»Dreiundzwanzig!« rief Gaius mit erstickter Stimme. »Wie hast du das - Marcus, dein Herr wird merken, daß etwas fehlt!«
Plötzlich fiel Marcus wieder ein, wie rar Silbermünzen in Rom waren. Schockiert erinnerte er sich daran, wie seine Familie fast alles eintauschen und für den Rest einzig und allein das schwere Bronzegeld verwenden mußte. Mit sechzehn Jahren wären ihm dreiundzwanzig Drachmen wie ein Vermögen vorgekommen . Offensichtlich war es bei Gaius immer noch so.
»Das Geld gehört mir«, sagte Marcus. »Bisher habe ich noch nie gestohlen, aber um dir zu helfen, würde ich sogar das tun. Es ist nicht so viel, wie du denkst - ein Monatslohn für einen Soldaten. Aber vielleicht doch ganz nützlich.«
Gaius legte die Hand an den Spalt, und Marcus steckte die Münzen einzeln durch. »Was sind das für welche?« flüsterte Gaius, als er das Silber in seine offene Hand fallen sah. »Sie sehen so. fremd aus.«
»Es sind ägyptische«, antwortete Marcus. »Wir waren ein paar Jahre in Alexandria. Keine Angst, sie wiegen genausoviel wie syrakusische. Die Leute hier werden sie akzeptieren.«
Gaius starrte wortlos das Silber an. Wieder mußte Marcus an eine Zeit denken, als für ihn Alexandria so weit weg gewesen war wie der Mond. Aber das hatte sich schon vor seinem Besuch dort geändert. In Syrakus begegnete man Schiffen aus der ganzen, griechischsprachigen Welt. Selbst er hatte sich längst an die Idee des Reisens gewöhnt, bevor er selbst verreist war. Aber in Mittelitalien waren die Menschen nicht viel gereist. Bis auf die Zeit in der Armee war Gaius noch nie fort gewesen. Er hatte sich während des Pyrrhuskrieges zu den Legionen gemeldet und war danach vermutlich wieder auf den Bauernhof der Familie zurückgekehrt. Dann hatte er sich erneut für den Sizilienfeldzug eingeschrieben. Seine verwirrten, aufgewühlten Gefühle machten Marcus zu schaffen. Schließlich war es ganz und gar nicht in Ordnung, daß er sich seinem älteren Bruder überlegen fühlte, er, ein Sklave und ein Feigling.
»Ich habe hier auch noch eine Säge und ein Messer«, sagte er. Die innere Verwirrung verlieh seiner Stimme einen barschen Unterton. »Und ein Seil. Aber das lasse ich besser hier draußen liegen. Wenn du die Sachen haben möchtest, werde ich sie verstecken.« Im Grunde genommen wollte er seinem Bruder gar nicht zur Flucht verhelfen. Er war hier am besten aufgehoben, davon war er ehrlich überzeugt. Und doch konnte er sich auch irren. Vielleicht würde man die Gefangenen doch noch hinrichten, oder eine aufgebrachte Syrakuser-meute würde sie wegen irgendwelcher römischen Grausamkeiten ermorden.
»Wie bist du hier hereingekommen?« fragte Gaius. »Wie hast du die Wachen dazu gebracht, daß du Säge und Seil mitbringen durftest?«
»Sie wußten nicht, was ich dabei hatte«, antwortete Marcus. »Nur meinen Hammer und den Meißel haben sie mir abgenommen. Ich habe ihnen erzählt, es wäre ein Auftrag meines Herrn, und weil sie meinen Herrn kennen, haben sie mich durchgelassen. Außerdem habe ich ihnen erzählt, ich sei Samnite, damit sie mich nicht verdächtigen, ich wolle helfen. Jetzt hör mal zu. Wenn du mich brauchst, kann ich mir einen neuen Auftrag ausdenken und wiederkommen, aber wenn ich das zu oft mache, wird irgendeiner mal mißtrauisch werden. Und deshalb wär’s besser, wenn ich nicht so schnell wiederkomme. Ich muß es jetzt wissen: Wirst du einen Fluchtversuch unternehmen?«
»Kannst du die Säge hereinreichen?« warf der Mann rechts von Gaius ein.
»Wer bist du?« wollte Marcus wissen.
»Quintus Fabius«, antwortete der andere, »ein Freund und Zeltkamerad deines Bruders. Ohne Hilfe wird er’s nicht schaffen, hinauszukommen.«
»Wenn ihr bleibt, wo ihr seid, seid ihr sicherer!« warnte Marcus.
