»Mein Liebling«, sagte Arata mit einer stillen Entschlossenheit, die wesentlich schwerer zu ertragen war als Philyras Zorn. »Du darfst uns solche Sachen nicht über Dritte herausfinden lassen. Seit deiner Rückkehr von Alexandria ist der Tyrann wie ein Verliebter hinter dir her. Er hat Leute ausgeschickt, die Erkundigungen über dich eingezogen haben, er hat dich in sein Haus eingeladen und dir riesige Geldsummen angeboten. Er hat Komplimente über dich fallenlassen, wo sie andere Leute garantiert hören konnten.«
»Genausogut hätte er >Archimedes ist schön< an die Wände schreiben lassen können!« warf Philyra erbost ein, beruhigte sich aber wieder nach einem warnenden Seitenblick ihrer Mutter.
»Erwartest du, daß wir das nicht merken?« fuhr Arata fort. »Glaubst du, wir machen uns keine Sorgen, wenn du uns nichts erzählst?«
»Tut mir leid!« rief Archimedes hilflos. »Mama, es gab nie einen Grund zur Sorge. Ich hätte dir doch gesagt, wenn es irgendeinen Grund dafür gegeben hätte.«
»Was will der König von dir?« wollte Arata wissen.
»Nur daß ich Maschinen baue«, protestierte ihr Sohn. »Es ist nur so, daß ich ein paar Dinge mache - ich dachte, sie wären so selbstverständlich, daß sie zuvor schon andere Leute gemacht hatten. Aber jetzt stellt sich heraus, daß es ganz neue Dinge sind, und da meint der König - nun, wißt ihr, keiner hat bisher ein Drei-TalenterKatapult gebaut oder ein Verbundsystem aus Flaschenzügen oder eine Hebeschraube. Also hat Hieron schätzungsweise doch recht.«
»Das Ganze hat aber schon begonnen, bevor du irgend etwas gebaut hast«, sagte Arata argwöhnisch.
»Nun«, erwiderte Archimedes, »Hieron ist ein schlauer Mann. Er weiß genug, um zu begreifen, wie wichtig Mathematik für den Maschinenbau ist. Kaum hatte er von mir gehört, kam ihm deshalb auch der Gedanke, daß ich ein außergewöhnlicher Ingenieur sei. Schätzungsweise hat er mich nur um diese Vorführung gebeten, um zu prüfen, ob er recht hatte. Er ist ein guter König, denn er weiß ganz genau, welche Bedeutung Ingenieursarbeiten für die Sicherheit und das Wohlergehen von Städten haben. Deshalb möchte er, daß ich für ihn arbeite. Und als Gegenleistung hat er Reichtum und Ehre versprochen. Siehst du? Kein Grund zur Sorge.«
Arata schaute ihrem Sohn unverwandt in die Augen. »Das ist noch nicht alles«, folgerte sie.
Sie hatte immer gewußt, wenn er sie zu täuschen versucht hatte. Die zerbrochenen Töpfe, an denen der Wind schuld gewesen war, der Küchenmörser oder die Webstuhlgewichte, die er sich zuerst für eine Maschine ausgeborgt und dann angeblich nie angefaßt hatte -mit nichts hatte er sie zum Narren halten können. Seufzend hob er beide Hände zum Zeichen seiner Niederlage. »Er will mich unbedingt in Syrakus halten. Mama, letzte Nacht habe ich ihm genau dieselbe Frage gestellt wie du eben mir. Und da hat er zugegeben, daß er meinen Ruf bewußt aufgeblasen hat, um mir das Fortgehen möglichst schwer zu machen. Er glaubt, Ptolemaios würde mir über kurz oder lang Reichtum, Ehre und eine Stelle im Museion anbieten.«
Lange Zeit herrschte Stille. Langsam lief Arata rot an. »Bist du so gut?« fragte sie schließlich. Vor Stolz blieb ihr fast die Luft weg. So gut, daß selbst Könige um seine Dienste buhlten?
»Ja«, stimmte Archimedes zu, »wenigstens glaubt es Hieron. Ich kann das nicht beurteilen. Für mich sind Flaschenzugsysteme immer noch selbstverständlich. Ich bin sicher, wenigstens Ktesibios hätte an sie gedacht.«
Auch Philyra hatte ein knallrotes Gesicht bekommen, allerdings in ihrem Fall nicht vor Stolz. »Du wirst doch nicht wieder nach Alexandria gehen!« rief sie.
