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Er gab ihnen ganz genaue Anweisungen, wie sie das Haus finden konnten. »Der Ziegel auf halber Höhe links vom Türrahmen ist brüchig«, sagte er zum Schluß. »Den könnt ihr nicht verfehlen. Von heute an in drei Nächten werde ich mir eine Ausrede einfallen lassen, um unten im Hof zu schlafen. Und wenn ihr dann nachts kommt, lasse ich euch insgeheim ein. Falls ihr nicht kommt - und ich sage euch noch einmal, daß ihr meiner Meinung nach besser bleibt, wo ihr seid! -, dann bin ich in zehn Tagen mit noch etwas mehr Geld wieder da.«

»Wem gehört das Haus?« erkundigte sich Fabius.

»Danach dürft ihr keinesfalls fragen!« sagte Marcus. »Damit wäre alles verraten.«

»Ich will es ja nur wissen«, sagte Fabius. »Wer ist denn dein Herr und Meister, den alle Wachsoldaten kennen und der beim König aus und ein geht?«

»Er heißt Archimedes«, gestand Marcus. »Und ist Ingenieur.«

»Der Katapultmacher!« sagte Gaius und drehte den Kopf, um durch den Spalt hinauszustarren.

»Schau nicht her!« knurrte Marcus. »Ja, er baut Katapulte.«

»Sie haben uns schon im Fort von ihm erzählt. Sie haben uns eines der Katapulte gezeigt und gesagt, er würde sogar ein noch größeres bauen.«

Marcus erwiderte nichts.

»Sie meinten, das nächste würde das größte Katapult der Welt. Sie meinten, es würde garantiert funktionieren, weil seine Katapulte immer funktionieren. Sie sagten, wir sollten nicht hoffen, daß wir Syrakus im Sturm erobern könnten, denn Syrakus hätte den größten Ingenieur der ganzen Welt. Und der ist dein Herr?«

»Wenn ihr sein Haus betretet«, stieß Marcus plötzlich zwischen den Zähnen hervor, »dann dürft ihr ihm kein Haar krümmen. Das müßt ihr mir schwören.«

Schweigen. »Es wäre besser für Rom, wenn ein solcher Mann tot wäre«, sagte Fabius langsam.

»Wenn ihr nicht schwört, daß ihr ihm kein Haar krümmt, dürft ihr nicht ins Haus«, sagte Marcus. »Ich dulde nicht, daß irgendeiner in diesem Hause verletzt wird.«

Wieder Stille. »Hat er dich gut behandelt?« fragte Gaius schließlich. Es klang erstaunt und beschämt zugleich.

»Ach, möge ich doch zugrunde gehen!« murmelte Marcus. »Er vertraut mir. Und - und außerdem muß er einfach am Leben bleiben. Einer wie er - solche gibt es nicht oft, nicht einmal in Alexandria. Er kann einfach alles: Er kann das Wasser bergauf fließen lassen, eigenhändig ein Schiff bewegen und dir erzählen, wie viele Sandkörner man braucht, um das Universum zu füllen. Niemand profitiert davon, wenn ein solcher Mann tot ist. Es würde nur bedeuten, daß die menschliche Rasse plötzlich eine ganze Menge Dinge nicht mehr tun könnte, die sie mit ihm einmal tun hätte können.« Er hielt inne. Vor Verwirrung war ihm ganz schlecht. Plötzlich hatte er das Gefühl, er wäre gestorben, ohne es gemerkt zu haben. Jener Marcus, der damals bei Asculum desertiert war, hätte nie derartige Dinge gedacht, die ihm nun im Kopf herumgingen.

Wieder herrschte Schweigen, dann meinte Gaius resigniert: »Ich schwöre, daß ich ihm nichts antun werde. Mögen mich sämtliche Götter und Göttinnen vernichten, falls ich es tue.«

»Ich schwöre es auch«, murmelte Fabius.

»Dann kommt, wenn ihr wollt«, sagte Marcus, »und ich werde euch helfen, soweit es in meiner Macht steht.«

11

Archimedes fand heraus, daß es letztendlich doch möglich war, den Endzweck eines Katapultes zu kennen und es trotzdem zu bauen. Der Trick war, jeden einzelnen Konstruktionsschritt unabhängig von allen anderen zu erledigen und sich auf die technischen Probleme zu konzentrieren, ohne auf das Endprodukt zu achten.

