»Wer hat dir gesagt, daß ich meine Schwester mit einem Alexandriner verheiraten will?« unterbrach ihn Archimedes.
Dionysios war überrascht. »Ich glaube, dein Sklave hat so etwas zu einem meiner Männer gesagt«, gestand er. »Stimmt’s denn nicht?«
»Es hat nie irgendeinen Alexandriner gegeben«, antwortete Archimedes nachdenklich. »Mein Freund Conon und ich, wir beide haben zwar immer von einer brüderlichen Verbindung zwischen uns geredet, aber er stammt aus Samos. Und wir haben nie. das heißt, ich habe davon nie etwas zu Hause erzählt. Ach, bei den Göttern, sag das bloß nicht weiter! Ich habe mit meiner Schwester schon Schwierigkeiten wegen anderer Dinge, die ich ihr nicht erzählt habe. Wenn sie nun meint, ich hätte versucht, sie mit einem Ausländer zu verheiraten, ohne das vorher mit ihr zu besprechen, zieht sie mir die Kitha-ra über den Schädel. Du willst sie heiraten? Ist das wirklich dein Ernst?«
Offensichtlich war es so, denn Dionysios zählte sofort seine Qualitäten auf: seinen Rang, seine Aussichten, seinen Besitz. Er entschuldigte sich für seine mangelhafte Kinderstube. Er stamme aus armen Verhältnissen und hätte sich stückweise nach oben gearbeitet. An Heirat hätte er bisher nie gedacht. Erst seit der letzten Beförderung hätten sich seine finanziellen Verhältnisse so verbessert, daß er nun als gute Partie dastehe. Allerdings habe er bereits im Süden etwas Land erworben und besitze ein Drittel eines Handelsschiffes. Außerdem hege er die berechtigte Hoffnung, daß er nach dem Kriege gut gestellt sein werde. Der König halte große Stücke auf ihn, und bei der Armee werde er respektiert. Philyra sei ihm schon zweimal aufgefallen: im Haus von Archimedes und dann bei der Vorführung. Er finde sie äußerst charmant. Übrigens habe er erfahren, daß sie musikalisch sei. Er habe doch schon immer die Musik geliebt und wolle unbedingt ein Mädchen heiraten, mit dem er seine Begeisterung teilen könnte. Sollte er das große Glück haben und sie gewinnen, dann würde er sie selbstverständlich mit allem Respekt behandeln, der der Schwester eines Mannes wie Archimedes zustehe.
Erstaunt hörte ihn Archimedes an. Der Gedanke an eine Heirat Philyras schien genauso unvorstellbar wie die Tatsache, daß er derjenige sein sollte, der über den zukünftigen Mann entscheiden müßte. Mal angenommen, sie war tatsächlich im heiratsfähigen Alter und er tatsächlich der Haushaltsvorstand - selbst dann schien alles unvorstellbar. Darauf hatten ihn die Tagträumereien mit seinem Freund Conon nicht vorbereitet. Und dann noch Dionysios! Er mochte den Mann ganz gut leiden - ein angenehmer, intelligenter und fähiger Umgang mit einer schönen Stimme. Und alles, was er über seine Zukunftsaussichten erzählt hatte, war hundertprozentig wahr. Davon war er überzeugt. Aber wollte er wirklich so einen Mann zum Bruder? Und angenommen, seine Entscheidung wäre falsch, und Dionysios würde Philyra unglücklich machen? Wie könnte er unter diesen Umständen eine derartige Entscheidung treffen?
»Ich kann dir nicht sofort eine Antwort geben«, sagte er, als der Hauptmann endlich innehielt und nur noch dasaß und ihn ängstlich anblinzelte. »Wie gesagt, das Haus trägt noch Trauer. Es wäre sicher nicht in Ordnung, wenn meine Schwester heiraten würde, solange sie noch wegen des Begräbnisses kurze Haare hat.«
»Natürlich«, sagte Dionysios hastig, »aber - danach?«
»Ich muß unbedingt darüber nachdenken.« Einen Augenblick saß er ganz still da und versuchte sich vorzustellen, wie Mutter und Schwester auf diese Nachricht reagieren würden. In Aratas Augen wäre der Hauptmann der Ortygia-Garnison sicher eine gute Partie. Trotzdem würde auch sie ihn gerne persönlich kennenlernen, ehe sie sich zu einem Ja entschloß. Philyra würde sicher begeistert sein. Sie wird zwar gar nicht gerne von zu Hause weggehen, dachte er, aber der Gedanke, daß ein solcher Mann um ihre Hand angehalten hatte, würde sie faszinieren. Und dann käme - das Abwägen. Sie würde mehr über Dionysios wissen wollen. Er schaute dem Hauptmann in seine ängstlichen Augen und erklärte plötzlich: »Ich weiß ja nicht, wie du über Frauen denkst, aber ich hatte schon immer das Gefühl, daß sie genauso begabt sind wie die Männer, zumindest was den Alltag betrifft. Meine Schwester ist ein sehr vernünftiges Mädchen. In Wirklichkeit sind sie und meine Mutter viel besser in der Lage, praktische Angelegenheiten zu regeln, als ich. Ich weiß nicht, was du davon hältst.« Seine Augen ließen nicht von Dionysios. Viele Männer würden es lächerlich finden, daß er sich seine Entscheidungen von seinen Frauen vorschreiben ließ. Ihm war klar, daß er durch dieses Geständnis Dionysios mit einem Test konfrontiert hatte, und
überlegte, was der andere wohl sagen würde, um zu bestehen.