»Ich weiß es nicht«, sagte Archimedes ehrlich. »Bis dieser Krieg vorbei ist, werde ich nirgendwohin gehen, also, warum sollen wir uns jetzt darüber den Kopf zerbrechen?«
Aber sein Ausweichmanöver stand unter schlechten Vorzeichen, denn sofort fing Philyra zu jammern an, sie wolle nicht nach Alexandria. Außerdem - und das war noch viel schlimmer - war sie felsenfest überzeugt, daß auch er nicht gehen dürfe, wenn er wirklich so gut war, wie der König glaubte. Sie meinte, das wäre Verrat an Syrakus. Und daran änderte sich auch nichts, als ihr Archimedes erzählte, daß Hieron genau mit dieser Reaktion gerechnet hatte. Sie liebte ihre Stadt und war erbost darüber, daß er überhaupt daran denken konnte, sie im Stich zu lassen.
Arata war gefaßter und bereit, eine Diskussion zu verschieben, die möglicherweise nie relevant wurde. Aber auch sie machte deutlich, daß sie Syrakus nicht verlassen wolle. Daraufhin deutete Archimedes vorsichtig an, Philyra könnte im Fall der Fälle einen Syrakuser heiraten und Arata bei ihr leben, während er selbst nach Ägypten ginge. Aber auch dies beruhigte die aufgebrachten Gemüter nicht. Wie ihre Tochter fand es auch Arata nicht richtig, wenn ihr Sohn die Stadt verlassen würde. Allerdings war sie viel zu friedliebend, um diesen entscheidenden Punkt anzusprechen, ehe er relevant wurde.
Als Arata diplomatisch vorschlug, sie sollten jetzt etwas zu Abend essen, wurde der Streit endlich vorübergehend beigelegt, flammte aber nach der Mahlzeit sofort wieder auf. Zum Zeichen des Friedens versuchten sie, ein wenig gemeinsam zu musizieren, aber dann sagte Philyra während des Lautestimmens zu ihrem Bruder: »Übrigens, die Schwester des Königs liebt dein Flötenspiel.« Als sie sah, wie er vor Entzücken strahlte, erstarrte sie förmlich.
»Ach, Medion!« platzte Philyra heraus, der wieder ein Punkt klargeworden war. »Du wirst mir doch nicht etwa erzählen wollen, daß auch sie sich für Ingenieursarbeit interessiert?«
»Nein«, sagte Archimedes ausweichend, »für Auloi. Sie ist sehr gut, stimmt’s?«
»Wann hast du sie denn schon spielen gehört?«
»Im Hause des Königs. Sie war im Garten, und.«
Philyra sprang auf die Beine und hob die Laute, als ob sie ihn damit schlagen wollte. »Auch davon hast du nie etwas erwähnt! Du gehst hin und machst Sachen, die unser aller Leben verändern, und dann denkst du anscheinend, wir hätten nicht einmal das Recht, dies zu erfahren!«
»Aber ich habe doch gar nichts gemacht!« protestierte Archimedes matt. »Ich habe mich mit Delia doch nur ein paarmal unterhalten!«
»Delia! Oh, Zeus! Warum erkundigt sie sich dann ständig nach dir?«
Verblüfft warf Arata Archimedes einen beunruhigten Blick zu und rief: »Medion! Willst du damit andeuten, daß die Schwester des Königs.«
Archimedes floh in den Oberstock und vergrub sich in Rechenaufgaben auf dem Abakus.
Er war erleichtert, als ihn Dionysios am folgenden Abend zum Essen einlud. Damit konnte er den Fragen zu Hause entrinnen, aber dann stellte sich heraus, daß sich auch Dionysios über Alexandria unterhalten wollte und - über Philyra.
»Tut mir leid, daß ich dieses Thema zu einem solchen Zeitpunkt anspreche«, meinte der Hauptmann entschuldigend, als sie sich in der Arethusa zu Tische legten. »Ich weiß, dein Haus trägt immer noch Trauer, und außerdem ist da ja auch noch der Krieg. Aber ich habe gehört, daß du deine charmante Schwester mit einem Alexandriner verheiraten möchtest. Deshalb habe ich mir gedacht, ich gebe besser mein Angebot ab, bevor’s zu spät ist.«
Archimedes verschluckte sich derart an einem Mundvoll Thunfisch, daß man ihm auf den Rücken klopfen und einen Becher Wasser bringen mußte. Als er wieder Luft bekam, erklärte ihm der Hauptmann allen Ernstes, daß es seine Pflicht sei, in Syrakus zu bleiben. »Selbstverständlich würde ich mir nie erlauben, dir vorzuschreiben, mit wem du deine Schwester verheiraten sollst«, fuhr Dionysios fort, »aber als loyaler Bürger muß ich dich beschwören, daß du unsere schöne Stadt nicht verläßt. Der König.«