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Er wartete, bis beide Wachen an der Hüttentür das Gesicht dem Gebäude zugedreht hatten und die Gefangenen beobachteten, dann schlich er hinter der ersten Hüttenwand hervor und kroch zur nächsten hinüber. Wieder fand er eine Lücke zwischen den Brettern und starrte hindurch.

Sein Blick fiel sofort auf Gaius. Er lag ungefähr auf der halben Längsseite der Hütte, auf der sich auch Marcus aufhielt, rücklings auf einer Matratze und hatte den verletzten Arm über die Brust gelegt. Geräuschlos schlich Marcus an der Hüttenwand entlang zu seinem Bruder hin. Auf der entgegengesetzten Seite standen die Wachen an der Tür und redeten. Er konnte sie hören. Seine Haut prickelte vor Anspannung. Er redete sich ein, daß er ihnen selbst für den Fall des Entdecktwerdens immer noch erklären könnte, warum er hier war. Er war einfach neugierig und wollte die Gefangenen sehen. Trotzdem prickelte seine Haut, denn im Grunde genommen fürchtete er sich nicht so sehr vor den Wachen.

Als er bei Gaius angelangt war, kniete er sich schweigend mehrere Minuten lang hin und beobachtete ihn durch einen Spalt. Nur wenige Zentimeter und ein dünnes Brett trennte sie. Gaius war wach und starrte mit offenen Augen an die dunkle Decke. Er hatte die Tunika um die Taille gelöst und die Brust verbunden.

Marcus klopfte leicht an die Wand. Langsam drehte Gaius den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.

Gaius setzte sich auf, stützte sich gegen die Wand und versuchte, mehr von seinem Bruder zu sehen, als durch den Spalt zu erkennen war. »Marcus?« flüsterte er. »Bist du’s wirklich?«

»Ja«, flüsterte Marcus. Das latinische Wort sie hinterließ einen fremden Nachgeschmack in seinem Mund. Lange Zeit hatte er Latein nur noch in seinen Träumen gesprochen. Jetzt sprach er es laut und kam sich vor, als ob er immer noch träume.

»Marcus!« wiederholte Gaius. »Ich dachte, du bist tot. Ich dachte, du bist bei Asculum gestorben!« Der Mann links von Gaius schlief noch immer, deshalb hob sein Nachbar zur Rechten beim Klang der lauteren Stimme den Kopf.

»Leise!« zischte Marcus. »Schau mich nicht an, die Wachen könnten es merken. Setz dich mit dem Rücken zu mir und sprich ganz leise. Gut so. Also, ich habe dir ein paar Sachen mitgebracht.«

»Was machst du hier?« flüsterte Gaius, der steif an der Wand hockte und seinem Bruder den Rücken zudrehte. »Wieso lebst du noch?«

»Ich bin ein Sklave«, antwortete Marcus offen. Ihm fiel auf, daß der Mann rechts neben Gaius immer noch lauschte. Genau wie Gaius schaute er zwar nicht her, aber aus seinem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, daß er ganz genau zuhörte. Er war hager, schmal und dunkel und hatte etwas Gefährliches an sich. Bis auf seinen Kopfverband schien er unverletzt zu sein. Seine Füße waren mit Eisen gefesselt.

»Wie?« wollte Gaius im wütenden Flüsterton wissen. »Niemand wurde bei Asculum versklavt! König Pyrrhus hat alle Gefangenen ohne Lösegeld zurückgegeben.«

»Alle römischen Gefangenen hat er zurückgegeben«, verbesserte ihn Marcus. »Die übrigen Italiener wurden für ein Lösegeld angeboten, und wenn es niemand aufgebracht hat, wurden sie verkauft. Damals wurden mehrere tausend Menschen versklavt, Gaius, und nicht >niemand<, das kannst du.« Er merkte, daß er sich nicht mehr an das latinische Wort für >drehen und wenden< erinnerte. Verlegen brach er ab.

»Keine Römer!« betonte Gaius nochmals wütend.