Dionysios, der fähige Soldat und erfahrene Offizier, wurde rot. »Als ich deine Schwester bei der Vorführung gesehen habe, habe ich mir schon gedacht, daß sie vermutlich zu dieser Art gehört«, murmelte er. »Sie wirkte so selbstbewußt und fröhlich. Sag ihr und deiner Mutter, daß. ich sie mit allem Respekt grüßen lasse.«
Archimedes nickte. Eines war ihm jetzt klar: Hätte Dionysios auch nur im geringsten an Philyras Verhalten Anstoß genommen, dann hätte er sich gegen diese Heirat gestellt, selbst wenn Philyra dafür gewesen wäre. Aber nun würde er im Gespräch mit seiner Schwester sogar noch die guten Seiten von Dionysios herausstreichen. Dionysios war bereit, auf Philyra zu hören, und er mochte ihre selbstbewußte, fröhliche Art - er hatte bestanden.
»Also versteifst du dich nicht auf diesen Alexandriner oder Sa-mier oder was immer er ist?« fragte der Hauptmann hoffnungsvoll.
Archimedes schüttelte den Kopf. »Philyra hat bereits betont, daß sie Syrakus nicht verlassen möchte.«
Trotzdem stellte er sich in Gedanken wehmütig das strahlende Mondgesicht von Conon aus Samos vor. In Alexandria hatte er mit Conon viele Stunden in billigen Schänken zugebracht, wo sie ihre Berechnungen auf Tische oder Wände geschrieben hatten. Sie hatten sich über die mathematischen Fehler der anderen Leute krumm gelacht und sich gegenseitig Witze erzählt, die sonst keiner verstand. Immer hatte einer dem anderen zuerst seine Neuentdeckungen erzählt, und dabei hatte es nie enttäuschte Gesichter gegeben. Wie erwartet war immer alles enthusiastisch aufgenommen worden. Ihre Unterschiede hatten die Freundschaft nur noch beflügelt. Conon war klein und dick und liebte Essen und Trinken und Tanzen, aber sobald es musikalisch wurde, sang er ständig falsch. Er war reich und stammte aus einer vornehmen Familie, deshalb hatte er seinem Freund häufig Geld geborgt. Ungefragt und oft unbemerkt, hatte er es ihm in die Tasche geschoben. Archimedes hatte keine Ahnung, wie hoch die Summe letztlich gewesen war. Dafür hatte er Conon ein Diopter gebaut, ein astronomisches Zielgerät, das Conon später mehr geschätzt hatte als seinen anderen Besitz. Conon hatte mit seinen pummeligen Patschhänden kein Geschick zum Basteln, dafür sprang sein Geist eidechsenflink zwischen den Sternen herum.
Conons Familie hätte nie einer Heirat mit Philyra zugestimmt, selbst wenn Philyra einverstanden gewesen wäre. Aber er und Conon hatten einander sowieso wie Brüder geliebt. Am besten beließ man es dabei.
Dionysios grinste. »Viel Glück deiner loyalen Schwester! Hoffentlich planst auch du nicht, wegzugehen.«
Archimedes murmelte irgend etwas Unverständliches und widmete sich wieder seinem Essen.
»Verzeihung?« meinte der Hauptmann höflich, aber hartnäckig. »Das habe ich nicht verstanden.«
Archimedes unterbrach das Essen und sagte: »Schau mal, wie kann ich über etwas Versprechungen machen, was ich, von heute aus gesehen, in drei oder fünf Jahren tun werde? Bis dahin könnten wir alle schon tot sein! Ich habe nicht vor, zu gehen, solange ich zum Katapultebauen benötigt werde. Warum könnt ihr euch nicht damit zufriedengeben? «