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Aber auch Dionysios konnte dieses Thema genausowenig übergehen wie Philyra. Um einen Mann, den er zum Schwager haben wollte, nicht zu beleidigen, ging er äußerst vorsichtig vor. Trotzdem fühlte er sich »als loyaler Bürger« verpflichtet, Archimedes zum Bleiben in Syrakus zu überzeugen. Über seinen taktvollen Versuchen ging das restliche Essen zu Ende. Als der Kellner zum Tischabdek-ken kam, hatte Archimedes die Nase restlos voll.

Nachdem die Teller abgeräumt waren, wurden wieder die Flötenmädchen der Arethusa hereinkomplimentiert. Aber Dionysios löste sich sofort von dem hübschen, jungen Ding, das sich ihm an den Hals geworfen hatte. »Ich habe morgen Frühdienst«, sagte er. Sein Seitenblick auf Archimedes verriet allerdings, daß er sich genierte, es vor den Augen eines Mannes, bei dem er gerade um die Hand seiner Schwester angehalten hatte, mit einer Hure zu treiben. »Aber vielleicht mein Freund.?« Aus dem Blick wurde eine Frage.

Plötzlich wollte Archimedes nichts lieber, als sich betrinken und mit dem Flötenmädchen schlafen, um vor den Fragen zu fliehen und Delia zu vergessen und seinen makellos präzisen, überaktiven Verstand im Alkohol zu ertränken. »Ja!« sagte er und streckte die Hand nach dem Mädchen aus.

Sofort kam sie herüber und setzte sich verführerisch auf seine Knie. »Du bist Archimedes, stimmt’s?« sagte sie mit rauchiger Stimme und streichelte seine Wange. »Der, den sie den Obermechaniker nennen?«

»Sag das nicht zu mir!« erklärte er verzweifelt. Sie hielt einen Satz Flöten in der Hand, aber noch ehe sie mit dem Spielen anfangen konnte, nahm er sie ihr weg: »Hier! Ich werde dir etwas zeigen, das sich vielmehr lohnt als Katapulte.«

Im Haus am Löwenbrunnen verbrachte ein nervöser Marcus den ersten Teil des Abends. Er argwöhnte, was wirklich hinter der Einladung von Dionysios steckte, und schon der Gedanke daran machte ihn krank. Sein Abwehrversuch schien den Hauptmann nur erst recht zu sofortigem Handeln angestachelt zu haben. Wie würde Archimedes darauf reagieren?

Nach dem Abendessen setzten sich Arata und Philyra in den Hof, um in der kühlen Dämmerung zu musizieren. Die zarten, klaren Saitenklänge beruhigten Marcus, und die Verzweiflung, die ihn in den vergangenen drei Tagen bedrückt hatte, wurde ein wenig erträglicher. Sein Besuch im Steinbruch hatte kein Nachspiel gehabt. Die römische Armee lagerte noch immer vor dem Nordtor, vermutlich plante sein Bruder zusammen mit seinem Freund die gemeinsame Flucht, aber hier im Hause ging das Leben weiter wie immer. Er war sich des familiären Streites wohl bewußt, aber gleichzeitig wußte er auch ganz genau, daß der Streit eigentlich nur an der Oberfläche tobte und nicht im geringsten die tiefe Zuneigung berührte, die alle Familienmitglieder miteinander verband. Während er im Hofe schweigend der Musik lauschte, empfand er das Haus als einen noch reicheren und ruhigeren Ort zum Leben als je zuvor.

Dabei war längst alles in Bewegung geraten. Die Familie war auf dem Weg zu Reichtum und Einfluß, Philyra würde heiraten und fortziehen, und er - er würde auch gehen, irgendwohin.

Als Arata zu Bett gegangen war und Philyra ihre Laute wegpackte, tauchte Marcus neben ihr auf und nahm die Kithara, die sie bereits in ihren Kasten gepackt hatte. »Danke!« sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Er zuckte die Schultern. »Herrin«, begann er unglücklich, hielt aber dann inne, weil er nicht wußte, was er zu ihr sagen sollte.

Irgend etwas in seiner Stimme beunruhigte sie. Sie hob den Kopf zu ihm hoch und versuchte, sein Gesicht in der hereinbrechenden Nacht zu sehen. »Was ist?«

»Du - du glaubst doch nicht noch immer, daß ich Archimedes in Alexandria bestohlen habe, oder?« fragte er.