»Zumindestens einer«, sagte Marcus bitter. »Gaius, sei nicht dumm. Wenn dir schon keiner erzählt hat, was passiert ist, dann mußt du es dir doch gedacht haben. Ich bin während der Schlacht von meinem Posten desertiert. Ich hatte entsetzliche Angst, und da bin ich einfach gerannt.«

Gaius zuckte schmerzhaft zusammen. Römer desertierten nicht. Ein Römer, der so etwas tat, würde von seinen Kameraden zu Tode geprügelt. Bei Asculum hatten die Römer den bitteren Geschmack der Niederlage aus den Händen von König Pyrrhus von Epirus kennenlernen müssen. Aber selbst hier hatte sich der Großteil der römischen Truppen so sehr vor dieser Strafe gefürchtet, daß sie bis zum Tode Widerstand geleistet hatten. Pyrrhus hatte seinen Sieg so teuer bezahlen müssen, daß er ihn letztlich den gesamten Feldzug gekostet hatte.

»Unser Karree ist zerbrochen«, sagte Marcus ohne Beschönigung, »die meisten Männer starben. Mir war klar, daß mich die Überlebenden auf alle Fälle zu den Deserteuren rechnen würden. Also habe ich nach der Schlacht gesagt, ich sei nur ein Verbündeter oder ein Sabiner oder Marser, egal was, nur kein Römer. Man hat mich nicht zurückgegeben, und natürlich hat niemand Lösegeld für mich bezahlt. Man hat mich an einen Kampaner verkauft, der dem Krieg wie ein Geier gefolgt war und die Überreste aufpickte. Der hat mich dann hier in Syrakus an einen Bürger verkauft.«

»Oh, ihr Götter und Göttinnen!« flüsterte Gaius.

»Es war meine eigene Wahl«, sagte Marcus mit rauher Stimme. »Ich wollte leben.«

Lange Zeit herrschte Schweigen. Ein unglückliches Schweigen, das die schlimmsten Befürchtungen, die sich Marcus im voraus ausgemalt hatte, voll und ganz bestätigte. Er hatte das Leben als Sklave dem Tod als Römer vorgezogen, und dafür gab es weder Mitleid noch eine Entschuldigung.

»Wie steht’s zu Hause?« fragte er schließlich.

»Mutter ist vor acht Jahren gestorben«, sagte Gaius. »Valeria hat Lucius Hortensius geheiratet und hat drei Töchter. Der Alte ist immer noch für den Hof verantwortlich, obwohPs seiner Lunge nicht gutgeht.« Er zögerte, dann fügte er leise hinzu: »Ich werde ihm nicht erzählen, daß du noch lebst.«

Wieder trat Stille ein. Marcus dachte an seine tote Mutter, an die verheiratete Schwester und an seinen Vater. Sein Vater würde diese Schande nicht erfahren. Gut, gut, gut. Schon beim bloßen Gedanken an die Wut des Alten zuckte er innerlich zusammen. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn sein Vater tot wäre. Dann hätte er zu seiner Mutter zurückgehen können. Gleichzeitig schämte er sich dieses Gedankens.

»Danke«, sagte er schließlich. »Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Ich habe dir ein paar Sachen mitgebracht.«

»Kannst du mir helfen, daß ich hier herauskomme?«

Genau diesen Satz hatte Marcus von seinem Bruder erwartet. Er seufzte. »Gaius, hier drinnen bist du besser dran! Der König«, er benützte den griechischen Titel, »wollte unbedingt Gefangene. Das heißt, er möchte sie gegen irgend etwas austauschen. Wenn du hier bleibst, bist du bis zum Austausch in Sicherheit. Außerdem hast du doch einen gebrochenen Arm, oder?«

»Arm und Schlüsselbein«, erklärte Gaius kategorisch. »Und noch drei Rippen. Kannst du mir bei der Flucht helfen?«

»War’s ein Katapult?« fragte Marcus unglücklich. Irgendwie schien es lächerlich, daß er unbedingt wissen wollte, ob das Gerät seines eigenen Herrn seinen eigenen Bruder verwundet hatte.

»Ja natürlich«, antwortete Gaius ungeduldig. »Mögen es die Götter vernichten!«

»Wie groß war das Geschoß?«

Gaius wollte sich schon umdrehen, da fiel ihm ein, daß er das nicht tun sollte. Statt dessen lehnte er wieder den Kopf gegen die Wand. »Marcus, ich habe nur gemerkt, daß es mich erwischt hat! Ringsherum hat es Katapultsteine gehagelt, darunter auch ein paar riesige. Wieso ist das wichtig?«

Marcus gab keine Antwort. »Ich habe dir ein bißchen Geld mitgebracht«, sagte er statt dessen. »Wenn du die linke Hand nach oben an den Spalt legst, schieb ich’s durch. Für ein Handgeld besorgen dir die Wachen vielleicht etwas. Es sind dreiundzwanzig Drachmen!«