Nicht daß die technischen Probleme interessant gewesen wären. Für einen Drei-Talenter mußte man den Durchmesser des Bohrlochs lediglich um Dreifingerbreiten erweitern, was einer Vergrößerung um insgesamt drei Fünfundzwanzigstel entsprach. Sicher, zum Rechnen eine umständliche Zahl, aber noch keine schwierige. Wenn er über seine Arbeit glücklicher gewesen wäre, hätte er sich ein neues Drehsystem ausgedacht. Das wußte er genau. Aber das alte erfüllte seinen Zweck noch voll und ganz.

Was ihn am meisten bei der Arbeit an einem neuen, noch größeren Katapult beunruhigte, war die Art und Weise, wie jeder in der Werkstatt ständig grinste. Selbst Eudaimon. Der alte Ingenieur kam herauf, während er gerade die Ausmaße ausarbeitete, scharrte mit den Füßen und räusperte sich ein paarmal, um auf sich aufmerksam zu machen. Dann bat er ihn - ganz bescheiden! - um die Pläne für »Gute Gesundheit«, »da ich es auf Wunsch des Königs kopieren soll«. Archimedes suchte ihm seine Notizen heraus und gab noch ein paar Erklärungen dazu. Eudaimon nickte und schrieb sich selbst einiges auf, aber dann meinte er grinsend: »Hätte mir nie träumen lassen, daß ich je ’nen Zwei-Talenter baue, was? Bau als nächstes mir zuliebe ein wahres Prachtstück, Obermechaniker! « Damit trabte er mit den Notizen in der Hand davon. Archimedes konnte nur noch bestürzt hinter ihm herschauen.

Eines stand fest: Um dem Vorgehen des Königs ein Ende zu setzen, genügte es nicht, wenn man es nur durchschaut hatte. Archimedes war sich nicht sicher, was er dagegen tun sollte, ja, er war sich nicht einmal sicher, ob er etwas dagegen tun wollte. Wie er auf seinen wachsenden Ruhm reagieren würde, hing davon ab, ob er nach Alexandria ging oder in Syrakus blieb. Und diese Frage hatte er innerlich noch nicht entschieden. Beide Möglichkeit hatten ihr Für und Wider, aber es waren und blieben zwei grundverschiedene Dinge, die er nicht ausbalancieren konnte. Er fand Hieron viel interessanter als König Ptolemaios - aber das Museion befand sich in Alex-andria. Seine Familie war hier, seine besten Freunde dort. Und immer wieder drängte sich Delias Bild dazwischen und verwirrte ihn vollends. Sie schickte ihm keine Nachricht mehr, um ein Stelldichein zu arrangieren, und er wußte nicht recht, ob er am Boden zerstört oder erleichtert sein sollte. Er hatte keine Ahnung, was er mit ihr anfangen sollte, noch weniger als mit Alexandria. Rein instinktiv wollte er alles vertagen. Schließlich schien es keinen dringenden Grund zu geben, weshalb er sich sofort entschließen müßte. Alles, was mit Delia geschah oder auch nicht, lag allein in ihren Händen. Und was Alexandria betraf - ganz sicher würde er seine Heimatstadt Syrakus nicht im Stich lassen, solange der Feind vor ihren Toren stand. Das Problem Alexandria konnte er beruhigt liegenlassen, bis er Zeit und Kraft dafür übrig hatte.

Das einzige Problem war nur, daß andere Leute dies nicht so sahen. Zwei Tage, nachdem er mit dem Bau des neuen Katapultes begonnen hatte, erhielt Philyra eine Einladung in die königliche Villa, um mit der Schwester des Königs ein wenig zu musizieren. Diese herablassende Haltung von königlicher Seite machte sie zutiefst mißtrauisch. Trotzdem ging sie hin, aber als Archimedes am selben Abend heimkam, fand er eine tobende Schwester vor und daneben eine ruhige, aber energische Mutter.

»In Wahrheit wollte sich die Schwester des Königs nur über dich unterhalten!« erklärte ihm Philyra empört. »Und die Königin war auch da und meinte, der König hätte versprochen, dich reich zu machen! Medion, was geht hier vor? Warum hast du uns kein Wort davon erzählt?«

Archimedes schnappte nach Luft und stammelte ein paar Entschuldigungen. Er wäre so beschäftigt gewesen und das Haus noch immer in Trauer, und außerdem wäre ihm der Zeitpunkt nicht günstig genug erschienen. Aber noch während er sich abzappelte, wurde ihm klar, warum er tatsächlich die Machenschaften des Königs für sich behalten hatte: Er wußte ganz genau, daß weder Mutter noch Schwester nach Alexandria gehen wollten. Weshalb sollte er mit ihnen darüber streiten, wenn sogar er sich vielleicht zum Bleiben entschließen würde? Und was Delia betraf - nun, damit würden sie ganz gewiß nicht einverstanden sein, oder?