Sie starrte ihn an, sein ernster Ton verblüffte sie. Sie hatte ihre Verdächtigungen fast schon vergessen. Seit dem Tode ihres Vaters war eine Menge Geld hereingekommen, um das sich Marcus sehr sorgfältig gekümmert hatte. Ständig brachten Boten ganze Säcke voll Münzen von der Königsvilla herunter - insgesamt bisher hundertachtzig Drachmen für Katapulte und dazu noch die Ausgaben für das Begräbnis. Archimedes warf kaum einen Blick darauf. Die Buchführung blieb Marcus und ihr überlassen. Bei dieser Frage des Sklaven wurde ihr klar, wie peinlich genau er jeden Obolos abgerechnet hatte. »Nein«, sagte sie, wobei sie sich vor sich selbst schämte. Falls jemand ihren Bruder in Alexandria betrogen haben sollte, dann gewiß nicht Marcus.

»Da bin ich aber froh«, sagte er leise. »Ich möchte nicht, daß du schlecht von mir denkst. Egal, was passiert, ich habe diesem Hause nie auch nur im geringsten schaden wollen, bitte glaube mir.«

»Egal, was passiert?« wiederholte Philyra beunruhigt. »Was meinst du damit?«

»Ich - habe nur an den Krieg gedacht, Herrin. Ich weiß, da draußen sind meine Landsleute, aber sie sind hierhergekommen, weil man ihnen Lügen erzählt hat. Und ich will nicht - Philyra, falls sie hereinkommen sollten, würde ich kämpfen, um dich zu verteidigen.«

Gerührt beugte sie sich hinüber und legte einen Moment ihre Hand auf seine. »Danke, Marcus«, sagte sie, dann richtete sie sich auf, nahm ihre Laute und erklärte mit Nachdruck: »Aber sie werden nicht hereinkommen! Die Gunst der Götter ist mit Syrakus!«

»Ich bete, daß es wahr ist«, sagte er.

Er trug ihr die Kithara nach oben und schaute zu, wie sie in ihr Zimmer ging: ein schlanker Schatten in schwarzer Trauerkleidung im dunklen Hause. Anschließend ging er wieder hinunter und setzte sich in den Hof. Er preßte die Hand, die sie berührt hatte, gegen seine unrasierte Wange. Seine Gefühle schnürten ihm die Kehle zu. Es hatte keinen Sinn, er war doch nur ein Stück Besitz. Und trotzdem wünschte er sich, daß er tatsächlich für sie kämpfen könnte: Er würde sie vor seinen Landsleuten retten und in Sicherheit bringen und ihr Mut machen, während sie sich an ihn klammerte, und - es hatte keinen Sinn. Wenn doch nur ihr Bruder heimkäme und ihm erzählen würde, was er Dionysios geantwortet hatte.

Stundenlang wartete er im dunklen Innenhof und schaute den Sternen zu. Endlich war an der Tür ein leises Klopfen zu hören. Marcus zog sich hoch und machte eilends auf. »Herr.«, setzte er an.

»Marcus!« flüsterte sein Bruder und drückte ihn mit einem Arm fest an sich. Neben ihm huschte Quintus Fabius wie Rauch durch die Tür.

Beinahe hätte Marcus vergessen, daß dies die erste Nacht war, in der er mit ihnen rechnen konnte. Er stolperte rückwärts, dann verschloß er hastig hinter ihnen die Tür und verriegelte sie. »Ist man euch gefolgt?« flüsterte er und mußte die Frage sofort auf latinisch wiederholen.

Fabius war derjenige, der antwortete. »Nein«, sagte er, »allerdings mußten wir einen Wachtposten töten. Sie werden den Knaben sicher noch vor dem Morgen vermissen, und dann werden sie nach uns suchen. Du sagtest, du könntest uns helfen, aus der Stadt zu kommen. Hoffentlich schaffst du’s heute nacht!«

»Ja«, erwiderte Marcus bestürzt. Welchen Wachtposten hatten sie getötet? Den jungen Mann? Den Anführer? Oder einen von den anderen, die gelacht und Luftkämpfe aufgeführt hatten, während sie die Namen der Katapulte seines Herrn aufgesagt hatten? Getötet, zweifelsohne mit seinem Messer. Als er das Messer dort gelassen hatte, hatte er gewußt, daß es dazu kommen konnte, aber er hatte gehofft. »Sprecht ganz leise«, befahl er. »Schließlich wollt ihr doch niemanden wecken. Gaius, wie geht’s dir?«

»Tut weh«, antwortete Gaius, »aber ich halt’s aus. Der Griechendoktor hat genau gewußt, was er tat.« Wieder streckte er die Hand aus und drückte den Arm seines Bruders. »Welche Pläne hast du, um uns herauszuschaffen?«

»Habt ihr immer noch das Seil, das ich euch gegeben habe?«

Schemenhaft ein doppeltes Kopfschütteln. »Wir haben es an der Mauer hängen lassen«, flüsterte Fabius.

»Dann werde ich ein neues besorgen«, sagte Marcus.

Plötzlich klopfte es wieder leise an die Haustür.