener Wache?« fragte Marcus.

»Natürlich!« rief der junge Wachsoldat. Die Vorstellung, daß sich der Leibarzt des Königs ohne Begleitschutz unter Feinden bewegen könnte, hatte ihn zutiefst schockiert. »Wir sind hier draußen insgesamt eine halbe Schlachtreihe.«

Marcus grunzte. »Nun, sei’s drum, das Unglück möge die Römer trotzdem treffen!« meinte er. »Kann ich hinein und den Steinbruch überprüfen, selbst wenn ich keine Proben entnehmen kann? Vielleicht kann ich ja auch vom bloßen Anschauen entscheiden, daß der Stein hier nicht für das Katapult meines Herrn geeignet ist.«

»Na klar«, sagte der Anführer der Wache lächelnd, »dein Herr verdient jede Hilfe, die wir seinen Katapulten geben können. Viel Glück für ihn!« Mit einer Handbewegung wies er seine Männer an, das Tor zu öffnen.

Der jüngste Wachsoldat begleitete Marcus in den Steinbruch. Der östliche Teil lag noch immer im Schatten, aber die Morgensonne schien bereits warm auf ein großes, leeres Steinfeld. »Wo sind denn die Römer?« fragte Marcus.

Der Wachsoldat deutete auf die Nordseite des Felsabbruchs, wo sich unter einem Überhang mehrere Hütten duckten. »Dort drinnen«, sagte er angewidert. »Hübsch bequem und nicht in der Sonne.«

Marcus prüfte die Hütten. Insgesamt waren es drei, drei langgestreckte, niedrige, fensterlose Gebäude. Vermutlich hatte man sie als Behausung für Sklavenarbeiter errichtet, als der Steinbruch noch in Betrieb war. An den Türen konnte er jeweils Wachsoldaten erkennen. »Ihr habt aber nur zwei Mann für jede Hütte!« wandte er ein.

»Mehr braucht’s auch nicht«, antwortete der Wachsoldat. »Die meisten Römer sind verwundet, und dem Rest haben wir Fußeisen angelegt. Die Männer bei den Hütten müssen lediglich die Gefangenen herauslassen, wenn sie die Latrinen benutzen wollen. Ich werde ihnen mal erzählen, wer du bist, dann kannst du dich ungestört hier umsehen.« Mit knirschenden Schritten entfernte er sich, um den übrigen Wachsoldaten die Anwesenheit von Marcus zu erklären.

Langsam arbeitete sich Marcus auf dem Steinbruchgelände vorwärts, wobei er immer wieder betont auffällig die Bruchsteinhaufen untersuchte und gelegentlich einen Kalksteinbrocken aufhob und in seinem Sack verstaute. Als er endlich in die Nähe der Hütten kam, sah er zu seiner Erleichterung den Leibarzt des Königs in Begleitung von drei Wachen aus der nächsten Hütte kommen.

Der Arzt sah und erkannte ihn und kam herüber, um sich zu erkundigen, was er denn hier mache. Marcus erklärte es ihm. Da seufz-te der Arzt und schüttelte traurig den Kopf. »Manchmal wünsche ich mir, daß man die Katapulte nie erfunden hätte!« rief er. »Diese schrecklichen Verletzungen - aber schließlich ist’s zum Wohle der Stadt. Ich wünsche dir einen schönen Tag!«

Marcus wartete, bis der Mann ein gutes Stück vom Weg zum Tor zurückgelegt hatte, dann ging er langsam zur Hütte hinauf. Die Wachen standen am anderen Ende und beachteten ihn nicht. Trotzdem hatte sich sein Magen so verkrampft, daß er dachte, er müsse sich übergeben. Als er die Holzwand erreicht hatte, lehnte er sich zitternd dagegen. Zwischen den rauhen Brettern war ein Spalt. Er preßte ein Auge dagegen und starrte hinein.

Lediglich durch die vielen Löcher in den unebenen Wänden drang Licht hinein, und so dauerte es eine Weile, bis sich seine Augen daran gewöhnt hatten. Die Hütte hatte einen offenen Lehmboden. Im Winter wäre es sicher kalt und zugig gewesen, aber für einen syraku-sischen Sommer war es ganz angenehm. Drinnen befanden sich ungefähr dreißig Männer. Einige lagen ganz still auf ebenerdigen Strohmatratzen, während die anderen mit ihren Fußfesseln in kleinen Gruppen zusammenhockten und redeten oder Würfel spielten. Leise zwängte sich Marcus zwischen dem Felsen und der Rückseite der Hütte hindurch. Um sich auch weiter im Halbdunkel orientieren zu können, schirmte er seine Augen gegen das Licht ab und musterte nacheinander jeden Gefangenen. Aber schon bald stand fest, daß Gaius nicht darunter war.