»Wenn wir können, werden wir uns davonmachen«, sagte Gaius. »Ich habe nicht die geringste Lust, herauszufinden, weshalb der Tyrann von Syrakus Gefangene haben möchte.«
»König Hieron ist kein schlechter Mensch«, sagte Marcus. »Er ist schlauer als ein Fuchs und glitschiger als ein Aal, aber grausam ist er nicht.«
»Er ist ein sizilianischer Tyrann!« protestierte Gaius erstaunt. »Er kocht seine Feinde bei lebendigem Leibe in einem Bronzestier! «
Marcus riß den Mund auf. »Mach dich nicht lächerlich!« rief er, nachdem er sich ein wenig gefaßt hatte. »Er hat noch keinen einzigen Bürger umgebracht, geschweige denn ihn lebendig gekocht. Der mit dem Stier, das war Phalaris von Akragas - ein Mann, der vor Jahrhunderten gelebt hat und in einer ganz anderen Stadt.«
Daraufhin herrschte verwirrtes Schweigen, bis Gaius sagte: »Ich habe gehört, Hiero habe«, er benutzte die latinische Namensform, »Hunderte von Frauen und Kindern seiner Feinde pfählen lassen.«
Da begriff Marcus, daß sein Bruder zweifelsohne Dutzende von Horrorgeschichten über den Syrakuser gehört hatte. Einige hatten sicher die Mamertiner verbreitet, als sie die Römer um Hilfe gebeten hatten, und dann waren noch mehr in den Legionen selbst entstanden, als sie sich für den Krieg gerüstet hatten. Der Senat mußte gewußt haben, daß sämtliche Geschichten falsch waren, aber er hatte nichts dagegen unternommen.
»Ihr seid auf einen dreisten Lügner hereingefallen«, fauchte sie Marcus empört an, »auf einen stinkenden Banditen, der nur eine Entschuldigung für seine eigenen Verbrechen gesucht hat.«
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Gaius, ich lebe hier! Ich habe Hieron kennengelernt und bin in seinem Haus gewesen! Wenn auch nur etwas entfernt Ähnliches vorgefallen wäre, wüßte ich es. König Hieron hat noch nie einen Bürger getötet oder ungerecht behandelt - und das ist mehr, als man von den Leuten behaupten kann, zu deren Unterstützung ihr nach Sizilien gekommen seid!«
»Du bist sehr griechisch geworden«, sagte Fabius leise.
»Ich muß mich nicht in einen Griechen verwandeln, um zu behaupten, daß die Mamertiner nur eine Horde Banditen sind!« antwortete Marcus hitzig. »Für das, was sie getan haben, verurteilen wir unsere eigenen Leute zum Tode. Aber ihr kommt und kämpft und sterbt für dieses dreckige, kampanische Mordsgesindel.« Er unterbrach sich selbst, schluckte einen Zornesklumpen hinunter und fuhr dann wesentlich gemäßigter fort: »Aber was ich damit sagen wollte: Fällst du glaubst, daß du unbedingt fliehen mußt, weil dir König Hieron wahrscheinlich übel mitspielen wird, dann überleg’s dir noch einmal. Man wird dich bis zum Austausch gut behandeln. Vermutlich wird sich deine Situation bei einem Fluchtversuch eher verschlechtern, als wenn du bleibst, wo du bist.«
»Ich will aber auf alle Fälle fliehen«, sagte Gaius, »wenn’s irgendwie geht.«
Wieder seufzte Marcus. Etwas anderes hatte er nicht erwartet. »Vermutlich schaffe ich es, zwei aus der Stadt herauszuschaffen«, sagte er, »aber mehr nicht.«
»Kannst du uns die Säge durchschieben?« fragte Fabius.
Marcus schob die Säge hindurch. Zuvor mußte er allerdings den Griff abnehmen, damit sie durch den Spalt paßte. Fabius versteckte sie unter seiner Matratze.
»Damit und mit deinem Messer und dem Seil kommen wir hinaus«, sagte er. »Verstecke beides unter einem Felsen neben diesem Brett. Dir ist nicht zufällig aufgefallen, wie viele Wachen hier sind und wo sie postiert werden?«
»Eine halbe Schlachtreihe«, sagte Marcus, »sechs Mann am Tor und je zwei vor den Hütten. Vermutlich stehen die restlichen sechs an der Mauer, obwohl ich sie beim Hereinkommen nicht gesehen habe. Den Weg über die Klippen könnt ihr euch gleich aus dem Kopf schlagen, sie hängen über. Vermutlich bietet euch der Bruchsteinberg an der Westkante der Mauer die beste Chance: er ist hoch und ziemlich dicht bewachsen. Damit habt ihr genug Deckung, um abzuwarten, bis euch ein Wachtposten den Rücken zukehrt. Wenn es euch gelingt, dann kommt zu unserem Haus. Ich werde euch aus der Stadt schaffen. Aber wartet zuerst noch mindestens drei Nächte ab, das ist meine einzige Bitte an euch. Wenn ihr sofort kommt, wird sich garantiert einer daran erinnern, daß ich hier war. Und dann weiß man, wo man euch suchen muß. Ein paar Tage Abstand vergrößern die Chance, daß sie’s vergessen. Und außerdem braucht Gaius sowieso noch Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen.«